Quo vadis cannabinoidbasierte Fertigarzneimittel? Status Quo und Perspektiven

by Dr. med. Anna Platzmann

Bisher sind in Deutschland drei cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel zugelassen: Sativex, Epidyolex und Canemes. Apotheken können auch Marinol-Kapseln aus den USA importieren. Vertanical, Cannamedical und die Sanity Group kündigten zudem an, an neuen Fertigarzneimitteln zu forschen. In der Gegenwart dominieren aber noch medizinische Cannabisblüten den Markt. Gehört Fertigarzneimittel die Zukunft?

Zur Erinnerung: Sativex erhielt bereits 2011 seine Zulassung. Canemes folgte 2015 und Epidyolex 2019. Medizinische Cannabisblüten sind seit März 2017 auf dem deutschen Markt verfügbar – zuvor erhielten hierzulande nur 1.000 Patient:innen über eine Ausnahmegenehmigung als Selbstzahler legal medizinisches Cannabis.

Hersteller und ProduktnameErstzulassungIndikationInhaltVerabreichungsform
Jazz Pharmaceuticals: Sativex2011Erwachsene mit mittelschwerer bis schwerer Spastik bei Multipler SkleroseTHC + CBDOromukosalspray zum Aufsprühen auf die Mundschleimhaut
Jazz Pharmaceuticals: Epidyolex  2019Kinder mit bestimmten Epilepsieformen (Dravet- u. Lennox-Gastaut-Syndrom) und Krampfanfälle bei tuburöser SkleroseCBDLösung zum Einnehmen
AOP Orphan Pharmaceuticals AG: Canemes2015Erwachsene Krebspatienten mit Übelkeit und Erbrechen infolge einer ChemotherapieNabilon (synthetisches THC)Kapseln zum Einnehmen
Bisher zugelassene Fertigarzneimittel (Quelle: eigene Angaben der Unternehmen)

Laut der Datenexperten von Insight Health stiegen die Verordnungen der drei cannabinoidhaltigen Fertigarzneimitteln seit 2017 von 18.000 jährlich auf über 90.000 im letzten Jahr. Der Umsatz mit den verordneten Medikamenten stieg im gleichen Zeitraum von zehn auf rund 38 Millionen Euro pro Jahr.

“Speziell Epidyolex hat zu diesem Umsatzsprung maßgeblich beigetragen”, erläutert Dr. Tobias Haber, Director Speciality Care & Rare Diseases bei Insight Health, das Gesundheitsdaten unabhängig verarbeitet. Den Erfolg der Fertigarzneimittel begründet er unter anderem damit, dass  Fertigarzneimittel “de facto etwas leichter im Handling und zudem deutlich omnipräsenter in Apotheken vertreten” seien. So verkaufe etwas mehr als jede zweite Apotheke in Deutschland regelmäßig Cannabinoid-haltige Fertigarzneimittel, anders sei dies bei Cannabisblüten, bei denen es, so Haber, “häufig zu Lieferengpässen oder Retouren aufgrund mangelnder Qualität oder Verunreinigung” komme. Laut Insight Health führt nur jede fünfte Apotheke regelmäßig Cannabisblüten im Sortiment.

Auch Cannabisblüten im Aufschwung

Dennoch stieg auch die Zahl der verordneten Cannabisblüten in den vergangenen Jahren an. Laut Insight Health kauften deutsche Apotheken 2017 noch 456 Kilogramm Cannabis-Blüten, 2020 mit knapp 5,7 Tonnen mehr als zehnmal so viel. Aktuell behaupten sich die Blüten tapfer gegen Fertigarzneimittel und Extrakte.

Angesichts der bestehenden Fertigarzneimittel sowie der ambitionierten und kostenaufwendigen Forschungsvorhaben stellt sich die Frage: Stehen wir an einem Wendepunkt in der cannabinodibasierten Therapie?

Es ist nicht ungewöhnlich, dass aus natürlichen Arzneimitteln (teil-)synthetisch produzierte Fertigarzneimittel werden. Nicht groß anders war dies bei Opioiden: Einst als Schlafmohnextrakt produziert, entwickeln Unternehmen heutzutage massenweise (teil-)synthetisch Opioid basierte Medikamente. Die Preise für eine monatliche Opioid-Therapie liegen bei 60-270 Euro im Durchschnitt. Das hierzulande natürlich angebaute Produkt Cannabis will die Cannabisagentur für 4,30 Euro je Gramm an Apotheken verkaufen. Hinzu kommt ein entsprechender Rezepturaufschlag, Rezeptgebühren und gegebenenfalls weitere Sachkosten sowie die Mehrwertsteuer, so dass das Gramm in der Abgabe circa zehn Euro kostet. Die enthaltenen Cannabionoide THC und CBD dürfen, anders als beim Fertigarzneimittel, um plus oder minus zehn Prozent schwanken. Logistik, Lagerung und Weiterverarbeitung sind entsprechend aufwendiger als bei verpackten Tabletten.

Während die Therapie mit Sativex laut Techniker Krankenkasse die Kassen jährlich 372 bis 4476 Euro kostet, fallen für ein Standard-Medikament wie Baclofen zwischen 154,72 und 255,46  Euro an. Bei Blüten dürfte sich die Therapie – ausgehend von 20 Euro je Gramm auf durchschnittlich rund 480 Euro monatlich belaufen. Cannabis ist auf den ersten Blick teuerer als etablierte Produkte.

Da ist es nicht verwunderlich, dass mit Vertanical, Tochter-Unternehmen von Clemens Fischer’s Futrue Group, Endosane, Tochter der Sanity Group, und Cannamedical drei Unternehmen öffentlich verkündet haben, neue cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel zu entwickeln. Standardisiert und in hoher Stückzahl produziert, würden die Entwicklungskosten skalieren und die cannabinoid-basierte Therapie deutlich günstiger werden. Dürfte. Denn noch ist das Zukunftsmusik.

Während Vertanical auf ein Schmerzmedikament für chronische Rückenschmerzpatienten setzt und Cannamedical sich an “chronisch kranke Schmerzpatienten” richten will, setzt Endosane auf die Therapie psychiatrischer Erkrankungen, insbesondere die Schizophrenie. Auf Anfrage teilten die Unternehmen mit, jeweils zwischen 15 und 250 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung zu investieren. Die geplante Dauer der erforderlichen Studien variiert zwischen drei bis zehn Jahren. Mit den mit Abstand höchsten Kosten kalkuliert dabei Vertanical. Insgesamt investiert das Münchner Unternehmern nach eigenen Angaben 250 Millionen Euro, unter anderem in die eigene Produktionsanlage in Dänemark, um eine “stabile Qualität zu höchsten EU-Standards bei Anbau und Verarbeitung der Pflanzen zu gewährleisten”. Anders als seine Mitstreiter befindet sich Vertanical nach eigenen Angaben bereits in Phase-III. Die klinische Studie habe das Ziel, “die Daten zur Wirksamkeit, Verträglichkeit und Sicherheit des speziellen Cannabis-Vollextrakts zu erfassen.”

Hersteller und ProduktnameStudienphaseIndikationMedikamentenartKostenGeplante Fertigstellung
Sanity GroupPhase IISchizophrenieverschreibungspflichtiges Antipsychotikum50-100 Millionen Euro2025-26
Vertanical:VER-01Phase IIIchronische Rückenschmerzenverschreibungspflichtiges Fertigarzneimittel 250 Millionen Euroinsgesamt 6 Jahre Entwicklungszeit ab Phase I
Cannamedicalpräklinische Phasechronisch kranke Patienten mit SchmerzenBtM-pflichtiges Medikament15 Millionen Euro3-5 Jahre ab Phase I (soll 2023 beginnen)
Sanity GrouppräklinischPosttraumatische Belastungsstörung und soziale Angststörunggeplanter Phase I Beginn noch im Jahr 2022
Tabelle 2: Fertigarzneimittel in der Entwicklung (Quelle: eigene Angaben der Unternehmen)

Warum die Entwicklungskosten so unterschiedlich sind, könnte auch an verschiedenen Möglichkeiten der Arzneimittelzulassung liegen. So ist es beispielsweise möglich, sich auf einen “well established use” bei einem Wirkstoff mit mindestens zehnjähriger Erfahrung zu berufen. 

Sollte Cannabis nicht mehr als Betäubungsmittel reguliert werden, ergibt sich zudem die Möglichkeit, den Weg des “Herbal medicinal product” zu beschreiten. Beispielsweise muss man bei traditionellen Arzneimitteln wie Johanniskraut keine Wirkung nachweisen, die Zulassung vereinfacht sich erheblich. Ob das mit Cannabis tatsächlich möglich ist, steht allerdings in den Sternen.

Cannabinoidbasiertes Fertigarzneimittel für Volkskrankheit?

Dafür dürfte bei Erfolg die Nachfrage groß sein. In “Burden 2020”, einer telefonischen Querschnittsstudie des Robert-Koch-Instituts, gaben 15,5 Prozent der Befragten an, unter chronischen Rückenschmerzen zu leiden. Abzuwarten bleibt dabei allerdings, ob die Kassen potenziellen Patient:innen tatsächlich cannabinoidbasierte Fertigarzneimittel erstatten. Sollten die Kosten für die Therapie nicht stark genug sinken, könnte Cannabis weiterhin erst nach ausbleibender Besserung nach einer Standardtherapie wie NSAR, also nicht-steroidale Antirheumatika, und Opioiden in Frage kommen.

Auf Nachfrage, ob sich der Preis an die Tageskosten einer Opioidtherapie von circa vier Euro annähern könnte, hat sich Vertanical mit dem Hinweis auf die noch laufende Studie nicht geäußert.

Sowohl Cannamedical als auch die Sanity Group erklärten gegenüber krautinvest.de, dass noch weitere Fertigarzneimittel in der Pipeline stehen. Vertanical wollte dahingehend keine Auskünfte machen. Dabei bleibt die Sanity Group den psychiatrischen Erkrankungen treu und entwickelt ein Medikament für posttraumatische Belastungsstörung und soziale Angststörung, Cannamedical setzt auf Schmerzpatienten und lässt noch offen, um welche Schmerzen es sich dabei handelt. 

Noch stehen allerdings einige Fragezeichen hinter den zukünftigen Fertigarzneimitteln. Beispielsweise scheiterten Arena Pharmaceuticals und GW Pharmaceuticals mit ihren Zulassungen für zwei Fertigarzneimittel jeweils in Phase II. Angestrebt hatten sie Medikamente für die Indikationen Reizdarm (Arena Pharmaceuticals) und Epilepsie (GW Pharmaceuticals). Es bleibt also abzuwarten, ob und wann es weitere cannabinoidhaltige Fertigarzneimittel mit einer reichen Bandbreite an Indikationen auf den Markt schaffen.

Klinische Studien? „Individuell sehr unterschiedlich verlaufenden Reaktionen von Patienten

Ein Vorteil für die forschenden Unternehmen: Einmal zugelassene Fertigarzneimittel lassen sich besser monetarisieren. Schließlich können sie sich diese die durch Patente schützen lassen. In Masse produziert, würden die Therapiekosten trotz der aufkommenden Rabattverträge im Vergleich zu Blüten höchst wahrscheinlich nochmals deutlich niedriger liegen.

Andererseits mag die Produktion und Logistik für medizinische Cannabisblüten zwar aufwendiger sein, dafür bleibt abzuwarten, inwiefern zukünftige Fertigarzneimittel analoge Wirkungen erzielen werden. Das Zusammenspiel der weit über 100 verschiedenen Cannabinoide und Terpene wird wohl auf absehbare Zeit wissenschaftlich nicht abschließend aufgeklärt werden. Rege diskutiert wurde in den vergangenen Jahren der Entourage-Effekt.

Rechtsanwalt Peter Homberg bringt noch ein ganz anderes Argument ins Spiel und verweist auf die individuell stark verschiedenen Wirkungen von medizinischem Cannabis: „Für die Zulassung ist die erfolgreiche Durchführung klinischer Studien notwendig, welche durch die individuell sehr unterschiedlich verlaufenden Reaktionen von Patienten erschwert wird. Insbesondere gehört es auch zur natürlichen Beschaffenheit der Cannabispflanze, dass der Wirkstoffgehalt von Pflanze zu Pflanze schwankt. Deshalb ist die Definition entsprechender zu erreichender Endpunkte in klinischen Studien äußerst schwierig.”

Die Quintessenz des Ganzen? Die Vorteile von Fertigarzneimitteln sind offenkundig – genauso wie die vielen Fragezeichen auf dem Weg dorthin. “Der praktische Bedarf ist jedenfalls da, sodass die Zukunft abzuwarten bleibt”, schlussfolgert Homberg.

Disclaimer: Redaktionelle Inhalte. Keine Produkt- und keine Investmentempfehlung.

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