Was bedeutet eine Legalisierung für medizinisches Cannabis?

by Moritz Förster

Die Bundesregierung will Cannabis für Genussmittel legalisieren. Seitdem sie mit Burkhard Blienert ein ausgewiesener Fachmann zum neuen Drogenbeauftragten ernannt hat, dürften die Chancen deutlich gestiegen sein, dass ihr das ambitionierte Vorhaben gelingt. Die naheliegende Frage für alle Unternehmen im medizinischen Cannabismarkt: Was bedeutet der legale Genussmarkt in spe für ihr medizinisches Kerngeschäft?

Wenig verheißunsgvoll: Der Blick gen Kanada. Im vierten Quartal 2018 – also dem ersten nach der Legalisierung im Oktober – lagen die Ausgaben laut MJ Business Daily für medizinisches Cannabis bei 153 Millionen US-Dollar, im Genussmarkt – alias Recreational – trotz einiger Startschwierigkeiten bei 175 Millionen US-Dollar. Seitdem entwickelten sich die Märkte entgegengesetzt: Die Ausgaben für Recreational-Produkte vervielfachten sich bis zum zweiten Quartal 2021 auf über eine Milliarde kanadische US-Dollar, im medizinischen Bereich geht es schleichend bergab. 121 Millionen kanadische US-Dollar gaben Patient:innen im zweiten Quartal 2021 noch für medizinisches Cannabis aus.

Umso überraschender der durchaus positive Tenor der hiesigen Akteure im Jahresausblick: Sowohl Cannovums Pia Marten als auch Franziska Katterbach, Europa-Chefin von Khiron, erwarten eine Entstigmatisierung und mehr Interesse an medizinischem Cannabis – hervorgerufen durch die anstehenden Legalisierungspläne.

Rein ökonomisch betrachtet, dürfte die Sache dagegen klar sein: Alle Patient:innen die medizinisches Cannabis von ihrer Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattet bekommen, kommen günstiger weg, wenn sie weiterhin den medizinischen Weg mit ärztlicher Therapie beschreiten. Selbstzahler – in letzter Zeit eine immer größer werdende Gruppe – dürften dagegen im Fachgeschäft weniger zahlen als in der Apotheke – angestrebt werden im Cannabiskontrollgesetz der Grünen analog zum Schwarzmarkt zehn Euro je Gramm.

Cansativas Gründer und Geschäftsführer Benedikt Sons erachtet es daher als „nicht ausgeschlossen, dass in manchen Fällen einige preissensible Selbstzahler auf Genusscannabis ausweichen werden“. Das hänge neben dem Preis vor allem an der Qualität auf dem Genussmittelmarkt.

Ärztliche Kompetenz erforderlich

Ein Szenario vor dem Dr. Julian Wichmann, Facharzt und Geschäftsführer von Algea Care warnt: „Ein Patient mit behandlungswürdiger Erkrankung sollte nicht statt zum Arzt und zur Apotheke ins Fachgeschäft gehen müssen, denn als Konsequenz wäre wohl auch das zu erwartende Outcome hinsichtlich Therapieerfolg und Nebenwirkungen deutlich schlechter, wenn nicht sogar mit beträchtlichen Risiken verbunden.“ Damit Cannabis ein sicheres Medikament sei, seien ärztliche Kompetenz zu dem Thema, regelmäßige persönliche Verlaufskontrollen und auch individuell flexible Anpassungen der Verschreibung notwendig.

Wichmann mahnt, dass die Regierung endlich „die seit Jahren bekannten Probleme für Ärzte und auch Patienten bei der Behandlung mit medizinischem Cannabis“ angehe. Explizit nennt der Gründer des führenden europäischen Telemedizin-Unternehmens für medizinisches Cannabis dabei die Themen Zugang und Kostenübernahme: „Denn eine umfassende Kostenerstattung für die medizinische Therapie durch PKV und GKV würde Patienten gar nicht erst auf die Idee bringen, nach alternativer Versorgung Ausschau zu halten.“ Sons, dessen Cansativa unter anderem als einziges Unternehmen für das BfArM medizinisches Cannabis vertreibt, hofft dagegen, dass im Zuge der Legalisierung auch „Patienten durch möglicherweise niedrigere Preise und einen vereinfachten Zugang profitieren“.

Geschultes Fachpersonal

Beide Cannabis-Unternehmer setzen unisono auf das geschulte Fachpersonal. „Durch rigorose Aufklärungsarbeit muss Patienten allgemein bewusst gemacht werden, dass freizeitlicher Cannabiskonsum keine Therapie ersetzt und Cannabis als Genussmittel nicht als Medikament vorgesehen ist“, so Sons. Wichmann fordert, dass das Personal in Fachgeschäften nicht nur geschult, sondern ach sogar rechtlich verpflichtet sein müsse, „Patienten mit einer chronischen Erkrankung den Weg in die ärztliche Behandlung“ zu empfehlen: „Schließlich darf aus gutem Grund beispielsweise ein gut ausgebildeter Optiker keine Augenerkrankungen korrigieren, sondern muss einen Kunden mit Krankheitssymptomen an den Augenarzt verweisen.“ Sons schlägt analog dazu vor, das Erfragen des „Kontexts des Konsums“ in Abgabestellen zu gestatten, um bei Bedarf den Konsumenten an medizinisches Fachpersonal weiterzuleiten: „Mit einer engen Zusammenarbeit können so unsachgemäße Konsummuster verhindert werden.“

Positive Auswirkungen auf den medizinischen Bereich

Positive Effekte für Cannabis-Patient:innen dürften sich neben einem „offeneren Umgang mit Cannabis auch als Medikament, steigende gesellschaftliche Akzeptanz und einhergehend damit sinkende Vorbehalte bei Krankenversicherungen und Ärzten“, so Benedikt Sons, auch beim Autofahren ergeben. Aktuell sind Julian Wichmann die „je nach Bundesland ganz unterschiedlichen Erfahrungen in Verkehrskontrollen“ von Cannabis-Patient:innen ein Dorn im Auge. Gut möglich, dass eine Legalisierung im Genussmittel Klarheit in Sachen Fahrtüchtigkeit schafft und dann die ein oder andere Unsicherheit für Patient:innen vom Tisch ist.

So oder so könnte ein Ende des Genehmigungsvorbehalts oder ein deutlich einfacherer Zugang zu medizinischem Cannabis den Gedankenspielen ein Ende machen. Erstattet die Krankenkasse chronisch erkrankten Menschen das vom Arzt verordnete cannabinoidbasierte Medikament, hätten diese keinen Anlass, um Geld zu sparen, auf eigene Faust im Fachgeschäft ihr Glück zu versuchen. Dazu ein kleiner Rückblick: Anlässlich des vierten Jahrestages des Gesetzes „Canabis als Medizin“ kritisierte SPD-Politiker Burkhard Blienert im März 2021: „Der Flaschenhals – Verschreibung unter Vorbehalt des MDK und damit der Kassen – hat sich tatsächlich als Erschwernis herausgestellt“. Seine Forderung damals: „Bessere Verschreibungsmöglichkeiten für die Ärzte durch Entbürokratisierung.“ Seine heutige Position dürfte ihm das Umsetzen dieser Worte erleichtern.

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