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Schlägt die Stunde der europäischen Cannabis-IPOs?

by Moritz Förster

Einige junge deutsche Cannabis-Unternehmen bekunden öffentlich Interesse an einem Börsengang. Wie vielversprechend sind öffentliche Kapitalmärkte für vergleichsweise kleine Cannabis-Firmen?

Synbiotic machte den Anfang Ende des letzten Jahres. Durch die Übernahme von Solidmind ging erstmals in Deutschland ein Cannabis-Unternehmen via SPAC an die Börse. Seit Anfang Mai ist Cannovum an der Börse in Düsseldorf gelistet. Mit der Sanity Group, Vertancial und Cantourage haben drei weitere deutsche Cannabis-Unternehmen öffentlich Ambitionen auf einen Börsengang angemeldet.

In Großbritannien sind die Unternehmenslenker einen Schritt weiter. Im September 2020 veröffentlichte die britische Finanzaufsichtsbehörden Leitlinien für börsennotierte Cannabis-Unternehmen. Inzwischen notieren zwei Drittel der europäischen Cannabis-Firmen in London. In den ersten sechs Monaten 2021 sammelten britische Firmen an der Börse mehr als 50 Millionen Euro ein (Report: European Cannabis Investment Ecosystem). Doch ist der IPO das Mittel der Wahl für wachstumsorientierte europäische Cannabis-Unternehmen?

In der Börsen-Zeitung kündigt Finn Age Hänsel, Co-Founder der Sanity Group an, dass der Umsatz von drei Millionen Euro im letzten Jahr auf 20 Millionen im laufenden steigen soll. Cantourage erhofft sich einen Umsatz von zehn Millionen Euro im laufenden Jahr. Vertanical, unter dem Dach der Futrue Gruppe, will – wie Unternehmenseigner Clemens Fischer der FAZ erklärt – ein verschreibungspflichtiges Mittel für austherapierte Schmerzpatienten entwickeln und auf den Markt bringen. Dafür habe Vertanical mit einer klinischen Phase-3-Studie begonnen, die für die Zulassung des Medikaments erforderlich sei. Bis zu einem – abhängig von den Ergebnissen der Studie – möglichen Markteintritt Ende 2023 kalkuliert Fischer mit weiteren 135 Millionen Euro, die er investieren muss.

“Für Cannabis-Unternehmen ist es schwieriger an Wachstumskapital zu kommen als für Tech-Unternehmen”

Vergleicht man die Umsätze der deutschen Cannabis-Unternehmen – etwa mit ebenfalls wachstumsorientierten Tech-Firmen -, fallen diese vergleichsweise niedrig aus. Dass die Gründer dennoch auf die Börsen schielen, scheint mehrere Gründe zu haben. Zum einen beinhalten die ethischen Richtlinien etlicher VCs oder privater Investoren noch Klauseln, die Investments in Cannabis-Unternehmen erschweren oder verhindern, zum anderen habe ein Börsengang “Charme”, wie Hänsel der Börsen-Zeitung verrät: “Sehr viele Anleger” hätten Interesse an dem Cannabis-Segment. Auch die Sanity Group forsche an Arzneimitteln, “die durch aufwendige klinische Studien gehen müssen”.

Schlägt die Stunde der europäischen Cannabis-IPOs?

“Es ist für Unternehmen, die Cannabis Produkte herstellen oder vertreiben, immer noch vergleichsweise schwieriger an Wachstumskapital zu kommen als für Tech-Unternehmen. Das hat zum Einen mit objektiven Kriterien zu tun. Wie jede Hardwareproduktion ist Cannabisproduktion schwerer zu skalieren als ein Softwareprodukt. Bei Letzterem ist es ‘fast egal’, ob ich 100 oder 100.000 Einheiten produziere. Damit ist der Kapitalbedarf in der Skalierung größer, auch das damit verbundene Risiko etc. Dies macht Cannabis auch objektiv weniger interessant für Risikokapitalgeber, bei denen Wachstum und Skalierung oft ein entscheidendes Kriterium ist. Hinzu kommt aber auch eine Verknappung der Liquidität dadurch, dass institutionelle Investoren vor dem Bereich Cannabis noch immer zurück schrecken. Insofern sind Cannabis-Unternehmen sozusagen ‘gezwungen’ früher an IPOs und ähnliches zu denken. Gleichzeitig wird dies aber auch positiv dadurch befeuert, dass andere, nicht institutionelle Anleger eine große Phantasie mit Cannabis-Produkten verbinden. Sie lassen sich in einem momentanen Hype auch weniger von den vielleicht noch nicht so starken Fundamentaldaten leiten. Das macht den IPO für Canabisunternehmen dann interessant.”

André Eggert ist als Gründungspartner der Kanzlei Lacore Rechtsanwälte seit 15 Jahren auf die Finanzierung von Wachstumsunternehmen – etwa Startups – und deren Verkauf mit nationalen und internationalen Investoren spezialisiert. Eggert über die Gründe, weshalb kleine Cannabis-Unternehmen einen IPO erwägen:

Ein Blick auf die Kurse der beiden bereits notierten deutschen Unternehmen lässt noch keine Euphorie aufkommen: Synbiotic schnellte im Januar rasch hoch auf über 28 Euro, seitdem ging es bergab auf gut 20 Euro bei einer Marktkapitalisierung von 57 Millionen Euro (28. Juli). Cannovum, seit sechste Mai an der Düsseldorfer Börse gelistet, ist von gut sechs Euro auf 5,10 Euro (28. Juli) gesunken.

Auch ein Blick in die jüngere Vergangenheit dürfte nachdenklich stimmen. In Kanada erreichten Cannabis-Unternehmen mit irrsinnigen Umsatz-Multiples teils zweistellige Milliardenbewertungen, bevor die Blase krachte.

“Ein Börsenkurs muss fortlaufend mit Neuigkeiten ‘gefüttert’ werden. Das Unternehmen muss daher operativ im Markt tätig sein und substantielle Umsätze erwirtschaften. Ansonsten bleibt das Zahlenwerk dünn. An der Börse treibt die Phantasie zwar die Kurse, aber wenn die Fundamentaldaten diese nicht stützen, bricht der Kurs bald ein oder hebt vielleicht auch gar nicht erst ab. Daher kommt ein IPO überhaupt nur in Betracht, wenn ein Unternehmen ein oder besser mehrere Produkte schon nachhaltig im Markt etabliert hat.”

Rechtsanwalt Eggert über die Mindestvoraussetzungen für einen IPO.

Dennoch glaubt Ed McDermott, seit Jahren an den Kapitalmärkten in Großbritannien, Australien und Kanada unterwegs mit besonderem Fokus auf Small-Cap-Firmen, an erfolgreiche Börsengänge von Cannabis-Unternehmen. Als Direktor von Seed Innovations leitet er bereits einen am AIM notierten Wagniskapitalgeber, der in Cannabis-Unternehmen investiert. Seine Prognose: In den nächsten fünf bis zehn Monaten bemühen sich fünf bis zehn Cannabis-Unternehmen um ein Listing am London Stock Exchange, teils via SPAC, teils direkt per IPO. Die meisten Unternehmen, schätzt McDermott, haben dann eine Marktkapitalisierung von 28 Millionen bis 176 Millionen Euro. Auch für deutsche Unternehmen könnte eine zweite Notierung in London zusätzlich zu einer heimischen interessant werden.

Am LSE und am AIM liege die höchste Marktkapitalisierung aktuell etwa bei 100 Millionen Pfund. Gelistet seien dort zwei CBD-Firmen und drei für medizinisches Cannabis sowie ein pharmazeutisch orientiertes Unternehmen – und natürlich auch Seed Innovations, berichtet McDermott. Am AQSE – dort tummeln sich laut McDrmott vor allem sehr kleine, nicht liquide Firmen, denen es nicht gelingt, anderswo genug Geld einzusammeln – gebe es noch sechs bis sieben weitere. In einem Jahr, prognostiziert er, steigt deren Zahl auf mindestens 40. Cannabis sei etwa im Vergleich zu Tech interessant, weil Menschen nicht erst ihr Verhalten ändern müssen, sondern ein bereits bestehender Markt legalisiert würde. Wobei eine Legalisierung von Recreational-Cannabis in Deutschland die Börsennotierung in Großbritannien sogar erschweren könnte, weil diese dann gegen die Spielregeln der begehrten Handelsplätze verstoße.

Fokus in den nächsten zwei Jahren: rasches Umsatzwachstum

Ohnehin hat sich der LSE zwar für Cannabis-Unternehmen geöffnet, allerdings wird gerade intensiv darüber beraten, ob diese Transaktionen von mindestens 50 Millionen Pfund vorweisen müssen. Als Kriterien für Firmen, die auf einen erfolgreichen Börsengang hoffen dürften, nennt der Seed-Innovations-Direktor das Management-Team, die eigenen Assets und die Strategie, die ein signifikantes Umsatzwachstum ermögliche. Ganz grundsätzlich stehe in den nächsten zwei Jahren der Umsatz im Fokus, profitabel würden Cannabis-Firmen bis dahin kaum wirtschaften.

Der ehemalige Aktienanalyst und Fondsmanager Marcus Moser, heutzutage Managing Director der MB & Partner in Zürich, warnt junge und kleine Firmen davor, sofort an die Börse zu gehen. Aufwand und Kosten würden meist unterschützt. “Am Beispiel von Kanada hat man gesehen, wie eine beispiellose Blase die Cannabis-Aktien nach oben getrieben hat und die Rallye dann in einem Ausverkauf des gesamten Sektors geendet hat. Die meisten Kleinanleger haben dabei verloren. Diesen Fehler sollten deutsche Cannabis-Unternehmen nicht machen.”, so Moser, der auch die “exorbitant hohen Bewertungen der Cannabis-Aktien an der Londoner Börse” für “keinesfalls gerechtfertigt” hält.

“Mit einem IPO kann ein Unternehmen seine eigene Kundschaft kapitalisieren. Kunden werden Investoren; Investoren werden Kunden. Dieser wechselseitige Marketingeffekt ist nicht zu unterschätzen. Zudem können bei einem IPO potentiell deutlich höhere Summen aufgenommen werden. Venture Capital Funds in Europa investieren in der Spitze kaum einmal mehr als 50 Millionen Euro. IPOs fangen in dieser Größenordnung oft erst an. Bei einem IPO an ein breitgestreutes Publikum behält das Management des Unternehmens weitgehend die Kontrolle. Die Einflussnahme einzelner Aktionäre ist gering. Venture Capital ist aber in früheren Phasen das bessere Finanzierungsinstrument. Es ist in dann effizienteren, kleineren Volumina deutlich einfacher zu bekommen. Die Transaktionskosten sind erheblich niedriger. Oft bringen Venture Capital Investoren auch noch mehr als Geld ein, zB know-how, Netzwerk etc.”

Rechtsanwalt Eggert über die Vor- und Nachteile von Venture Capital vs. IPO.

Auch McDermott, der selbst Emmac Life Sciences gründete, an die Börse brachte und schlussendlich im März für 285 Millionen US-Dollar an Curaleaf verkaufte, empfiehlt seinen Portfolio-Firmen, solange wie möglich privat-finanziert weiter zu machen. Außerdem sei es wichtig für die Industrie, Anleger zu erziehen. Nur wenn diese zwischen guten und schlechten Firmen unterscheiden können, erhalten sie gute Renditen – unabdingbar für einen nachhaltigen Erfolg der Industrie.

Redaktionelle Berichterstattung. Keine Investmentempfehlung.

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