Neuer Prohibition Partners Report zum europäischen Cannabismarkt (in spe)

by Hande Savus

Prohibition Partners veröffentlicht den Report „Adult-Use Cannabis in Europe“. Im Fokus: die aktuelle Regulierung in europäischen Ländern und damit verbundene unternehmerische Möglichkeiten. krautinvest.de fasst das Wichtigste zusammen.

Die Key Facts zur siebten Fassung des „European Cannabis Report“, nicht nur bezogen auf den Genussmittelmarkt:

  • Die Zahl der nicht lizenzierten medizinischen Cannabisprodukte, die auf Privatrezept abgegeben werden, stiegen bis 2021 um 425 % auf jährlich 23.466 Produkte.
  • Der britische Markt könnte bis 2026 etwa ein Viertel des europäischen Marktes für medizinisches Cannabis ausmachen, was 544 Millionen Euro entspricht.
  • Prohibition Partners schätzt, dass im Jahr 2022 100.000 zusätzliche Patienten zum ersten Mal Zugang zu medizinischen Cannabisprodukten in Europa haben werden, wodurch sich die Gesamtzahl der Patienten auf 341.595 erhöhen wird.
  • Prohibition Partners prognostiziert, dass der Umsatz mit Cannabis als Genussmittel in Europa bis 2026 1,5 Milliarden Euro erreichen könnte. Verweist aber darauf, dass diese Prognose von raschen Fortschritten und der vollständigen Umsetzung der Legalisierung als Genussmittel in Deutschland abhänge.
  • Prohibition Partners geht davon aus, dass im Jahr 2022 in Europa nicht-lizenzierte Cannabis-Medizin im Wert von 357 Millionen Euro verkauft wird und die Umsätze bis 2026 auf 2,3 Milliarden Euro ansteigen.
  • Der deutsche Markt für medizinische Produkte wächst weiterhin stetig, die Verkäufe von Cannabis an Apotheken stiegen 2021 um 43 % (inzwischen werde die Mehrheit auf Privatrezept verkauft).
  • In mindestens 15 europäischen Ländern wird inzwischen medizinisches Cannabis zu kommerziellen Zwecken angebaut.

Der „Adult Use Cannabis Report“ – 2022: Umschwung von Illegalität in die Legalität

Laut Report steht ein radikaler Umbruch bei der Regulierung von Cannabis als Genussmittel bevor. Die Autoren hoffen auf einen legal regulierten Markt. Zwar seien Regierungen sowie Unternehmen dafür noch in der Vorbereitung. Dennoch müssten sich die involvierten Stakeholder bereits jetzt mit den Chancen, die dieser Wandel biete, auseinandersetzen, so Prohibition Partners. Dies betreffe sowohl das Justizsystems als auch den öffentlichen Gesundheitssektor und die Wirtschaft. Für internationale Aufsehen und einen weltweites Echo in der Cannabisbranche hätte insbesondere die Ankündigung der neuen deutschen Regierung im Dezember 2021 gesorgt, Cannabis zu legalisieren. Prohibition Partners betont allerdings explizit, dass die Geschäftsmöglichkeiten in Deutschland schlussendlich von der Art des Gesetzentwurfs zur Legalisierung abhängen. Wie diese schlussendlich aussehen werden, sei bis jetzt unklar. Das Cannabiskontrollgesetz der Grünen gebe immerhin einen Einblick in die möglichen Regulierungen, diese sehe eine freie Lizenzvergabe für die Produktion, Verkauf und Vertrieb vor.

Pilotprojekte in Europa

Neben Deutschland unternehmen auch andere Länder in Europa erste Schritte zur Legalisierung und Kommerzialisierung der Cannabispflanze. Sowohl die Schweiz als auch die Niederlande haben Pilotprojekte gestartet, um den möglichen Verkauf von Cannabis als Genussmittel für Erwachsene beobachten und bewerten zu können. Diese Projekte werden in der Schweiz voraussichtlich bis Ende 2022 und in den Niederlanden bis zum zweiten Quartal 2023 durchgeführt. Bereits im letzten Sommer hatte Nic Easley im Interview verlauten lassen, dass das Weed-Experiment in den Niederlanden einen Wendepunkt darstellen könne. Durch die Regulierung der Pilotprojekte seien Geschäftsmöglichkeiten in der Schweiz und den Niederlanden in den nächsten Jahren allerdings begrenzt.

Beispielsweise werde in der Schweiz nur eine bestimmte Anzahl von Studien durchgeführt, die jeweils maximal 5.000 Teilnehmer:innen umfassen, wodurch der maximal adressierbare Markt in diesem Land für die nächste Zeit relativ gering bleibe. In den Niederlanden seien die Geschäftsmöglichkeiten begrenzt durch die geografischen Grenzen des jeweiligen Pilotprojekts. Teil des Pilotprojekts sind zehn Gemeinden plus Utrecht (das Projekt deckt damit etwa 13 % der Bevölkerung ab). Zehn lizenzierte Produzenten wurden für das Pilotprojekt ausgewählt. Die Autoren versprechen sich viel von dem Pilotprojekt: Bereits jetzt werde deutlich, dass ein größerer Markt in den Niederlanden zukünftig mehr Möglichkeiten für Lieferanten, Hilfsdienste und Abgabestellen bedeute, heißt es. Zudem bieten die Pilotprojekte für ihre Teilnehmer:innen die Gelegenheit, sich an der Basis zu engagieren, die Infrastruktur aufzubauen, Beziehungen zu anderen Anbietern und zu den Regulierungsbehörden aufzubauen. Ebenfalls könnten sich die Marken etablieren, bevor die vollständige Legalisierung eingeführt werde.

Entkriminalisierung von Cannabis

Während diese Pilotprojekte umgesetzt werden, schreite der lange Prozess der Entkriminalisierung von Cannabis in ganz Europa voran. Malta und Luxemburg hätten bereits Gesetze zur vollständigen Abschaffung strafrechtliche Sanktionen für den Besitz von Cannabis entworfen. Ebenfalls sollen Menschen, die kleine Mengen zu Hause anbauen, rechtlichen Schutz genießen. Viele weitere Länder sind dabei, die strafrechtlichen Sanktionen auf verschiedene Weise zu verringern. Prohibition Partners deutet diesen Umstand als Vorläufer einer mittelfristig vollständigen Legalisierung. In den Niederlanden und Spanien gebe es zwar bereits Beispiele für legale Freizeitmärkte in Coffeeshops bzw. Cannabisclubs. Da es sich hierbei aber um halblegale Geschäfte handele, werden sie in dem „Adult-Use Cannabis“ Report nicht berücksichtigt. Der erste vollständig legale Verkauf von Cannabis als Genussmittel für Erwachsene in Europa werde nach Einschätzung von Prohibition Partners im Jahr 2022 stattfinden.

Risiken und Chancen – Blick gen Übersee

Die Risiken und Chancen hängen laut Prohibition Partners vollständig von der schlussendlichen Regulierung sowie von den bereits existierenden „illegalen“ und „grauen“ Märkten auf den jeweiligen Kontinenten ab. Ein wichtiger Verweis, schließlich hat Prohibition Partners in der Vergangenheit mit Prognosen durchaus über das ziel hinaus geschossen. Beispielsweise prognostizierten die Unternehmensberater im November 2017 ein Marktvolumen in Europa für die Cannabis-Industrie von 56 Milliarden Euro bis 2022

Der aktuelle Report wirft auch einen Blick auf Länder, die den kommerziellen Verkauf von Cannabis für Erwachsene vollständig legalisiert haben: Kanada und Uruguay sowie Staaten in den USA. Nach Einschätzung von Prohibition Partners liefern diese Nationen und Staaten die wichtigsten Beispiele, Entwürfe und Daten für die Liberalisierung sowie den Verkauf von Cannabis als Genussmittel für Erwachsene in Europa. Darauf basierend stellt Prohibition Partners die Chancen und Herausforderungen zusammen, die in den ersten Jahren dieser Pioniermärkte zu beobachten waren:

In den nordamerikanischen Staaten, in welchen Cannabis legalisiert wurde, habe die Legalisierung zu einem Wirtschaftswachstum beigetragen. Im Jahr 2021, so Prohibition Partners, wurde Cannabis im Wert von 24 Milliarden US-Dollar in den USA und 3,5 Milliarden US-Dollar in Kanada verkauft. Schätzungen von Leafly beziffern die kumulative Zahl der dort durch Cannabis geschaffenen Arbeitsplätze auf 428.059 (Stand: 2021). Dieses Wachstum sei zum großen Teil durch den marktwirtschaftlichen Ansatz in vielen amerikanischen Bundesstaaten unterstützt worden. Ausschlaggebender Faktor seien die liberalen Lizenzierungsregelungen gewesen, die es vielen Unternehmen und Einzelpersonen ermöglicht hätten, Lizenzen für die Teilnahme an verschiedenen Aspekten der Lieferkette zu erhalten: Produktion, Transport, Lagerhaltung, Herstellung und Abgabe.

Die Quintessenz: Wo die Lizenzvergabe eingeschränkt sei, sei auch der Markt eingeschränkt, was zum Nachteil des legalen Marktes und folglich zum Gewinn des illegalen Marktes führe, der noch nicht vollständig ausgerottet wurde, schlussfolgert Prohibition Partners.

Als konträres Beispiel nennen die Autoren den Cannabismarkt in Uruguay. Dieser Markt sei eingeschränkter als der nordamerikanische. Das Land habe Cannabis im Jahr 2014 zwar vollständig legalisiert, legal verkauft wurde Cannabis allerdings erst im Jahr 2017. Auf der einen Seite würden viele Akteure die Legalisierung als erfolgreich interpretieren, da eine beträchtliche Anzahl von Cannabisverkäufen vom illegalen auf den legalen Markt verlagert wurden, und so Kriminalität und des Ressourceneinsatzes der Strafverfolgungsbehörden hätten reduziert werden können, auf der anderen Seite habe eine restriktive Regulierung für die Lizenzvergabe nur zu einem geringen wirtschaftlichen Wachstum geführt. In den ersten Jahren verzeichnete der Markt gerade einmal Umsätze von fünf Millionen US-Dollar, so Prohibition Partners. Eine begrenzte Anzahl von lizenzierten Anbaubetrieben und Apotheken habe dazu beigetragen, das Marktwachstum zu bremsen. Es gebe nur eine begrenzte Anzahl von Produkten mit relativ niedrigem THC-Gehalt, was bedeute, dass die von der Bevölkerung bevorzugten THC-reichen Blüten nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich seien. Wodurch dieser weiterhin floriere. Prohibition Partners resümiert, dass diese Entwicklung als Negativbeispiel und Warnung gedeutet werden sollte. Es werde deutliche, dass der Markt vollständig von der Qualität der Vorschriften abhänge.

Fortschritte in Europa

Mehrere Länder in Europa unternehmen nun die ersten Schritte zur Legalisierung des kommerziellen Verkaufs von Cannabis als Genussmittel für Erwachsene.

Die deutsche Regierung habe sich in ihrem Koalitionsvertrag dazu verpflichtet, die Legalisierung noch in dieser Legislaturperiode vollständig umzusetzen. In Portugal wurden zwei Gesetzesentwürfe des Linksblocks und der Grünen im Jahr 2021 mit vielversprechenden Aussichten auf Verabschiedung ins Parlament eingebracht. Allerdings habe die Auflösung der Regierung habe dazu geführt, dass diese Gesetzesentwürfe derzeit auf Eis gelegt wurden. In Dänemark sei nach dem Erfolg des medizinischen Cannabis- Pilotprojekt im März 2021 ein neuer Gesetzentwurf veröffentlicht worden, der einen Versuch für Cannabis als Genussmittel für Erwachsene gewähre. Dieser Gesetzentwurf wurde von drei, der vier Regierungsparteien unterstützt (wenn auch nicht von der größten Partei, den Sozialdemokraten). Sollte er umgesetzt werden, würde er die Produktion innerhalb Dänemarks und den Verkauf in lizenzierten Verkaufsstellen für einen Zeitraum von fünf Jahren legalisieren. Prohibition Partners erwartet nach der Ankündigung Deutschlands weitere Gesetzesentwürfe auf dem ganzen Kontinent.

In der Gesamtbetrachtung deutet Prohibition Partners auf dem europäischen Kontinent eine Umschwung in Richtung Entkriminalisierung von Cannabis: Strafen würden gesenkt werden und ein Tendenz von strafrechtlichen zu verwaltungstechnischen Maßnahmen zeichne sich ab (von Haftstrafen und Gerichtsterminen zu förmlichen Verwarnungen und Geldstrafen). Prohibition Partners betrachtet diese Schritte als frühe Vorboten einer wahrscheinlichen Legalisierung des kommerziellen Cannabiskonsums für Erwachsene. Dennoch herrsche derzeit große Verwirrung über das Ausmaß der Legalisierung in Europa.

Ein Problem sei auch, das viele Medien die Entkriminalisierung, zum Beispiel in Spanien, den Niederlanden oder die Legalisierung des Besitzes in Georgien, Malta und Luxemburg, mit einer vollständigen kommerziellen Legalisierung gleichsetzen. Beispielsweise sei es in Georgien und Malta nicht mehr strafbar, persönliche Mengen von Cannabis zu besitzen oder zu konsumieren. Der Handel erfolge jedoch nach wie vor ausschließlich auf dem illegalen Markt mit unregulierten und nicht besteuerten Produkten (abgesehen von Samen). Hier werde also weder die Verbrauchersicherheit geprüft, noch sei ein rechtlicher Schutz oder die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die ein legaler Markt biete, gewährleistet. Prohibition Partners ist daher der Ansicht, dass diese Gesetze eher Beispiele für Entkriminalisierung als für Legalisierung seien.

Die größten Hürden auf dem Weg zu legalen Märkten dürften einerseits das viel diskutierte Einheitsabkommen der Vereinten Nationen sein – der Aus- und Wiedereintritt erscheint hier die naheliegendste Lösung – sowie EU-Verträge. Erst unlängst hatte ein Sprecher der Kommission gegenüber krautinvest.de erklärt: „Das europäische Recht verpflichte Mitgliedsstaaten, erforderliche Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass kriminelle Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Handel von Drogen, darunter auch Cannabis, strafbar sind.“

Entkriminalisierung liege dann vor, wenn eine Reihe von strafrechtlichen Sanktionen reduziert werden, bevor ein Produkt als völlig legales, kommerzielles Produkt angesehen werden kann, wie in Nordamerika.

Prohibition Partners verweist darauf, dass ein Großteil der Entkriminalisierung des Cannabisbesitzes in Europa nicht in den Gesetzen der Länder zu finden sei, sondern vielmehr in der veränderten Einstellungen und Verhaltensweisen der Strafverfolgungsbehörden und der Gerichte. Die europäischen Gesetzgeber formulieren zunehmend den Rechtsschutz für private Cannabiskonsument:innen. Beispiele:

  • In Malta traten im Dezember 2021 Gesetze zur Entkriminalisierung in Kraft, die den Besitz von bis zu sieben Gramm
    von Cannabis sowie den Heimanbau von vier Pflanzen und den Betrieb von Social Clubs gestatten; der erste umfassende rechtliche Schutz für den persönlichen Konsum in Europa.
  • In Luxemburg wird die Regierung ab Anfang 2022 ein Gesetz zur Entkriminalisierung vorschlagen, das den
    legalem heimischen Anbau von vier Pflanzen und geringere Strafen für den Besitz von weniger als drei Gramm Cannabis vorsieht.

Viele weitere Länder seien dabei, die strafrechtlichen Sanktionen für den Besitz von Cannabis zu verringern. Beispielsweise wandele Frankreich im Jahr 2018 die Strafe für einfachen Besitz zu einer Geldstrafe um. Im Jahr 2020 wurde in Irland die Strafe für den Besitz von bis zu sieben Gramm zu einer Verwarnung oder Geldstrafe geändert.

Vor den deutschen und österreichischen Gerichten werden zudem Rechtsfälle verhandelt. Inwieweit der Cannabiskonsum kriminell sei, steht in beiden Ländern vor Gericht auf dem Prüfstand.

Öffentliche Meinung zur Legalisierung

Die öffentliche Meinung zur Legalisierung von Cannabis in Europa entwickele sich, so Prohibition Partners, in vielen Staaten und Ländern zugunsten einer Liberalisierung des kommerziellen Cannabiskonsums für Erwachsene. Die letzte umfassende europaweite Umfrage zu diesem Thema wurde von der Europäischen Kommission im Jahr 2021 durchgeführt, bei der 25.713 Befragte auf dem gesamten Kontinent zu ihrer Meinung über die Legalisierung von Cannabis befragt wurden. Was die in Europa lebenden Menschen betrifft, so unterstützen derzeit 23 % die vollständige Legalisierung von Cannabis für den Konsum von Erwachsenen. Es sei zu erwarten, dass diese Zahl steigen werde, wenn die Ergebnisse aus Nordamerika sowie die Studien in Europa weitere Daten über die Sicherheit und den Erfolg der dortigen Regulierung liefern.

Der gesamte Report ist unter diesem Link kostenlos erhältlich. Marktdaten für den medizinischen und den Genussmittelmarkt kosten 2.990 Pfund, nur für den Genussmittelmarkt 1.800 Pfund.

Bildquellen

  • christian-lue-7dEyTJ7-8os-unsplash: Unsplash

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