Interviews & Gastbeiträge

Lisa Stemmer: “Wenn Universitäten die Industrie unterstützen, wird Cannabis als Produkt legitimiert”

Der Cannabis-Markt ist verlockend, da bis dato noch völlig unbesetzt. Gleichzeitig sind Unsicherheiten groß: Was ist in welchem Land erlaubt? Wie streng sind die Regulierungen wo? Umso größer der Bedarf nach entsprechender Expertise. Lisa Stemmer, Gründerin und Chef Strategin bei The Parabella spricht über die Herausforderungen und erläutert, wie der Markt auf die Wahl von Donald Trump reagiert hat und was die größten Risiken in Deutschland sind.

Guten Tag Frau Stemmer, seit 2016 haben Sie auch einen Fokus auf Cannabis. Wieso?

Firmen in diesem Feld stehen ähnlichen Schwierigkeiten und Regulierungen gegenüber, wie Unternehmen aus dem Bereich der Bio- und Lebenswissenschaften oder Hersteller medizinischer Geräte – Kunden. für die wir seit über 25 Jahren arbeiten. Da ich inzwischen in Tübingen lebe, haben wir unser Angebot auch auf europäische Unternehmen ausgeweitet.

Was sind die größten Trends auf dem US-amerikanischen Cannabis-Markt?

Extraktionssysteme und die Hersteller von Infusionsprodukten sind in den vergangenen Jahren signifikant gewachsen. Dieser Trend hat sich durch Innovatoren und Verbrauchernachfrage so stark entwickelt. Auch wenn die Cannabisblüte in US-Bundesstaaten am meisten erkauft wird – für Patienten, die ihren Konsum diskret halten wollen oder die Lungenprobleme haben, kommt Rauchen einfach nicht in Frage. Die Extraktion liefert die Zutaten, um essbare und trinkbare Produkte oder Tinkturen und Pflaster herzustellen. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang, die klinischen Vorteile und der Vielseitigkeit von extrahierten Materialien wirklich zu verstehen. Daher denke ich, dass sich das Wachstum in diesem Bereich noch fortsetzen wird.

Grundsätzlich kann man sage: Jedes Marktsegment ist stark gewachsen, einfach, weil es ein boomender Markt ist. Wenn neue Unternehmen in die Cannabisindustrie einsteigen, versuchen sie immer sich abzusetzen. Sei es durch Produktinnovation, verbesserten Kundenservice oder einen Wandel im Erlebnis der Kunden, etwa indem ein kleineres demographisches Segment wie “Frauen über 50” angesprochen wird. Ich denke, dass sich Erfolg dann einstellt, wenn Unternehmen verstehen, dass sie ihre Erfahrungen aus anderen Branchen nicht einfach eins zu eins auf den Cannabismarkt anwenden können.

Der Markt ist immer noch durch Unsicherheit gekennzeichnet. Welchen Einfluss hatte die Wahl von Donald Trump auf den Markt?

Die Wahl Donald J. Trumps zum US-Präsidenten hat zu Unsicherheit bei Einzel- und Großhändlern, Herstellern und Investoren geführt. Wie wir wissen, haben sich sowohl Trump als auch US-Justizminister Jeff Sessions sehr negativ zu Cannabis geäußert. Nun scheint es so, dass in Staaten, die Cannabis legalisiert haben, Abgeordnete beider Parteien Kontakt mit der Bundesregierung aufnehmen, um anhand von Daten und Informationen die Vorteile einer regulierten Cannabisindustrie für Verbraucher und Staat darzustellen. In Hinsicht auf eine neue Interpretation des “Cole Memo” auf Bundesebene, könnte öffentlicher Widerstand eine wichtige Rolle spielen, wie zuletzt bei dem Versuch einer Rücknahme der Gesundheitsreform “Obamacare”. Trotzdem wird in näherer Zukunft die Unsicherheit bleiben. Wir werden genau beobachtet, wie die Regierung Trump mit dem Thema Cannabis umgeht.

Wie werden sich die Import- und Exportbeziehungen zwischen Deutschland, den USA und Kanada entwickeln?

Der Handel von Cannabis mit den USA lässt sich leicht beantworten. Vor einigen Jahrzenten hat die US-Regierung Cannabis als eine sog. “Schedule I”-Droge eingeordnet. Damit wurde Cannabis, ebenso wie Peyote, LSD und Heroin als höchst süchtig machende Droge ohne akzeptierten medizinischen Nutzen klassifiziert. So lange diese Bundesgesetze nicht geändert werden, ist der Import und Export von Cannabis oder Cannabisprodukten sehr unwahrscheinlich. Und leider hat die aktuelle US-Regierung keine Anzeichen dafür geliefert, dass sie eine Neu-Klassifizierung durchführen will.

Zuletzt gab es in den USA eine Gegenreaktion auf importierte CBD-Produkte. Am 12.04.2017 gab die Stadt Denver eine Mitteilung heraus, die den Verkauf von CBD-Produkten untersagt, die für den menschlichen Verzehr vorgesehen, aber nicht durch die FDA zugelassen wurden. Hierbei wurden Sorgen um die öffentliche Gesundheit angeführt. Sie konzentrierten sich außerdem auf CBD-Produkte, die in unregulierten Einrichtungen hergestellt werden, sowie auf Inhaltsstoffe, die aus anderen Ländern stammen. Ich glaube, das ist ein Indikator dafür, wie andere Bundesstaaten und vielleicht auch Nationen auf Einschränkungen rund um CBD-Produkte reagieren werden.

Deutschland ist traditionell eine Exportnation. Die Qualität der Produkte war das A und O. Ich erwarte nichts anderes für die Cannabisindustrie. Aus Deutschland könnten Innovationen für die Bereiche Verpackung und Sortierung, Verdampfer, Kultivierungstechnologien oder sogar industrielle Hanfernte kommen. Ich weiß nicht, ob es für Deutschland langfristig Sinn machen würde, zu importieren. Während wir versuchen die Kosten für Gesundheitsversorgung zu senken und mehr lokale Jobs zu schaffen, könnte es für Deutschland Sinn machen Cannabis und Extraktionsprodukte lokal herzustellen.

Welche neuen Businessmodelle erwartest du für den deutschen Markt?

Deutschland wird – wie die USA – viele interessante Wege finden, um durch Regulierung neue Jobs und Businessmodelle zu schaffen. Beispielsweise ist in den USA Cannabis auf der Bundesebene illegal, in einigen Bundesstaaten aber ist es legal. Da Banken auf Bundesebene versichert sind, haben viele von ihnen gesagt, dass sie nicht mit Cannabisunternehmen zusammenarbeiten werden. So entstand ein neues Marktsegment, das sich mit der Handhabung von Bargeld beschäftigt und Unternehmen umfasst, die etwa große Bargeldtresore oder robuste Sicherheitssysteme anbieten. Gleichermaßen entstanden Software- und Trackingunternhemen, als es Pflicht wurde Pflanzen mit RFID-Chips auszustatten. Die kommenden Regulierungsmaßnahmen werden einen tieferen Einblick in potentielle neue Unternehmenstypen und Hilfsstrukturen erlauben.

Außerdem hat Deutschland, im Gegensatz zu den USA, nun die Möglichkeit die Kraft seiner Universitäten zu nutzen, um Forschung, Wissen und Innovation zu befördern. Deutschland schätzt die Wissenschaft und wenn man es schafft, dass die Universitäten die Industrie unterstützen, werden Hanf und Cannabis als Produkte weiter legitimiert.

Und was sind die größten Risiken und Möglichkeiten für Investoren in Deutschland?

Ich denke, das größte Risiko für jeden Investor ist es, den Markt nicht zu verstehen oder Vorurteile aufbauen, die auf seinen eigenen, persönlichen Wahrnehmungen beruhen. Der Schlüssel ist zu verstehen, wie Cannabis kultiviert, verteilt und vertrieben wird. Wichtig ist auch, die komplette pharmazeutische Lieferkette und die Verschreibungspraxis von Ärzten zu verstehen. Ein Riskio wäre es, den Widerstand gegen Wandel zu unterschätzen. So könnte es sein, dass deutsche Patienten neuen Darreichungsformen wie Pflastern und Tinkturen gegenüber nicht offen sind, sondern lieber bei den traditionellen Pillen und Kapseln bleiben.

Selbst in einem hoch regulierten Markt sind den Möglichkeiten, von Schulungsmaterial für Patienten bis zur Herstellung von Böden und Nährstoffen, keine Grenzen gesetzt. Ich glaube, dass für profit-orientierte Unternehmen, die schnell und effizient wachsen können, die Möglichkeiten größer sind. In den USA und Kanada fand der meiste Wachstum in den letzten vier Jahren statt. Es ist eine Industrie, die nicht wartet, daher ist jetzt die Zeit gekommen.

Über The Parabella

The Parabella hat mehr als 20 Jahre Erfahrung mit Marktanalysen und im Erstellen von Marketingstrategien für Hersteller medizinischer Geräte, sowie für Unternehmen aus dem Bereich der Bio- und Lebenswissenschaften. Das Unternehmen sammelt und anlaysiert Kunden- und Marktdaten und nutzt die Ergebnisse um umsetzbare Unternehmensstrategien zu entwickeln.

Bildquellen

  • LisaStemmer16-9: The Parabella
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