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Miss Medizinalcannabis: Anna-Sophia Kouparanis

by Moritz Förster

Cannabis in Deutschland – eine Männerdomäne. Diesen Eindruck verstärkt ein Blick auf die Panel und Bühnen der renommierten Industrie-Konferenzen. In unserer Steckbrief-Reihe stellen wir die erste Frau vor, die in Deutschland einen pharmazeutischen Großhändler für medizinisches Cannabis gründete und inzwischen mit dem Telemedizin-Unternehmen Algea Care an der Schnittstelle von Digitalisierung und Cannabis agiert: Anna-Sophia Kouparanis.

krautinvest.de: Wann hast Du zum ersten Mal gedacht: “Mensch, ich muss in der legalen Cannabis Industrie aktiv werden!”? Was hat dich veranlasst, voll und ganz in die Cannabis-Industrie einzusteigen?

Anna-Sophia: Ich besitze nicht nur einen deutschen, sondern auch einen US-amerikanischen Pass. In Nordamerika zeichnete sich bereits vor einigen Jahren ab, dass Cannabis nicht nur ein riesiger Markt wird, sondern auch zum gesundheitlichen Wohlergehen von Millionen von Menschen beitragen wird. Nach dem Abschluss meines zweiten Masterstudiums 2018 stand für mich fest, unbedingt in die gerade entstehende europäische Cannabis-Industrie einzusteigen. Unternehmerische Opportunitäten, sinnvolle neue Innovationen, Prozesse und Produkte und eine komplett neue regulatorische Umgebung kommen zusammen – was könnte es spannenderes geben für eine Frau wie mich, die unternehmerisch die Welt verbessern möchte?

krautinvest.de: Rückblickend auf die vergangenen Jahre in der Industrie: Was sind bisher für dich persönlich deine Highlights?

Anna-Sophia: Natürlich zum einen gleich unmittelbar nach dem Master-Studium als Führungskraft einzusteigen. Zum anderen aber auch, als erste Frau überhaupt, in Deutschland mit der Ilios Sante GmbH einen Großhändler für medizinisches Cannabis zu gründen. Und natürlich: Mit meinem Mitgründer Dr. Julian Wichmann habe ich einen absoluten Experten getroffen, um Algea Care, einen Telemedizin-Anbieter für Cannabis basierte Therapien und andere natürliche Arzneimittel, ins Leben zu rufen. Das ist in Deutschland das erste Mal, dass es ein Telemedizin-Angebot für Betäubungsmittel gibt.

Täglich motiviert mich das positive Feedback der Patienten an unsere Ärzte: Egal ob jung oder alt und von Rheumapatient über Bandscheibenprobleme bis Migräne. Jede Woche berichten Menschen, die chronisch und über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, an Schmerzen oder anderen Beschwerden gelitten haben, dass es ihnen durch unsere Cannabis basierte Therapie besser geht. Unser beachtlicher unternehmerischer Erfolg – im September gestartet verfügen wir bereits über Anlaufstellen in Frankfurt, München, Berlin und Köln – und dieses Feedback, erinnern mich jeden Tag aufs Neue wie wichtig und unverzichtbar unsere Arbeit ist.

krautinvest.de: Und was sind Deiner Meinung nach die wichtigsten bisherigen Entwicklungen und Ereignisse in der Cannabis-Industrie der letzten fünf Jahre?

Anna-Sophia: Für Deutschland und ganz Europa das Gesetz „Cannabis als Medizin“ im März 2017 und die hierzulande rasant steigende Zahl an Cannabis-Patienten. Seitdem erleben wir auch in medizinischen Fachkreisen eine zunehmende Entstigmatisierung der Pflanze und mehr Akzeptanz. Wobei wir trotz der positiven Tendenz eines nicht vergessen sollten: Noch immer ist es für angehende Cannabis-Patienten*innen schwierig, einen Arzt zu finden, der gewillt ist, sie auf ihrem Weg zu begleiten und der über eine Expertise für Cannabinoid basierte Therapien verfügt. Wir schätzen, dass aktuell nur zwei Prozent der deutschen Ärzte Cannabis verschrieben haben. Das darf nicht sein, dass Patienten*innen – viele von ihnen mit schwerwiegenden chronischen Leiden – so oft auf sich alleine gestellt sind!

Ich bin zuversichtlich, dass die Reklassifizierung der UN den weltweiten Durchbruch von medizinischem Cannabis ebenen wird: von der ehemals als „Kiffer-Droge“ verrufenen Pflanze hin zum anerkannten natürlichen Arzneimittel. Immer mehr Studien werden nach der Reklassifizierung Ende des letzten Jahres das Potenzial von Cannabis-Therapien belegen.

krautinvest.de: Zwischen internationalen Märkten und Schattenwirtschaft: Woran entscheidet sich deiner Meinung nach, ob die europäische Cannabis-Industrie durchstartet?

Anna-Sophia: Cannabis ist, so sehen wir es, ein pharmazeutisches Produkt und in diesem Fall alles andere als eine „Schattenwirtschaft“. Importmengen schießen in Deutschland Jahr für Jahr nach oben, ebenso die Anzahl der Patienten*innen – auch wenn wir erst am Anfang stehen. Ich hoffe daher, dass sich viele von unserer Pionierarbeit inspirieren lassen: Unser Ärzteteam arbeitet nach strikten schulmedizinischen Standards und basierend auf vorliegender Evidenz. Das Wissen um die Vorteile von Cannabis als Arzneimittel muss flächendeckend zu den relevanten Stakeholdern vordringen. Jeder Arzt muss das endogene Cannabinoidsystem und seine Rezeptoren in- und auswendig kennen.

Wir sollten dabei nicht vergessen, dass Deutschland in Europa eine Vorreiterrolle einnimmt. Damit zunehmend mehr europäische Patienten von medizinischem Cannabis profitieren, müssen Entscheider und Regulierer die Weichen stellen. Wir brauchen außerdem weitere fundierte Studien, um unsere Argumente gegenüber Politik, Medizin und Gesellschaft auf noch solideres Fundament stellen zu können. Gerade die gesellschaftliche Aufklärung ist dabei wesentlich: Das Wissen über den Mehrwert von medizinischem Cannabis und anderen natürlichen Arzneimitteln muss in die europäische Bevölkerung vordringen.

krautinvest.de: Wie kann die Industrie dazu beitragen, dass das Wachstum anhält und Cannabis sich als nachhaltige Wirtschaft etabliert?

Anna-Sophia: Wie gesagt: Als Pharmaunternehmen sollten wir uns strikt an die Vorgaben der Schulmedizin und Evidenz halten. Außerdem sollten wir das Wohlergehen der Menschen immer dem kurzfristigen unternehmerischen Profitstreben überordnen. Langfristig werden ohnehin die Unternehmen erfolgreich sein, die von Anfang an radikal aus Sicht des Patienten*in gedacht haben. Die Digitalisierung wird dabei eine ganz wesentliche Rolle spielen. Da Patente im Bereich Naturheilmittel schwierig sind, lohnen sich kostspielige Phase-III-Studien kaum. Der Schlüssel für immer mehr Evidenz und damit nachhaltiges Wachstum liegt im intelligenten und gesetzeskonformen Sammeln und Auswerten von Daten, die wir mit Algea Care bereits sammeln.

krautinvest.de: Wer sind für Dich die drei Personen, denen die europäische Cannabis-Industrie in den vergangenen fünf Jahren am meisten zu verdanken hat?

Anna-Sophia: Andreas Franz Wieczorek, der als Kläger maßgeblich zum „Cannabis als Medizin“-Gesetz beigetragen hat, Bedrocan-Gründer Tjalling Erkelens und Niklas Kouparanis, der als einziger deutscher Cannabis-Gründer einen Exit im zweistelligen Millionenbereich in unter zwölf Monaten erreicht hat.

krautinvest.de: Was sind Deine unternehmerischen Ziele in Sachen Cannabis in den nächsten drei Jahren?

Anna-Sophia: Wir wollen Algea Care perspektivisch zum europaweit führenden Telemedizin-Anbieter für natürliche Medizin ausbauen, die Indikationen für unsere Therapien kontinuierlich erweitern und federführend in der Regulierung von medizinischem Cannabis und weiteren Natur basierten Medikamenten in Deutschland und Europa werden. Zentrale Erfolgsfaktoren auf unserem Weg sind Vertrauen und Akzeptanz. Die Patienten*innen fühlen sich nicht so sehr als Patienten*innen, sondern bei Algea Care auch als Mensch ernst genommen. Sie erleben online eine Full-Service-Betreuung. Diesen eingeschlagenen Weg werden wir in den nächsten Jahren fortsetzen: Die oder der Patienten*in steht bei uns immer im Mittelpunkt.

krautinvest.de: Welcher Markt/ welches Thema ist in Sachen Cannabis Deiner Meinung nach aktuell am spannendsten? Warum? *

Anna-Sophia: Persönlich begeistert es mich, die Vorteile der Digitalisierung mit den Vorteilen von medizinischem Cannabis und wissenschaftlicher Evidenz zu kombinieren. An dieser Schnittstelle entstehen immense Service-Vorteile für Patienten*innen – etwa keine Wartezeiten, Antworten binnen 24 Stunden per Mail und eine rundum Betreuung – und auch bessere Therapieangebote mit deutlich weniger Nebenwirkungen als bei konventionellen Medikamenten. Nicht zu vergessen die angesprochenen Datenmengen, die intelligent ausgewertet werden können.

krautinvest.de: Welches Buch legst Du allen Cannabis-Unternehmern als Pflichtlektüre ans Herz?

Anna-Sophia: Für Apotheker und Ärzte die Arbeitshilfebücher “Cannabis” von Franjo Grotenhermen, für alle Großhändler und Unternehmer “Gute Vertriebspraxis in der pharmazeutischen Industrie”, von ecv herausgegeben. Und, falls ihn jemand noch nicht gelesen hat, den Klassiker für alle Gründer: „Lean Startup“ von Eric Ries.

krautinvest.de: Beschreibe Dich in drei Adjektiven, die dich am besten charakterisieren:

Anna-Sophia: Sorgfältig, ambitioniert, ehrlich.

Anna-Sophia Kouparanis, Gründerin Algea Care und Geschäftsführerin Algea Health

Anna-Sophia Kouparanis zählt seit über zwei Jahren als Investorin, Managerin und Unternehmensgründerin zu den führenden weiblichen Entscheiderinnen der Cannabis-Szene. Deutschlandweit gründete sie als erste Frau mit der Ilios Sante GmbH einen Großhändler für medizinisches Cannabis. Ihre Expertise liegt in der Produktbeschaffung, dem Umgang mit Rx- Arzneimitteln und der effizienten Skalierung von Geschäftsmodellen in hoch regulierten Märkten.

Bildquellen

  • Anna Kouparanis Algea Care: Algea Care

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