Home Einblick Bildung in der Cannabis-Industrie: “Wissenslücken schließen”

Bildung in der Cannabis-Industrie: “Wissenslücken schließen”

by Moritz Förster

Bildung, Information, Wissen. Immer wieder fallen diese Worte, wenn es um wichtige Meilensteine für die europäische Cannabis-Industrie geht. Seit Jahren wichtig und dringend, wollen Cannabis-Unternehmen Gesetzgeber, aber auch Ärzte, Apotheker und Konsumenten bzw. Patienten und somit mehr Menschen mit dem Thema erreichen. Cannamedical beispielsweise hat die CannAcademy ins Leben gerufen, Aurora die Aurora Academy. Zielgruppe sind insbesondere Ärzte und Mediziner, aber auch erweiterte Organe wie die Polizei. Aurora geht hierzulande noch einen Schritt weiter: Gemeinsam mit der Humboldt-Universität hat es einen Cannabis spezifischen akademischen Kurs initiiert und ist somit das erste Angebot mit einem akademischen Hintergrund: die Cannabis Research Class.

Seit Juni bearbeiten deutschlandweit erstmalig 15 Stipendiaten in einer akademischen Cannabis-Klasse ihre eigenen Projekte. Vom Bachelor, bis Master und Staatsexamen sind die von einem Komitee ausgewählten Stipendiaten bunt gemischt. Auf dem Stundenplan stehen am Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften der Lebenswissenschaftlichen Fakultät Anbau und Biologie, aber auch Kultur und die Wirkung von Medizinal-Cannabis. Eng arbeite man mit den Instituten für Biologie und Psychologie zusammen, heißt es von den Initiatoren. Professor Christian Ulrichs leitet die „Cannabis Research Class“ sowie die Forschungsgruppe mit den Professoren Tilmann Brück, zuständig für rechtliche und wirtschaftliche Rahmenbedingungen, und Caroline Stokes, mit dem Schwerpunkt medizinische Nutzung und Wirkung. 300 Euro monatlich erhalten die Stipendiaten, die Hälfte zahlt ihnen Aurora, die andere der Bund. Weitere 11.000 Euro schießt Aurora für Sachmittel und die wissenschaftliche Betreuung hinzu, summa summarum fördert Aurora das zunächst einjährige Projekt mit rund 38.000 Euro.

Auroras Direktor für Corporate Affairs Thimo Schmitt-Lord und Sandra Bütow, Direktorin für Marketing und medizinische Bildung bei Aurora, äußern sich bei uns über den Status Quo der Cannabis-Research-Class, fakulatorische Inhalte und die Anforderungen, die Stipendiaten erfüllen müssen.

krautinvest.de: Hallo Sandra und Thimo, wieso seid ihr der Auffassung, dass es eine für die Cannabis-Industrie spezifische Ausbildung braucht?

Thimo Schmitt-Lord: Uns ist wichtig, die besten Talente einer Universität für Cannabis-bezogene Fragen zu begeistern, die dann in ihre jeweiligen Disziplinen und Forschungsprojekte einfließen. Wir wollen damit die etablierten Fachbereiche für Cannabis-Themen öffnen, und keine neue Ausbildungsrichtung gründen.

krautinvest.de: Findet ihr bereits ausreichend Talente, die den Ansprüchen eines Cannabis-Unternehmens gerecht werden?

Thimo Schmitt-Lord: Langfristig werden neue Industrien wie Cannabis nur erfolgreich sein, wenn sie die besten Talente für sich und ihre Themen begeistern können. Aurora ist in Berlin mit zwei Unternehmen ansässig, der Aurora Europe GmbH, mit dem Fokus der Unterstützung unserer Landesorganisationen und der Vertriebsexpansion in Europa, und der Aurora Deutschland GmbH, für den hiesigen Markt. Vom Controller zu Quality, vom Personaler zum Customer Service Agent am Telefon, der die Fragen und Bestellungen der Apotheker bearbeitet, haben wir viele Arbeitsprofile, die man auch in vielen anderen Unternehmen findet, die aber unter den komplexen Rahmenbedingungen des Cannabis-Sektors ganz neue Herausforderungen bieten. Berlin als Forschungs-, Wissenschafts- und Start-Up-Standort, mit zahlreichen Universitäten und Bildungseinrichtungen, bietet Unternehmen die Möglichkeit diverse Teams aus allen Fachrichtungen und mit hohem Engagement zusammenzubringen. Die Kollegen im Außendienst verteilt über ganz Deutschland haben natürlich eine fachbezogene medizinische oder pharmazeutische Ausbildung.

krautinvest.de: Sandra, Bildung ist auch das Stichwort, wenn es um Stakeholder geht: Ärzte, Apotheker, Versicherer – Wie beurteilt ihr den Status Quo in Sachen Cannabis-Wissen der involvierten Akteure?

Sandra Bütow: Uns erreichen regelmäßig Patientenanfragen, die entweder keinen verschreibenden Arzt oder keine Apotheke finden, die ihr Rezept einlösen kann. Das muss sich ändern. Damit Betroffene auch im ausreichenden Maße davon profitieren können dass es das Gesetz gibt, müssen in Deutschland noch einige Hürden abgebaut werden. Die positive Wirkung von Cannabis-haltigen Medikamenten und ihre therapeutischen Einsatzgebiete sind bei Ärzten und Patienten noch zu wenig bekannt. Hier ist Aufklärung notwendig. Mit unserer Weiterbildungsplattform Aurora Academy wollen wir medizinisches Fachpersonal wissensbasiert informieren und den Transfer von Wissenschaft und Forschung in die Praxis erleichtern. Die Inhalte all unserer Formate im Rahmen der Aurora Academy unterliegen einem strengen und definierten Qualitätssicherungsprozess und ist an die Bedürfnisse von medizinischem Fachpersonal angepasst.

krautinvest.de: Und was sollte sich verbessern?

Sandra Bütow: Ärzte, Apotheker, Kliniken, das Gesundheitswesen insgesamt, sollte über die Einsatzmöglichkeiten von Medizinal-Cannabis mehr Bescheid wissen. Wir engagieren uns vor Ort, auf Fortbildungsveranstaltungen oder in Webinaren, die wir zur Verfügung stellen, im Wissenslücken zu schließen, um Fragen zu beantworten, um Vorurteile zu beseitigen und mit ganz besonderem Nachdruck für die Rechte und die Versorgungsverbesserung von Patienten zu werben. Durch verbesserte Therapien und eine breitere Akzeptanz wollen wir so einen nachhaltigen Nutzen für Patienten schaffen.

krautinvest.de: Bleibt die Frage der Umsetzung: Wie kann die Industrie dies gemeinsam erreichen?

Sandra Bütow: Wir möchten gemeinsam mit Wissenschaft, Gesundheitswesen, Politik und Zivilgesellschaft Patienten bessere Rahmenbedingungen und einen guten Zugang zu Cannabis-Medikamenten ermöglichen. Wir setzen uns für mehr Zugangsgerechtigkeit und gegen Stigmatisierung ein. Durch unser Engagement im Verband der Cannabis versorgenden Apotheken e.V. (VCA) tragen wir als Hersteller und Vertreiber von Cannabis-Arzneimitteln dazu bei, gemeinsame Positionen im Sinne der Patienten voranzutreiben. Gemeinsam mit Apothekern, Industriepartnern, Händlern sowie Entscheidern aus Politik und Verwaltung bauen wir bestehende Hürden ab und verbessern so die Ausgangssituation – damit Patient*innen die Chance bekommen ein großes Stück Lebensqualität zurückerhalten.

krautinvest.de: Herzlichen Dank für das Interview, Sandra und Thimo.

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