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2022 – Das Jahr der großen Taten in der Cannabis-Industrie?

by Moritz Förster

Folgt dem Jahr der großen Worte das Jahr der großen Taten? Oder anders gesagt: Macht sich die neue Bundesregierung tatsächlich ans Werk, die angekündigte Legalisierung auch umzusetzen? Und was erwartet uns jenseits der Legalisierung im kommenden Jahr? Wir waren auf Stimmenfang.

Legalisierung: Geduld bitte

Der Schweizer Rechtsanwalt Daniel Haymann hofft, dass in Deutschland “der bereits bestehende Entwurf des Cannabiskontrollgesetzes weiter ausgefeilt wird, damit die Vorlage hoffentlich noch im ersten Halbjahr 2022 im Bundestag angenommen werden kann. Dies könnte der Schweiz als Blaupause für die eigene Ausarbeitung eines Gesetzesentwurfs dienen.” Ins gleiche Horn bläst auch Benedikt Sons, Co-Founder und CEO von Cansativa, der sich wünscht, “dass ein Gesetzesentwurf zur Legalisierung von Cannabis als Genussmittel zügig auf den Weg gebracht wird und auch schnellstmöglich – möglicherweise bereits im Sommer – im Bundestag zur Abstimmung gebracht wird.”

Gut möglich allerdings, dass die Sache etwas länger dauert und die Schweiz sich nicht all zu viel vom deutschen Nachbarland abgucken kann. Viele Unternehmer:innen dämpfen die Erwartungen.

So erwartet Finn Age Hänsel von der Sanity Grop “2022 noch keinen Marktstart, aber zumindest erste Gespräche über das künftige Gesetz”. Alfredo Pascual, Vice President Investment Analysis bei Seed Innovations, hofft zumindest auf mehr Klarheit, “wie die neue Regierung plant, Cannabis zu legalisieren”. Auch Stephan Kramer von Heyday bleibt zurückhaltend und erwartet “eine weitsichtige regulatorische Umsetzung, die den vielen Pump-and-Dumpstern im Markt nicht gefallen wird”. Schließlich gehe es auch darum, dass Deutschland eine “Vorreiterrolle in Europa” vorgebe.

Timo Bongartz von Fluence spricht in diesem Sinne von “Erwartungsmanagement” und wäre zufrieden, “wenn im Jahr 2022 das entsprechende Gesetz verfasst und eingebracht werden würde”. Seine Schlüsselaspekte: “Die Themen Anbau (nur in Deutschland?) und Point of Sale (wie definieren wir lizensierte Fachgeschäfte und wie können diese schnell genug etabliert werden?).” Cannovum-CEO Pia Marten spricht ebenfalls Fachgeschäfte an, und zwar die Frage, “wer denn überhaupt in den lizenzierten Fachgeschäften verkaufen darf und wer die Ausbildung der auf Cannabis spezialisierten Fachkräfte übernimmt”. Dafür, so Synbiotic-CEO Lars Müller, müsse zunächst entschieden werden, “ob Cannabis in Apotheken abgegeben oder über Coffeeshop-ähnliche Konzepte verkauft wird”. Wichtige zu klärende Fragen würden seines Erachtens zudem lauten: “Welche Regeln gibt es? Wie sieht eine Lizenz aus?”

Eine weitere wichtige Überlegung ist für Müller, “wie sich Cannabis als Genussmittel und als Medizinprodukt differenzieren.” Marten mahnt an: “Elementar hierbei ist es, die Versorgung von Medizinalcannabis-Patienten sicherzustellen und auch weiterhin die Erstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen zu ermöglichen.” Lana Korneva, Geschäftsführerin von Drapalin, erwartet auch in diesem Kontext 2022 “eine Entscheidung darüber, ob Cannabis weiterhin als Betäubungsmittel eingestuft wird und über Bezugsquellen für Cannabisblüten”.

Angesichts dieser vielseitigen Herausforderung spricht Bloomwells CEO und Co-Founder Niklas Kouparanis von einer “Herkulesaufgabe” für die Bundesregierung. Es warte schließlich nicht nur der Entwurf eines Gesetzes. Die Regierung müsse “auch aus der Single Convention austreten“. Sie müsse “die Voraussetzungen für eine flächendeckende Verkaufsinfrastruktur schaffen und die Frage der Versorgung klären – also regulatorische Rahmenbedingungen für die heimische Produktion und Importe festlegen”. Kouparanis weiter: “Und dafür muss sie auch klären, welche Behörden diese Prozesse wie koordinieren und überwachen.”

Auch Dentons-Partner Peter Homberg findet die “rechtliche Ausgestaltung ” besonders interessant, “insbesondere mit Hinblick auf kollidierendes Völkerrecht”.

Tobias Haber von Insight Health nennt als weitere Fragen, die zu klären sind: “Welche Auswirkungen haben die Legalisierungsbemühungen auf den Schwarzmarkt? Führt die Legalisierung zu mehr Akzeptanz von Cannabis als Heilpflanze? Fällt im Gegenzug der Legalisierung der Genehmigungsvorbehalt der Krankenkassen? Was geschieht mit den bestehenden Anbaulizenzen?”

Wie weit die Bundesregierung am Ende des Jahres ihr Vorhaben der Cannabis-Legalisierung wohl voran gebracht hat? Katrin Eckmans von Farmako ist skeptsich: “Wir haben in anderen Ländern gesehen, wie teilweise wieder eine Rolle rückwärts gemacht wurde, weil insbesondere aufgrund des internationalen Drogenabkommens von 1961 und des jeweiligen nationalen Rechtsrahmens nicht einfach von heute auf morgen umgesetzt werden kann, was im Wahlkampf angekündigt wurde.”

Einen möglichen Zeitplan nennt Boris Moshkovits, Co-Founder und Managing Direktor von Alephsana: “Ein Gesetzesentwurf wird dann hoffentlich zum Ende des Jahres verwirklicht, um 2023 mit der Umsetzung des Gesetzes und der entsprechenden Lizenzvergaben fortzufahren.”

Um nicht ganz so lange auf das finale Ziel zu warten und stattdessen kurzfristig Taten zu schaffen, empfiehlt Rechtsanwalt Kai-Friedrich Niermann, “die umgehende Entkriminalisierung von Cannabis und Nutzhanf, um die hunderttausenden laufenden Verfahren zu beenden”. Es brauche ein klares Signal des Gesetzgebers. Dem pflichtet auch sein Schweizer Kollege bei: “2022 wird sich die Politik in ganz Europa wie nie zuvor mit der Frage konfrontiert sehen, ob es endlich Zeit geworden ist, der gescheiterten Prohibition von Cannabis den Rücken zu kehren. Dies wird, so hoffen wir, auch im Vollzug seine Wirkung entfalten. Auch wenn der Gesetzgebungsprozess seinen trägen Lauf nimmt, kann die gelebte Behördenpraxis viel dazu beitragen, dem Zeitgeist pragmatisch zu begegnen anstatt sich ihm zu verschließen”, so Haymann.

Und die Chancen, dass es auch mit der Legalisierung 2022 bereits voran geht? “Angesichts der medialen und gesellschaftlichen Aufmerksamkeit, die dieses Thema erhalten hat, wird sich der Bundestag sicher intensiv damit auseinandersetzen”, meint Homberg.

Genehmigungsvorbehalt

Und was wird sonst noch passieren? Nicht so stark im öffentlichen Rampenlicht, aber ein Dauerbrenner ist der Genehmigungsvorbehalt. Hänsel hofft, auf “eine bessere Versorgung der Patienten sowie eine Reformierung des Genehmigungsvorbehalts im Medizinalcannabis”.

CBD: bessere Regulierung

Im CBD-Markt hofft Hänsel auf “eine bessere Regulierung von CBD in allen Bereichen, aber insbesondere als Nahrungsergänzungsmittel.” (Hierzu auch sein Gastbeitrag “Boom dank Neuregulierung“). Moshkovits erwartet, durch die bessere Regulierung, “Produktpaletten besser zu planen und zu erweitern”. Seine Prognose: “Insbesondere im Hinblick auf Kosmetik und Nahrungsergänzungsmittel werden sicherlich neue Normen kommen.”

Meira Schmidt, Geschäftsführerin von Evercann Animal Care, erhofft sich von der sich anbahnenden Legalisierung THC-haltiger Produkte eine “Veränderung für die Bewerbung und den Verkauf von CBD-Produkten” und dadurch einen fairen Wettbewerb. Beispielsweise verweist sie auf den “Generalverdacht” bei “Zahlungsanbietern wie Paypal oder Online-Marktplätzen wie Amazon”. Schmidt wünscht sich “eine klare Regulierung, die Förderung von Forschung und Entwicklung neuer Produkte sowie ein offener Dialog zwischen Industrie und Entscheidungsträgern”.

Neue medizinische Cannabis-Produkte und mehr heimische Produktion

Moshkovits glaubt, dass “durch die klare Trennung von Medizinal-Cannabis und Genuss-Cannabis möglicherweise weitere Darreichungsformen im medizinischen Bereich auf den Weg gebracht” werden. Investment-Analyst Pascual spricht ganz allgemein von “Produkt-Innovationen”. Rechtsanwalt Peter Homberg erwartet, “dass sich 2022 der Anteil des in Deutschland vertriebenen Medizinalcannabis, der auch in Deutschland angebaut wurde, deutlich erhöhen wird”.

Mehr Evidenz

Stephan Kramer, Vorstand von Heyday, erwartet “mehr medizinische Evidenz für diverse Indikationen” und versichert, dass neben seinem eigenen Unternehmen weitere Firmen “erste Ergebnisse präsentieren werden”.

Konsolidierung?

Auf dem deutschen Markt dürfte sich 2022 einiges tun. Die angekündigte Legalisierung hat neue Erwartungen auf dem deutschen Cannabismarkt geschürt. Bongartz empfiehlt, vor diesem Hintergrund auf die “Niederlande zu schauen, wie das Coffee-Shop-Experiment weiter voranschreitet”. Aber auch in Deutschland erwarte er “interessante Newcomer und Unternehmenskooperationen und -übernahmen”. Dem pflichtet Niermann bei, der davon ausgeht, dass wir “viele neue und überraschende Unternehmen und Zusammenschlüsse sehen” werden. Viele davon, prognostiziert der Rechtsanwalt, “werden wieder untergehen, manche aber auch die Zukunft des Marktes bestimmen”. Gespannt darf man auf die Geschäftsmodelle der Newcomer sein. Lars Müller vertritt die These, dass “sich die Industrie ausdifferenzieren” wird. Seine Vermutung: “Auch andere Bereiche, wie die therapeutischen Anwendungen mit Cannabinoiden abseits des berauschenden THCs, werden sich weiterentwickeln.” Benedikt Sons geht allerdings auch davon aus, dass sich in den bestehenden Vertikalen der Wettbewerb intensiviert: “Weitere Hersteller werden auf den Markt kommen und die Produktvielfalt, auch auf Cultivar-Ebene weiter vergrößern. Der Markt wird in allen relevanten Segmenten (Blüten, Extrakte, Dronabinol) kompetitiver und die Produktausdifferenzierung größer.” Moshkovits weist in diesem Zusammenhang auf die vielen neuen Anbieter hin, “die bis dahin Ihre EU GMP Lizenzen für Anbau, Verarbeitung und Produktion erhalten werden”.

Mehr Akzeptanz für medizinisches Cannabis

Trotz kontinuierlich steigender Patient:innenzahlen: Für medizinisches Cannabis ist in Deutschland weiterhin Luft nach oben. Lana Korneva hofft auf eine “Anpassung der medizinischen Leitlinien in Bezug auf die Behandlung mit medizinischem Cannabis”. Katrin Eckmans glaubt, dass die Akzeptanz von Cannabis als Arzneimittel zunehmen könnte: “Gefördert durch Änderungen und Vereinfachungen bei der Erstattung durch gesetzliche und private Krankenkassen.” Ausgehend vom Abschluss der BfArM-Begleiterhebung erhofft sie sich “einfachere Wege für Cannabispatienten, egal ob Selbstzahler, Privat- oder Kassenpatienten”. Ein Meilenstein für Eckmans: “Wenn sich mehr motivierter niedergelassener Ärzte und Ärztinnen an die Cannabis-Therapie heranwagen”. Auch Pia Marten erwartet, “dass der deutsche Cannabis-Markt weiterhin wachsen wird und Patientenzahlen steigen werden”. Ursache dafür: Das vermehrte Interesse führe “zu mehr Aufklärung, Verständnis und Entstigmatisierung”. Dies wiederum ziehe “eine bessere Verschreibungssituation nach sich”. Ähnlich sieht es Franziska Katterbach, Europa Präsidentin von Khiron Llife Science. Durch eine Legalisierung des Freizeitkonsums erwartet sie “durchaus auch positive Effekte für den medizinischen Bereich”, “da sich die Diskussion zum Thema Cannabis und die Stigmatisierung der Pflanze entspannen würde”. Ähnlich sieht es Daten-Experte Tobias Haber, der von einer “tendenziell höheren Akzeptanz der Cannabistherapie durch die Legalisierung” ausgeht. Vorstellbar sei “darüber hinaus, dass zukünftig sowohl die Studienlage hinsichtlich Cannabis als auch die Produktvielfalt deutlich zunehmen werden”. Diese optimistische Auffassung teilt auch Kouparanis, der davon ausgeht, dass sich deutlich mehr Ärzt:innen mit dem “endogenen Cannabinoidsystem befassen und Patient:innen mit fachkundiger Expertise beiseite stehen” werden. Seine Hoffnung: “Die Möglichkeiten der Digitalisierung verbessern zunehmend die Interaktion zwischen Ärtz:innen und Patient:innen und verbessern den Service bei cannabinoidbasierten Therapien.”

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