Wie valide ist der World Drug Report der Vereinten Nationen?

by Gastautor

Ein Gastbeitrag von Alhasan Abdulghani

Der „World Drug Report“ ist eine jährliche Veröffentlichung des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung, die den weltweiten Drogenmarkt und seine gesellschaftlichen Auswirkungen analysiert (1). Das dritte Booklet des Berichts von 2022 mit dem Titel „Drug Market Trends of Cannabis and Opioids“ ist der einzige Abschnitt, der sich mit medizinischem Cannabis befasst (2).

Das Booklet beginnt mit dem Satz „Drogen können töten“, was als eine gewisse Voreingenommenheit angesehen werden könnte. Eine solche verallgemeinernde Aussage ließe sich durch ähnlich formulierte ersetzen, wie z. B. „Pferdreiten kann töten“ (tatsächlich wurde ein renommierter Neurowissenschaftler von seinen Kollegen geächtet, weil er eine Arbeit veröffentlicht hatte, in der es darum ging, dass die jährliche Todesrate durch Pferdreiten höher war als die durch MDMA verursachte) (3). Man muss diesen Bericht jedoch sicher etwas differenzierter betrachten. Vor allem wenn man einmal einen Blick in die USA wirft, wo es ein erhebliches Abhängigkeitsproblem für Opioide gibt, nachdem US-amerikanische Ärzte etwa den Stoff Oxycodon über lange Zeit, in erheblichen Mengen und das dann noch sehr unkritisch, verschrieben. Dieses unsägliche Verschreibungsverhalten (was in Deutschland so niemals möglich gewesen wäre) hat in den USA dazu geführt, dass man Patienten geradezu vorsätzlich abhängig gemacht hat. Als dann keine Verordnungen mehr folgten, stiegen diese zur Befriedigung ihrer Sucht und Abhängigkeit auf andere hochpotente Rauschmittel wie Kokain und Heroin um. Das Arzneimittel wurde, iatrogen herbeigeführt, tragischerweise zur Einstiegsdroge in die Nutzung illegaler Drogen.

Zu den Beispielen für Verzerrungen im UN-Bericht gehört eine Studie, die in den Abbildungen 15 und 16 des 3. Booklet zitiert wird. In dieser Studie analysierten die Autoren die Krankenhauseinweisungen im Zusammenhang mit Cannabis in Deutschland. Allerdings weist die Studie verschiedene Mängel auf. Zum einen wurde nur die absolute und nicht die relative Zahl der cannabisbedingten Krankenhauseinweisungen gezählt. Dies berücksichtigt nicht die Veränderungen in der Bevölkerung sowie die Veränderungen in der Prävalenz des Cannabiskonsums. Außerdem ist zu beachten, dass diese Zahlen nur die Krankenhausaufenthalte darstellen laut der hier verwendeten Datenquelle (DESTATIS, Statistisches Bundesamt) ist jede neue Einweisung ein neuer Fall. Ein und derselbe Patient kann jedoch innerhalb eines Jahres auch mehrfach eingewiesen worden sein, wodurch die Fallzahl erhöht erscheint, obwohl es sich letztlich um denselben Fall mit einer Wiedereinweisung handelt. Die Autoren verweisen auch auf Änderungen im deutschen Versicherungsrecht in der Psychiatrie, die Anreize zur Verkürzung der Verweildauer in Krankenhäusern setzen und damit unabsichtlich zu mehr Krankenhausaufenthalten führen. Patienten könnten nämlich in der Folge erneut eingewiesen werden, was sich dann als eine vermeintliche Zunahme der Krankenhausaufenthalte darstellt, obwohl der Grund dafür letztlich eine zu schnelle Entlassung mit einem Wiederaufflammen der Symptomatik war. Darüber hinaus wurde in der Studie festgestellt, dass die Zahl der Krankenhausaufenthalte für alle Krankheiten im Beobachtungszeitraum zugenommen hat, was bei den Analysen in der Studie nicht berücksichtigt wurde. Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass der Anstieg der Krankenhausaufenthalte auf die Legalisierung von medizinischem Cannabis zurückzuführen sein könnte, ohne dies zu belegen (4). Dies ist jedoch eine bloße Vermutung, die dann auch die Autoren des UN-Berichts übernahmen (2).

Nachdem die Autoren des UN-Berichts eine ganze Seite lang die Vorbehalte bei der Bewertung der Auswirkungen der Cannabislegalisierung erläutert haben, fahren sie mit Aussagen fort, die zwar sachlich richtig erscheinen mögen, für die die Beweise aber teils sehr schwach oder nicht schlüssig sind. Der UN-Bericht betont nicht die Notwendigkeit eines neutralen Standpunkts und verwendet stattdessen schwache Beweise, um allumfassende Aussagen zu treffen. Dies wird in der Tabelle auf den Seiten 31 bis 33 deutlich, in der die Auswirkungen der Cannabislegalisierung zusammengefasst sind. (2)

Der World Drug Report ist oft kritisiert worden. Zum einen stützt sich der World Drug Report bei der Analyse des illegalen Drogenmarktes hauptsächlich auf Daten, die von den Mitgliedsstaaten mittels Fragebögen übermittelt wurden. In einem Buch über die Politik der Kriminalitätsstatistik stellen Peter Andreas und Kelly M. Greenhill fest, dass es für die UN-Mitgliedsstaaten Anreize gibt, ihre Zahlen zur Drogenkriminalität aufzublähen, um zum Beispiel zu zeigen, dass ihre Drogenbekämpfungspolitik effektiv ist.(5) Der UN-Bericht wurde auch von Amnesty International kritisiert, weil die verheerenden Auswirkungen der Drogenpolitik auf die Menschenrechte sowie Polizeibrutalität, Masseninhaftierung und die Todesstrafe nicht erwähnt wurden. (6, 7)

Alles in allem sollte der World Drug Report als ein Bericht über den weltweiten illegalen Drogenmarkt betrachtet werden, der möglicherweise unzuverlässige Daten enthält und die Daten so darstellt, dass sie einem bestimmten Standpunkt dienen, nicht jedoch als ein wissenschaftlicher Bericht über Cannabis und seine Pharmakologie. Daher sollte dieser UN-Bericht von den Medien auch nicht dazu benutzt werden, die immensen Vorteile der Legalisierung von medizinischem Cannabis in Deutschland zu kritisieren oder herunterzuspielen.

  1. United Nations Office on Drugs and Crime. World Drug Report 2022: Booklet 1 [Internet]. 2022. Available from: https://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/wdr-2022_booklet-1.html
  2. United Nations Office on Drugs and Crime. World Drug Report 2022: Booklet 3 [Internet]. 2022. Available from: https://www.unodc.org/unodc/en/data-and-analysis/wdr-2022_booklet-3.html
  3. Perkins A. Ecstasy v “equasy.” The Guardian [Internet]. 2009 Feb 11 [cited 2022 Aug 8]; Available from: https://www.theguardian.com/commentisfree/2009/feb/11/drugs-alcohol-drugs-policy
  4. Gahr M, Ziller J, Keller F, Muche R, Preuss UW, Schönfeldt-Lecuona C. Incidence of inpatient cases with mental disorders due to use of cannabinoids in Germany: a nationwide evaluation. Eur J Public Health. 2022 Apr 1;32(2):239–45.
  5. Andreas P, Greenhill KM, editors. Sex, Drugs, and Body Counts: The Politics of Numbers in Global Crime and Conflict. Illustrated edition. Ithaca, N.Y: Cornell University Press; 2010. 304 p.
  6. UN World Drug Report: Four Key Takeaways [Internet]. Transform. [cited 2022 Jul 6]. Available from: https://transformdrugs.org/blog/un-world-drug-report-four-key-takeaways
  7. Iran: Addicted to death: Executions for drugs offences in Iran [Internet]. Amnesty International. [cited 2022 Jul 6]. Available from: https://www.amnesty.org/en/documents/mde13/090/2011/en/

Über den Autor:

Nach einem Bachelor-Studium der molekularen Biomedizin in Köln absolviert Alhasan derzeit ein Master-Studium der translationalen Neurowissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Neben seiner Bachelorarbeit über die potentielle therapeutische Wirkung von Psychedelika auf die Alkoholsucht hat er praktische Erfahrungen in der pharmazeutischen Qualitätskontrolle und im wissenschaftlichen Schreiben gesammelt. Zurzeit ist er bei Drapalin Pharmaceuticals tätig.

 

Disclaimer: Gastbeiträge müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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