Cannabislegalisierung – Aufklärung statt Verbote!

by Astrid Hahner

Jugendschutz und Harm Reduction für Cannabis: Sind neue Verbote und Höchstgrenzen zielführend?

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) ließ am 4. Mai die Bombe platzen und kündigte noch für diesen Sommer ein Reformpaket an, zu dem nun offiziell auch die Legalisierung von Cannabis gehören wird. Dass diese nun schneller kommen wird als erwartet, erfreut sowohl Konsument:innen als auch die Industrie und man wartet gespannt auf Details zu den gesetzlichen Rahmenbedingungen für die versprochene „kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Fachgeschäften“. Gleichwohl werden Stimmen laut, die befürchten, dass die Industrie inzwischen alle Verantwortung über Bord wirft und die Risiken des Konsums, die primär junge Menschen betreffen, deren Hirnreifung noch nicht abgeschlossen ist, im öffentlichen Diskurs systematisch verharmlost werden. 

Cannabis sei viel ungefährlicher als Alkohol, andere Drogen und Medikamente, denn keiner sei je daran verstorben. Es verursache auch keine (psychiatrischen) Erkrankungen, sondern diene zu deren Behandlung. Und selbst bei langjährigem täglichem Konsum könne man im Fall von Cannabis niemals von einer Abhängigkeitsproblematik sprechen. So oder ähnlich klingt es, wenn man einem Großteil der Cannabis-Aktivist:innen, -Influencer:innen oder entsprechenden Social-Media-Kanälen folgt. Tatsächlich nimmt die Allgemeinbevölkerung Cannabis zunehmend als harmlose Droge wahr; 6-7 % der Bevölkerung in Europa (1) konsumieren es regelmäßig – und das, obwohl es flächendeckend noch illegal ist. 

Den „Verharmlosern“ steht die Gruppe der „Verteufelnden“ gegenüber: Cannabiskonsum ohne ärztliche Verschreibung löse Psychosen aus, mache lethargisch, senke die Hemmschwelle, sei der Einstieg, härtere Drogen auszuprobieren und müsse in jedem Falle problematisch eingestuft werden; eine Psychotherapie mache beispielsweise erst Sinn, nachdem man eine stationäre mehrwöchige Entgiftung vollzogen habe, etc. pp.. Empirisch belegt ist in der Tat, dass Cannabiskonsum sowohl problematische Züge annehmen kann, als auch mit komorbiden psychiatrischen Erkrankungen in Zusammenhang steht, allerdings betrifft dies – ähnlich wie bei allen anderen Substanzen und Lebensgewohnheiten, die z.B. das Belohnungsverhalten beeinflussen – nur einen Bruchteil aller Konsument:innen. 

Die Apotheken-Inhaberin Melanie Dolfen schlug in einem kürzlich veröffentlichten Gastbeitrag folgende fünf Prinzipien für eine qualitative Regulierung der Cannabis-Abgabe vor; räumte aber gleichzeitig ein, dass Cannabis-versorgende Apotheken wie ihre natürlich auch aus einem gewissen wirtschaftlichen Eigeninteresse heraus argumentieren (siehe Punkt 4): 

  1. Gesetzlich verbindliche THC Grenzwerte
  2. Altersgrenze für die Abgabe (ab 25 Jahre)
  3. Höchstabgabemengen
  4. Klare Trennung zwischen Cannabis-Herstellung und -Verkauf
  5. Gesetzlich geregelte Unterscheidung zwischen Freizeit- und Medizinalcannabis 

Sie führt weiterhin aus: „Ich sehe es so, der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Cannabis (gemeint ist kontrolliert vs. illegal; Anm. d. Red.) bagatellisiert das Risiko für junge Menschen. Und wer den Jugendschutz beim Alkohol als Modell hinstellt, verharmlost die Risiken, die Cannabis für Jugendliche hat. Ich wünsche mir, dass die Hersteller aufhören, die Gefahren herunterzuspielen. Dieses Framing „Jugendschutz analog Alkohol“ oder „gutes Gras, schlechtes Gras“ kostet Glaubwürdigkeit.“ Zumindest an Glaubwürdigkeit hat sie zweifelsfrei Recht. Denn obwohl Alkoholmissbrauch desaströs für die körperliche Gesundheit ist, was für Cannabis nur bedingt stimmt (COPD, Bronchitis), KANN sich Cannabismissbrauch trotzdem desaströs auf den Geist oder die Persönlichkeitsentwicklung auswirken (1–3). Alles was wirkt, hat eben auch Nebenwirkungen. Oder: „Die Dosis macht das Gift.“ (Paracelsus)

So wie Längsschnittstudien zwischen Tabakraucher:innen und Nichtraucher:innen den Zusammenhang zwischen Zigaretten und Lungenkrebs aufgedeckt haben, so haben ähnliche prospektive Studien wiederholt gezeigt, dass starker (!) Cannabiskonsum mit einem erhöhten Psychoserisiko einhergeht. Natürlich ist Korrelation noch kein Beweis für einen kausalen Zusammenhang, aber alternative Erklärungen wurden inzwischen mehrfach widerlegt. Fakt ist: CB1-Rezeptor-Stimulation kann Psychosen auslösen – unter Umständen reicht dazu THC, ein schwacher CB1-Agonist, aus. Synthetische Cannabinoide („Legal Highs“, „Spice“), die zum Teil als volle CB1-Agonisten wirken, umso mehr. CBD scheint THC-induzierten psychotischen Symptomen und kognitiven Beeinträchtigungen allerdings entgegenzuwirken und zeigt sogar antipsychotische Eigenschaften. Das kennt Melanie Dolfen aus Ihrem Beratungs-Alltag in der Apotheke, aber auch  (angehende) Freizeit-Konsumenten sollten das wissen. 

In den 1960er und 1970er Jahren enthielt Cannabis bzw. Haschisch deutlich unter 10 % THC und oft einen gleich hohen Anteil CBD. Heute enthalten die Produkte, auch die zur medizinischen Verwendung, durchschnittlich 16% THC; CBD ist oft kaum nachweisbar, da die Pflanze keine hohen Konzentrationen beider Cannabinoide gleichzeitig produzieren kann. Beim sogenannten „dabbing“ enthalten die Konzentrate sogar bis zu 90% THC – für „Anfänger:innen“ oder vulnerable Personen stellt das ein ernstzunehmendes Risiko dar, zumindest vorübergehend “durchzudrehen”. Glücklicherweise haben Cannabis-Psychosen unter den Substanz-induzierten Psychosen eine vergleichsweise günstige Prognose.  

Aber: Sind die von Frau Dolfen geforderten THC-Grenzwerte das Mittel der Wahl, um Risiken zu minimieren? Im Grunde kann es doch nicht darum gehen, dass der Staat patronisierend Regeln festlegt, die weder verstanden noch eingehalten würden, sondern darum, dass durch adäquate Aufklärung eine vernünftige Konsumentscheidung für mündige, selbstbestimmte Bürgern ermöglicht wird. My brain, my choice. Entsprechende Warnhinweise auf den Produktetiketten würden doch ausreichen. Ganz nebenbei bemerkt redet fast nie jemand über eventuelle positive Langzeitfolgen einer bewusstseinserweiternden Erfahrung, wie z.B. geistige Flexibilität, Selbstreflexion, Kreativität und Individualität. Solche Studien gibt es praktisch überhaupt nicht. 

Bereits Jugendlichen sollte man die Risiken des (Drogen-)Konsums und Frühwarnzeichen zur rechtzeitigen Interventionsmöglichkeit genau erklären; Scham oder die Angst vor rechtlichen Konsequenzen sind generell schlechte Begleiter für den Jugend- und Konsumentenschutz. Jedem (angehenden) Cannabis-Konsumenten muss klar sein: Menschen mit einer paranoiden oder zu Psychosen neigenden Persönlichkeit sind besonders gefährdet, wenn sie THC konsumieren, ebenso wie Menschen mit anderen Risikofaktoren für eine Psychose, z. B. einem Kindheitstrauma. Der Beginn des Konsums im Jugendalter und eine familiäre Vorbelastung mit Psychosen/ Schizophrenie sind ebenfalls mit einem erhöhten Risiko verbunden, früher oder später in der Anstalt zu landen. Und: je stärker der Stoff, je häufiger der Konsum, desto höher das Risiko, Probleme zu entwickeln; ein weiterer Risikofaktor ist Mischkonsum (unter anderem auch: Tabak). 

Vulnerabilität darf keinesfalls mit Charakter- oder Willensschwäche verwechselt werden; oftmals sind es genetische Varianten an einer oder mehreren Stellen im Erbgut, welche in Verbindung mit bestimmten Substanzen und Lebensumständen das metaphorische Fass der psychischen Belastbarkeit zum überlaufen bringen. Das Schema ist übrigens auch auf die potenzielle Entwicklung einer „echten“ Abhängigkeitsproblematik übertragbar (4). Expert:innen sind sich inzwischen einig, dass nicht die Exposition mit einer bestimmten Substanz, sondern traumatische Erfahrungen im Leben, vor allem in der Kindheit, der gemeinsame Nenner eines späteren „problematischen Konsummusters“ sei – die Stigmatisierung oder gar Kriminalisierung des (fehlgeschlagenen) Versuchs, seelische Schmerzen zu betäuben und Glück zu empfinden, ist vor diesem Hintergrund eine gesellschaftliche Schande (5). Zum Thema Cannabis-Abhängigkeit vs. Selbstmedikation speziell hat der Arzt Franjo Grotenhermen, einer der bekanntesten deutschen Experten für die medizinische Verwendung von Cannabis, eine etwas differenziertere Meinung, die sehr lesenswert ist aber nur selten unter Kollegen Beachtung findet.

Trotzdem noch einmal zur Wiederholung: Ein Großteil der Konsument:innen entwickelt eben KEINE Psychose / Schizophrenie und auch keine Abhängigkeit in dem Sinne, dass das Leben nicht mehr zu bewältigen wäre, selbst wenn sie dabben oder schon im Jugendalter mit Kiffen angefangen haben. Und wenn man schon über das erhöhte Psychoserisiko oder sonstige Spätfolgen durch psychotropen Substanzkonsum vor Ausreifung des Gehirns spricht, sollte man zumindest erwähnen, dass das wohl auch für häufig verschriebene Psychopharmaka, wie z.B. Stimulanzien zur Behandlung von ADHS oder SSRI zur Behandlung von Depressionen, gilt (6,7).

Die Forderung, das Abgabealter für Cannabis auf mindestens 25 Jahre anzuheben beruht offenbar auf der etwas realitätsfernen Hoffnung, dass so nur ausgereifte Gehirne mit THC in Berührung kämen. In der Praxis würde diese Lösung aber dazu führen, dass die Hauptzielgruppe für Harm-Reduction Maßnahmen sich weiterhin auf dem Schwarzmarkt tummeln müsste und bei auftretenden Problemen verständlicherweise die Hemmschwelle groß bliebe, sich Hilfe zu suchen. Es dürfte auch schwer zu begründen sein, wieso sich ein vor dem Gesetz Erwachsener legal mit Hochprozentigem auf Deutsch gesagt zu Tode saufen „darf“, einen Waffenschein beantragen und mit 200 PS die Straßen unsicher machen kann, aber die Entscheidung, ob er/sie das Risiko eingehen will, Cannabis in welcher Form auch immer zu konsumieren, übernimmt vorsorglich Vater Staat. 

Quellen:

  1. Hindley, G. et al. Psychiatric symptoms caused by cannabis constituents: a systematic review and meta-analysis. The Lancet. Psychiatry 7, 344 (2020).
  2. Colizzi, M. & Murray, R. Cannabis and psychosis: What do we know and what should we do? British Journal of Psychiatry 212, 195–196 (2018).
  3. Bundesgesundheitsministerium. Cannabis: Potential und Risiken. Eine wissenschaftliche Analyse. (2018).
  4. Levin, Y. et al. The association between type of trauma, level of exposure and addiction. Addictive behaviors 118, (2021).
  5. Addiction – Dr. Gabor Maté. https://drgabormate.com/topics/addiction/.
  6. Moran, L. v. et al. Psychosis with Methylphenidate or Amphetamine in Patients with ADHD. N Engl J Med 380, 1128 (2019).
  7. Cousins, L. & Goodyer, I. M. Antidepressants and the adolescent brain. Journal of Psychopharmacology 29, 545–555 (2015).

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