Home Einblick Volker Erb von Berlin Partner über Cannabis-Unternehmen: “Erfahrungen durchweg positiv”

Volker Erb von Berlin Partner über Cannabis-Unternehmen: “Erfahrungen durchweg positiv”

by Lisa Haag

Ein Interview mit Volker Erb, Projektmanager Biotech & Pharma bei Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie

Berlin – nicht nur Sitz der Bundesregierung, sondern auch Gründer-Hauptstadt und Zentrum für Digitalisierung, Innovation und Kreative. Aber: Welche Rolle spielt Cannabis für die Wirtschaftsregion Berlin? Ist Berlin ein attraktiver Wirtschaftsstandort, nicht nur für digitale Jung-Unternehmen und etablierte Mittelständler, sondern auch für Unternehmen der Cannabiswirtschaft? Es scheint so, denn inzwischen hat sich in Berlin als einer der Hauptstandorte für Cannabis-Unternehmen etabliert. Zahlreiche Unternehmen für CBD und pharmazeutisches Cannabis sitzen in Berlin.

Berlin Partner hat sich in Berlin der Wirtschafts- und Technologieförderung für Unternehmen, Investoren und Wissenschaftseinrichtungen angenommen – mit Fokus auf Fachexperten, entsprechende Services und Vernetzung. Berlin Partner verantwortet das weltweite Marketing der deutschen Hauptstadt und engagiert sich gemeinsam mit dem Bundesland Berlin in einer Public Private Partnership für den Wirtschaftsstandort. 

Cannabis ist immer noch stark föderal organisiert und reguliert. Entsprechend stark fallen die Vor- oder Nachteile eines Standorts ins Gewicht. Volker Erb sieht großes Potenzial für Berlin. Schließlich haben sich mit Demecan, der Sanity Group, Cannovum oder Becanex einige Berliner Unternehmen bundesweit einen Namen gemacht. Auch verschiedene Verbände haben sich im politischen Berlin angesiedelt. 

Hat Berlin – besonders durch die Nähe zur Politik und als internationaler Wirtschafts- wie Gründerstandort – eine Vorbildfunktion in der Debatte rund um Cannabis? Wir haben bei Volker Erb, Projektmanager Biotech und Pharma bei der Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie GmbH, nachgefragt. Seine Forderung für die noch junge Cannabiswirtschaft: Das Potenzial nicht ignorieren und Probleme stattdessen schnell und pragmatisch angehen. Außerdem wünscht sich Erb, endlich das Tempo zu erhöhen.

krautinvest.de: Herr Erb, die Berlin Partner GmbH ist die Wirtschaftsförderung für Berlin, Ansprechpartner und Anlaufstelle für Wirtschaft und Technologie. Inzwischen sind auch einige Cannabisunternehmen am Standort aktiv. Welche Erfahrungen haben Sie als Berlin Partner mit diesen Unternehmen gemacht?

Volker Erb: In den letzten Jahren haben sich hier am Standort Berlin und auch in Brandenburg eine Vielzahl von Cannabisunternehmen gegründet beziehungsweise angesiedelt. Von Rohstofferzeugern, innovativen Unternehmen, die neue Produkte entwickeln, bis hin zu reinen Handelsunternehmen und kleineren Einzelhändlern repräsentiert die regionale Cannabisbranche ein breites Spektrum an Akteuren. Die jeweiligen Tätigkeitsschwerpunkte bilden somit die gesamte Wertschöpfungskette ab. Dabei liegt der Schwerpunkt sowohl in der Entwicklung von Produkten für die medizinische Anwendung von Cannabis, zum Beispiel in der Schmerzmedizin, als auch im Nahrungs- und Wellnessbereich – und nicht zu vergessen der Bereich Nutzhanf als Ausgangsstoff für die Entwicklung von neuen Materialien. Hier erwacht eine eigentlich alte Branche, welche unter anderem durch neue Forschungsergebnisse, aber auch beispielsweise durch die nationale Bioökonomiestrategie ein erhebliches Marktpotenzial in sich birgt und natürlich unsere volle Aufmerksamkeit erhält. Unsere Erfahrungen mit diesen Unternehmen sind durchweg positiv. Bei diesen Unternehmen herrscht ein besonderer Spirit, geprägt durch eine Aufbruchstimmung und Dynamik, die wir gerne unterstützen und begleiten. 

krautinvest.de: Welche besonderen Potenziale sehen Sie für den Wirtschaftsstandort Berlin und hier ansässige Unternehmen und warum sollten Unternehmer den Standort Berlin für sich wählen? 

Volker Erb: Für den Standort Berlin sprechen eine ganze Reihe von Aspekten. Nur um einige zu nennen sind dies beispielsweise die im Bundesvergleich niedrigen Arbeitskosten bei hoher Produktivität, eine exzellente Infrastruktur, wir haben eine deutschlandweit einzigartige Wissenschafts- und Forschungslandschaft, wir verfügen über effiziente Unternehmensnetzwerke und Kompetenzzentren und nicht zuletzt ist Berlin der Sitz von Parlament, Regierung und Spitzenverbänden der Wirtschaft. Dies und mehr sind ausgezeichnete Rahmenbedingungen für Unternehmen, besonders auch für die, die ein internationales Umfeld benötigen. 

Dabei unterstützt Berlin Partner mit ihrer Arbeit die unternehmerische und wirtschaftliche Entwicklung. Dabei ist unsere Grundlage mit Fokus auf „Innovationen/Technologien“ die „Gemeinsame Innovationstrategie der Länder Berlin und Brandenburg“ (innoBB 2025), die im Januar 2019 von den beiden Landesregierungen beschlossen wurde. „Excellence in Innovation“ ist der Slogan für eine dynamische Hauptstadtregion, die ihren Innovationsraum in den fünf länderübergreifenden Clustern Energietechnik, Gesundheitswirtschaft, IKT, Medien und Kreativwirtschaft, Optik und Photonik und Verkehr, Mobilität und Logistik gemeinsam über die Bundeslandgrenzen hinweg fördert. 

Die Cannabisbranche ist dabei in das Cluster Gesundheitswirtschaft „HealthCapital Berlin-Brandenburg“ integriert, selbstverständlich mit Schnittstellen zu den anderen Clustern. Die Cannabisbranche erhält bei uns große Aufmerksamkeit. Die Branche ist noch sehr jung und steht am Anfang einer Entwicklung in einem Markt mit erheblichem Potenzial und der Schaffung von neuen Arbeitsplätzen.

krautinvest.de: Und wie hilft Berlin Partner den regionalen Berliner Cannabisunternehmen konkret?

Volker Erb: Wie alle anderen Unternehmen in Berlin können auch die Cannabisunternehmen auf unser breites Serviceangebot zurückgreifen. An dieser Stelle möchte ich nur einen Teil unserer Services nennen, wie zum Beispiel die Suche nach einem geeigneten Standort, der Unterstützung bei der Suche nach qualifiziertem Personal sowie der Unterstützung bei der Beantragung von Fördermitteln, sei es für Investitionen oder für FuE-Projekte. Und nicht zuletzt sitzen Kolleg:innen von mir in den jeweiligen Bezirksämtern als ständige Ansprechpartner vor Ort.

Eine ganze Reihe von Cannabisunternehmen konnten bereits davon profitieren, beispielsweise bei der Einwerbung von regionalen Fördermitteln. Darüber hinaus versuchen wir, die regionale Branche stärker zu vernetzen sowie ihren Akteuren eine Plattform anzubieten, um sich nach außen zu zeigen. Die nächste Gelegenheit wird die BIONNALE am 12. Mai sein, bei der sich ausgesuchte Cannabisunternehmen präsentieren werden.

krautinvest.de: Woran machen Sie die aus ihrer Sicht positive Entwicklung der Cannabisbranche fest?

Volker Erb: Im Grunde reicht ein Blick auf den amerikanischen Markt als Leitmarkt, um zu erkennen, was die Zukunft bringt. Zugegeben, nach einer geradezu euphorischen Entwicklung insbesondere in den USA und Kanada und völlig übertriebenen Unternehmensbewertungen, erlebte die Branche spätestens im Jahr 2020 eine erhebliche Konsolidierung und Nüchternheit machte sich breit, unter anderem auch, weil die Branche ihre eigenen Erwartungen nicht erfüllen konnte. Die Konsolidierung trägt aber nun langsam Früchte. Kosten wurden gesenkt, es entstehen durch Fusionen Effizienzgewinne und die Umsätze steigen stetig an. In Berlin möchte ich stellvertretend für alle anderen die beiden Unternehmen Demecan und Sanity Group nennen, die das Vertrauen von Investoren gewinnen konnten und signifikante Finanzierungen in Millionenhöhe erhielten. Das sind alles Indikatoren, die das Potenzial bereits jetzt und vor allem für die Zukunft belegen. Dass sich das ganze Potenzial nicht frei entfalten kann, dafür gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die jedoch nicht unmittelbar im Einflussbereich der Cannabisunternehmen stehen.

krautinvest.de: Welche Gründe sind das aus Ihrer Sicht?

Volker Erb: Da sind zunächst die regulatorischen Hürden zu nennen. Hier gibt es in Europa, aber auch innerhalb Deutschlands, einen Flickenteppich unterschiedlichster Zulassungskriterien, die es für jedes Unternehmen schwer machen, den jeweiligen nationalen Regularien gerecht werden zu können, um international zu expandieren. Es gibt im CBD-Bereich Unklarheiten bei der fachlichen Richtigkeit der Novel-Food-Verordnung, wenn es um Nahrungsergänzungsmittel geht. Das geht so weit, dass je nach Behörde die Verordnung unterschiedlich interpretiert und umgesetzt wird. Aktuell gibt es eine Diskussion um den maximal zulässigen THC-Wert, der sich auf das Körpergewicht des einzelnen Verbrauchers beziehen soll. 

Die zunehmende Liberalisierung in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, ist jedoch Anlass für Optimismus. Nur das Tempo müsste etwas erhöht werden, um auch die Unternehmen nicht länger finanziell zu strapazieren. Die Hauptursache liegt aber nach wie vor an Ressentiments und Vorbehalten an der Verwendung von Cannabis als Medizin beziehungsweise an Nahrungsergänzungsprodukten, trotz nachgewiesener positiver Wirkungen auf das Wohlbefinden von Anwendern. Hier ist noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten, beispielsweise durch Studien, die diese Ressentiments ausräumen. Allerdings können diese Studien recht teuer werden, was sich die oft kleineren Unternehmen finanziell nicht leisten können. Wenn aber große, finanzstarke Unternehmen das Potential erkennen und ihren Einfluss in die Diskussion mit einbringen könnten, würde das der Entwicklung einen starken Schub geben. Diese sind dann auch in der Lage, wichtige Aufklärungs- und Verbraucherschutzarbeit zu finanzieren.

krautinvest.de: Welche Initiativen würden Sie sich von Seite der Unternehmen stärker wünschen?

Volker Erb: Es haben sich mehrere Verbände gegründet, die eine wichtige Lobby- und Mittlerfunktion übernehmen. Das sind die Plattformen, in denen sich die Unternehmen abstimmen und organisieren können. Angesichts der Unsicherheiten im regulatorischen Bereich könnten die Unternehmen gemeinsam die Initiative ergreifen, indem sie eigene Qualitätsstandards definieren und mittels akkreditierter Prüflabore eigene Prüfsiegel etablieren, die sich an den aktuellen Regularien orientieren und im besten Fall die Anforderungen übertreffen. Die ersten Initiativen dazu laufen bereits und es wäre zu begrüßen, wenn sich mehr Unternehmen der Idee anschließen würden. Flankierend ist die Aufklärung durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit zu verstärken, um die gesellschaftliche Akzeptanz bei den Entscheidungsträgern in der Politik zu erhöhen. 

krautinvest.de: Hat Berlin vielleicht sogar Signalcharakter, auch wenn es darum geht Regelungen zu finden, die sowohl für Unternehmen als auch für Behörden sinnvoll und praktisch umsetzbar sind?

Volker Erb: Die Chance dafür ist jedenfalls vorhanden. Aber wie bereits erwähnt müssen die benannten Probleme nun schnell und pragmatisch gelöst werden, dann kann Berlin auch eine führende Rolle übernehmen. Fragt man die Unternehmen selbst, sehen sie Berlin bereits jetzt als führenden Wirtschaftsstandort für Cannabis in Deutschland. Es wäre sehr zu wünschen, wenn sich viele andere wichtige Akteure dieser Perspektive anschließen und sich konstruktiv einbringen würden. Die Cannabisbranche ist eine große Chance, die nicht verspielt werden sollte.

krautinvest.de: Herzlichen Dank für das Interview

Über Volker Erb:
Volker Erb, diplomierter Wirtschaftsingenieur (FH), ist seit über 20 Jahren bei Berlin Partner Für Wirtschaft und Technologie GmbH im Bereich Technologietransfer beschäftigt. Schwerpunkte liegen vor allem in der Vernetzung von Wissenschaft und Wirtschaft, der Begleitung von FuE-Projekten und Gründungen. Darüber hinaus ist Volker Erb Initiator und Moderator verschiedener Formate wie z.B. das „SeedCamp“ sowie Koordinator erfolgreicher Netzwerke wie z.B. das Netzwerk „NetPhaSol“ Daneben ist er Coach und Juror bei verschiedenen Business-Plan-Wettbewerben.

Hinweis der Redaktion: Am Programm interessierte Berlin Firmen mit Hintergrund im Biotech und Pharma können sich bei Volker Erb via E-Mail melden.

Bildquellen

  • Berlin_Partner_VolkerErb: Berlin Partner/ Volker Erb

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