Comeback von Pierre Debs mit Chain Pharmaceuticals: Cannabis-Fertigarzneimittel durch Machine Learning

by Moritz Förster

Lange war es ruhig geworden, um Pierre Debs. Nun ist er als Gründer von Chain Pharmaceuticals zurück auf der pharmazeutischen Cannabis-Bühne. Sein Ziel: Mit Hilfe von Machine Learning, Künstlicher Intelligenz und In-Silicio-Modellierung deutlich effektiver und in kürzerer Zeit klinisch erprobte pflanzliche Fertigarzneimittel zu entdecken und marktzulässig zu entwickeln. Zugleich wollen Debs und seine Mitstreiter der Nachfrage nach „personalisierter Therapie“ gerecht werden. Bis dato hat Debs das Unternehmen aus eigenen Mitteln finanziert und gemeinsam mit Pavel Kubů, ehemaliger Mitarbeiter der Intel Corporation und Gründungsgeschäftsführer des International Cannabis and Cannabinoids Institute in Prag, gegründet. In kürze sollen weitere Investoren einsteigen, berichtet Debs im Gespräch mit krautinvest.de.

„Von Tag eins an war es immer mein Ziel, zugelassene Arzneimittel zu entwickeln. Cannabisblüten sind eine Brücke für erweiterte pharmazeutische Produkte. Diese sind das A und O des Gesundheitswesens„, sagt Debs, der mid Medcann GmbH bereits 2015 einen lizenzierten Importeur und Großhändler für medizinische Cannabisblüten gründete und diesen Ende 2016 in einer reinen Aktientransaktion im Wert von 12.4 Millionen Kanadische Dollar an Canopy Growth verkaufte – also zu einem Zeitpunkt, zu dem weniger als 1.000 Patient:innen deutschlandweit durch eine Ausnahmegenehmigung Zugang zu medizinischem Cannabis hatten und das Cannabis als Medizin Gesetz noch nicht in Kraft getreten war. Debs gehörte zu diesem Zeitpunkt etwa ein Viertel von Medcann GmbH.

Machine Learning als Hilfsmittel für Klinische Studien

Debs betont, dass Chain Pharmaceuticals sich strikt an die „Paradigmen klinischer Studien“ halte. „Es geht keineswegs darum, bestehende Methodik oder Paradigma zu umgehen. Ganz im Gegenteil: Es geht um mehr Effizienz, um Ziele in kürzerer Zeit und mit weniger Geld zu erreichen. Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz sind Werkzeuge, die uns bei der Optimierung verschiedener Aspekte des Designs klinischer Studien helfen.“

Die Crux an Machine Learning ist bekanntermaßen die Qualität und Menge der Daten. Zu viel will Debs in diesem Fall nicht Preis geben, nur so viel: Es gebe bereits viele Daten, sagt er, und verweist auf intensive Grundlagenforschung zu Cannabinoiden, die theoretisch jedem zugänglich sei. Diese Ergebnisse wollen Debs und sein Team diese Ergebnisse nun einspeisen und durch ML und KI auswerten lassen.

Zudem soll voraussichtlich im ersten Quartal des kommenden Jahres mit Healchain eine eigene App für Patient:innen launchen. Über diese will das Unternehmen medizinische Daten aus dem echten Leben gewinnen, um Wirkungsweisen ganzheitlicher und differenzierter zu verstehen. Durch den Einsatz einer Blockchain sollen Patient:innen Eigentum und Kontrolle über ihre geteilten Gesundheitsdaten behalten können, so das Versprechen. Chain Pharmaceuticals wolle mit Partnern zusammen arbeiten, um die Patient:innen zu erreichen.

Die App hat das Unternehmen nicht In-House entwickelt. Sie ist Teil eines Joint-Ventures mit Innoplexus, einem KI-Unternehmen mit Sitz in Eschborn, und basiere auf den bereits von Innoplexus betriebenen und erprobten ML-Systemen. Die App sei auf eigenen sowie bestehenden Forschungen und Erkenntnissen angepasst worden. Es handele sich dabei weder um eine Telemedizin-App, noch um eine App für Verschreibungen, teilt Chain Pharmaceuticals mit. Nähere Informationen sollen im ersten Quartal des kommenden Jahres folgen.

Debs und sein Team würden seit Ende 2020 an dem Projekt arbeiten. Gegründet wurde Chain Pharmaceuticals im April 2022. Chain Pharmaceuticals verantworte als Muttergesellschaft das Entdecken der Wirkstoffe und die klinischen Studien, das Joint Venture Healchain für die App sei zugleich Tochtergesellschaft, ebenso wie die Gesellschaft Chain Extracts für kommerzielle Aktivitäten.

„Wir haben unsere Entdeckungspipeline im letzten Jahr mit vier Indikationen und einem biomedizinischen Produkt begonnen und sind in der Mitte der In-Silico-Entdeckung angelangt – sobald die Daten aus der realen Welt einfließen, erwarten wir mehrere spannende Ergebnisse,“ erklärt Debs. Welche Indikationen er im Auge habe, verrät er noch nicht. Aber es handele sich nicht um Schmerzen oder Epilepsie.

Bereits im kommenden Jahr will Chain Pharmaceuticals erste Produkte auf Basis lösungsmittelfreier Extrakte auf den Markt bringen, die den aktuellen Vorschriften der Europäischen Union entsprechen. Auch hier hält sich Debs bedeckt, um welche Produkte es geht, verspricht aber, dass sie „speziell“ werden. Die Extrakte würden für einen „bestimmten“ Einsatzbereich eine wesentliche Rolle „bei der Beobachtung der Wirksamkeit und der Behandlungsergebnisse der Patienten“ spielen, heißt es vage in der Mitteilung des Unternehmens.

Dass Chain Pharmaceuticals mit Cannabis beginnt, dürfte mehrere Gründe haben. Einerseits mangelt es noch an klinischen Studien und pharmazeutischen Fertigarzneimitteln, andererseits deuten die vielen Anekdoten auf das Potenzial der verschiedenen Cannabinoide hin. Zudem liegt der aktuelle Fokus der Industrie auf THC und CBD. Debs hingegen spricht von „hunderten anderen spannenden Molekülen“. Deren Einzelwirkung und Zusammenspiel in verschiedenen Konstellationen klinisch zu erforschen, ist umso schwieriger, als dass Cannabis individuell sehr unterschiedlich zu wirken scheint. „Wir wollen unter anderem verstehen, wieso bestimmte Cannabinoide bei bestimmten Personen anders wirken als bei anderen. Was sind die Gründe?“, fragt Debs.

Cannabis: Vielzahl pharmazeutischer Wirkstoffe.

So halten Debs und seine Mitstreiter, neben den beiden Gründern zählen die Mediziner und Forscher der Karlsuniversität Martin Votava und Daniel Smutek zum C-Level, Cannabis aufgrund der Vielzahl dieser verschiedenen pharmazeutischen Wirkstoffen ohne schwerwiegende Nebenwirkung für „ein ideales Ausgangsmaterial für personalisierte Arzneimittel“. Die Entwicklung von Arzneimitteln auf Cannabinoidbasis sei jedoch eine Herausforderung, da mehr als ein einzelnes Molekül für ein einzelnes Medikament betrachtet werde und sie damit nicht in das Standardparadigma für die Marktzulassung passe.

Bis dato sind Epidiolex sowie Sativex hierzulande die einzigen cannabionidbasierten zugelassen Fertigarzneimittel. In anderen Ländern auch Canames. Unternehmen wie Cannamedical, die Sanity Group oder Vertanical wollen ebenfalls Fertigarzneimittel auf den Markt bringen und rechnen für die Entwicklung von cannabionidbasierten Fertigarzneimitteln bis zur Marktreife mit Kosten zwischen 15 bis 250 Millionen Euro. Bis dato befindet sich lediglich das von Clemens Fischer gegründete Vertanical bereits in Phase III.

„Unsere zentrale Leistung besteht darin, pharmazeutische Produkte auf pflanzlicher Basis in einem schnelleren Zeitrahmen mit höherer Effizienz, geringeren Vorlaufkosten, längerfristig gerechten Erträgen und auf nachhaltige Weise auf den Markt zu bringen“, lässt sich Pierre Debs, Mitgründer und Geschäftsführer von Chain Pharmaceuticals in einer Mitteilung zitieren.

Geht der Plan auf, dürfte er ein Gamechanger für die cannabionidbasierte Medizin sein. Allerdings ist das Vorhaben nicht nur ambitioniert, sondern auch mit einigen offenen Fragen behaftet. Vieles wird von der Menge und der Qualität der Daten abhängen, die über die App eingespeist werden. Zudem ist bekanntlich bei jeder klinischen Studie das Ergebnis offen. Hinzu kommen die besonderen Herausforderungen bei der Personalisierung der Medizin. Gelingen kann diese nur, wenn die Algorithmen rational darlegen, wieso gleiche Cannabinoide bei verschiedenen Personen unterschiedlich wirken. Ganz zu schweigen davon, sich nicht nur auf ein Molekül, sondern auf eine Vielzahl an Molekülen und unterschiedliche Konstellationen zu fokussieren.

Bildquellen

  • hunter-harritt-Ype9sdOPdYc-unsplash: unsplash

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