Die Cannabiswirtschaft verharmlost systematisch die Risiken

by Gastautor

Ein Gastbeitrag von Apothekerin Melanie Dolfen

Ihr nützt, dass die Politik weiter versäumt, Prinzipien für die Cannabis-Legalisierung zu definieren.

Während die Bundesregierung weiter versäumt, Prinzipien für die Cannabis-Legalisierung zu definieren, nutzt die Cannabiswirtschaft die Verwirrung, um ihrerseits Linien zu ziehen und Fakten zu schaffen. Das betrifft vor allem den Jugendschutz. Die Industrie versteht Legalisierung offensichtlich als Liberalisierung. Wo Medizin und speziell Psychiatrie keinen Zweifel lassen, dass Cannabis für junge Menschen gefährlich ist, versucht die Industrie diese Risiken zu verharmlosen.

Der Branchenverband der Cannabiswirtschaft hatte in seinem Eckpunktepapier noch viel von Verantwortung geschrieben. So sollte etwa die Forschung zu den Risiken für das nicht ausgereifte Gehirn staatlich gefördert werden. Die jüngsten Veröffentlichungen von Synbiotic und Sanity sind da unbeschwerter.

Für mich klingen die Pläne von Synbiotic nach Coffee-Shop-Kette à la Amsterdam. Die Enchilada-Gruppe, mit der Synbiotic ein Franchise für Cannabis-Stores machen will, kommt aus der Systemgastronomie. Damit ist wohl gesagt, wohin es gehen soll. Gras als fancy Freizeitmarke, als Party-Brand. Was die Risiken für Jugendliche betrifft, wollen sich Synbiotic/Enchilada an den Regeln für Alkohol in der Gastronomie orientieren. Künftige Mitarbeiter, so beschreiben sie das, sollen für Cannabis-Shops in Jugendschutz und Produktempfehlung geschult werden. So, wie das bisher mit Alkohol läuft. Damit kenne man sich bei Enchilada ja aus.

Die Sanity-Group zieht ihre Linien subtiler. Es gehe um „kontrollierte Cannabisabgabe“, heißt es vorneweg in ihrer Pro- und Contra-Stellungnahme zur Cannabis-Legalisierung. Nicht um eine „wahllose Freigabe“. Der Staat soll die Qualität der Produkte kontrollieren und könne auch „verschärfte Regelungen für Marketing und Sponsoring“ erlassen. Sanity ist auch für „gute Aufklärungs- und Präventionsprogramme“.

Der Jugendschutz dürfe allerdings nicht zu streng sein, sonst würden die Jugendlichen weiter auf illegales Cannabis ausweichen. Dabei unterscheidet Sanity zwischen gutem kontrollierten und eher schädlichem illegalen Cannabis. Für den Anstieg der THC-Psychosen etwa macht die Firma „überzüchtete und synthetische Cannabis-Sorten“ verantwortlich. Da soll sich am besten der Staat kümmern. Staatliche Kontrolle im Rahmen der Legalisierung, heißt es in der Pro- und Contra-Stellungnahme, werde „Jugendliche vor schädlichen Substanzen bewahren“.

Der Staat soll für saubere Drogen sorgen und ansonsten Aufklärungskampagnen machen? Und worüber sollten die Behörden die Jugendlichen dann aufklären? Vorsicht bei  ‚überzüchteten und synthetischen Sorten‘? Ansonsten, wenn Ihr die das gute Gras kifft, müsst Ihr Euch keine Sorgen machen, dass Euch Psychosen oder Depression erwischen? Damit hätte es sich beim Jugendschutz?

Ich sehe es so: Der Unterschied zwischen gutem und schlechtem Cannabis bagatellisiert das Risiko für junge Menschen. Und wer den Jugendschutz beim Alkohol als Modell hinstellt, verharmlost die Risiken, die Cannabis für Jugendliche hat. Ich wünsche mir, dass die Hersteller aufhören, die Gefahren herunterzuspielen. Dieses Framing „Jugendschutz analog Alkohol“ oder „gutes Gras, schlechtes Gras“ kostet Glaubwürdigkeit. Wo es doch wichtig wäre gerade, wenn es mit der Legalisierung losgehen soll, den Produzenten trauen zu können.

Aus Perspektive der Apotheken plädiere ich für eine qualitative Regulierung auf der Basis von fünf Prinzipien.

  1. Gesetzlich verbindliche THC-Grenzwerte
  2. Altersgrenzen (ab 25 Jahre)
  3. Höchstabgabemengen
  4. Cannabis Herstellung und Verkauf klar zu trennen.
  5. Den Unterschied zwischen Freizeit- und Medizinalcannabis gesetzlich zu regeln.

Mir ist klar, dass ich mich damit in der Cannabisbranche nicht beliebt mache. Ich sag das ganz offen, wenn Apotheken die Trennung von Herstellung und Verkauf fordern, haben wir auch ein Eigeninteresse. Ich bin für Cannabis-Stores in Regie der Apotheken. Für lizensierte Fachgeschäfte, die ihren Namen verdienen. Aber entscheidend ist natürlich erstmal, was die Bundesregierung macht. Als Apothekerin, die sich seit zehn Jahren für Medizinalcannabis engagiert, vermisse ich eine klare Ansage der Koalition. Je länger Ihr die Dinge im Unklaren lasst, um so üppiger können Verharmlosung und Verklärung blühen.

Wir brauchen endlich eine klare Ansage, welche Prinzipien Euch bei Euren Cannabis-Plänen und Beschlüssen leiten sollen!

Über Melanie Dolfen:
Melanie Dolfen ist Inhaberin der Bezirksapotheken in Berlin Mitte und Friedrichshain. In den letzten zehn Jahren haben ihre Teams Schwerpunkte für Medizinal-Cannabis, HIV/ Hepatitis, Transidentität/ Diversität aufgebaut. Melanie Dolfen ist eine gefragte Expertin für medizinisches Cannabis. Regelmäßig spricht sie auf Kongressen und Branchenevents über gesundheitspolitische Themen. Sie engagiert sich für eine patientenindividuelle Pharmazie und die Stärkung der Apotheken im Verhältnis zu Ärzt:innen und Big Pharma

Disclamier: Gastbeiträge spiegeln nicht den Inhalt der Redaktion wider. krautinvest.de ist bemüht auch als Ort für Debatte und Diskurs den vielfältigen unterschiedlichen Ansichten in der Industrie gerecht zu werden.

Bildquellen

  • Melanie Dolfen VS 2021: Bezirksapotheke

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