Vier Lehren aus der kanadischen Cannabis-Industrie

by Gastautor

Was können deutsche Unternehmer:innen von den Erfahrungen der kanadischen Cannabisindustrie lernen? Worauf sollten sie hinwirken, wenn die Politik Richtlinien für den legalen Markt implementiert? Ein Gastbeitrag von Pierre Killeen vom Cannabis Council Canada

Im Oktober 2018, dem ersten Monat des legalen Cannabisverkaufs für Erwachsene in Kanada, erreichte die Marktkapitalisierung der fünf größten börsennotierten kanadischen Cannabisunternehmen zusammen 22 Milliarden Dollar. Heute liegt die Marktkapitalisierung dieser Unternehmen bei vier Milliarden Dollar. Wie konnte das passieren? Und wie kann die deutsche Cannabisindustrie ein ähnliches Schicksal vermeiden? Ein Teil der Antwort liegt in der Ausgestaltung der Politik sowie der Geschäftspraktiken und der praktischen Implementierung von legalem Cannabis. 

Die Politik rund um die Legalisierung von Cannabis in Kanada wurde von Angst, Stigmatisierung und Unwissenheit bestimmt. Die neu gewählte liberale Regierung rechtfertigte ihren kühnen Vorschlag, Cannabis für Erwachsene zu legalisieren, mit dem Versprechen, Cannabis aus den Händen junger Menschen fernzuhalten, die Gesundheit der Kanadier zu schützen und die Gewinne mit Cannabis nicht in die Hände Krimineller fließen zu lassen. Die konservative Partei, Kanadas am stärksten mit der Wirtschaft verbundene politische Partei, setzte auf Angst, Stigmatisierung und Unwissenheit, um das Legalisierungsprojekt aufzuhalten.  Diese Positionen prägten die anschließende politische Debatte und bildeten die politische Grundlage für die Einführung von legalen Cannabisprodukten in Kanada. Regularien sind das Ergebnis von Politik, Gesetze basieren auf Regularien.

Lektion Nummer 1: Ein wirtschaftspolitisches Ziel setzen

Das Nichtvorhandensein einer “wirtschaftlichen” Dimension in den politischen Debatten über die Cannabislegalisierung hatte erhebliche negative Auswirkungen auf die Cannabisindustrie in Kanada. Ohne ein wirtschaftspolitisches Ziel konnten sich die Gesetzgeber bei Health Canada, der mit der Ausarbeitung des kanadischen Cannabisgesetzes beauftragten Regierungsbehörde, auf die gesundheitspolitischen Ziele der Legalisierung konzentrieren. Die Behörden ignorierten, wie sich ihrer Entscheidungen auf das Geschäft mit legalem Cannabis auswirken. In Kanada ist eine Regulierungsbehörde – Health Canada – mit der Durchsetzung des Cannabisgesetzes beauftragt, aber keine staatliche Abteilung kümmert sich um die wirtschaftlichen Interessen der Cannabisindustrie. Lektion Nummer eins für die deutsche Cannabisindustrie besteht darin, wirtschaftliches Wachstum, die Schaffung von Arbeitsplätzen und Wohlstand als Teil der politischen Grundsätze für die Legalisierung von Cannabis durchzusetzen.

Lektion Nummer 2: Sicherstellen, dass die politischen Entscheider verstehen, was nötig ist, um mit der illegalen Drogenindustrie zu konkurrieren.

Lektion Nummer zwei bezieht sich auf die Herausforderung, Gewinne aus dem Cannabisgeschäft nicht in die Hände Krimineller fließen zu lassen. Die Erfahrungen Kanadas nach der Legalisierung zeigen, dass die illegale Cannabisindustrie ein hoch entwickelter, widerstandsfähiger und innovativer Wettbewerber ist. Die im Entstehen begriffene legale kanadische Cannabisindustrie konnte nicht sicherstellen, dass das politische Ziel, den illegalen Markt zu beseitigen, auch als wesentlicher Bestandteil in die kanadischen Cannabisgesetze und -Bestimmungen eingeflossen ist. Infolgedessen ist die legale Branche einem intensiven Wettbewerb durch den illegalen Markt ausgesetzt (was sich in einem raschen Preisverfall zeigt), ohne dass die Regierung für ihr mangelndes Bemühen, den illegalen Markt zu beseitigen, zur Rechenschaft gezogen werden kann.  Die deutsche Cannabisindustrie wäre gut beraten, sicherzustellen, dass die deutsche Cannabis-Gesetzgebung der Industrie die Mittel an die Hand gibt, um mit dem illegalen Markt zu konkurrieren. Der größte Konkurrent der legalen Cannabisbranche ist derjenige, der sich nicht an Regeln hält, keine Steuern oder Gebühren zahlt und dabei über eine bereits etablierte Lieferkette mit treuen Kunden verfügt.

Lektion Nummer 3: Die politische “Sicht auf die Legalisierung” gestalten

In Lektion Nummer drei geht es darum, zu verstehen, dass die Cannabisbranche sich von jeder anderen Branche unterscheidet und sie entsprechend von einer Reihe einzigartiger Gesetze und Vorschriften geregelt wird. Die Angst der Regierungen vor legalem Cannabis führte zu einem “Frankenstein”-Rechtsrahmen für legales Cannabis, in dem die restriktiven Maßnahmen der kanadischen Tabak- und Alkoholgesetze kombiniert wurden. In der Cannabisbranche zu arbeiten bedeutet, alles durch eine einzigartige regulatorische Brille zu betrachten: die “Cannabisbrille”. Diese Lektion war am schwierigsten für Händler, die versuchen, Marken in einer Branche aufzubauen, in der Verbraucherkommunikation verboten ist und schlichte Verpackungen die Norm sind. Im Mittelpunkt eines legalen Cannabisunternehmens stehen regulatorische Angelegenheiten und die Qualitätssicherung. Ein Blick durch die “Cannabisbrille” zeigt, wie stark die Regulierung beeinflusst, wie die Cannabisindustrie ausgestaltet wird. Die deutsche Branche wäre daher gut beraten, erhebliche Anstrengungen in die politische Gestaltung des Rechtsrahmens für Cannabis zu investieren. Dieser wird als Grundlage für die Vorschriften dienen, die den täglichen Betrieb eines Cannabisunternehmens bestimmen.  

Lektion 4: Legalisierung ist nicht gleichbedeutend mit Normalisierung

Die letzte Lektion (zumindest der Kürze halber) betrifft die Bedeutung eines anhaltenden politischen und staatlichen Engagements nach der Legalisierung. Die Angst, das Stigma und die Unwissenheit, die Cannabis umgeben, sind so groß, dass die Regierungen eine übergroße Rolle bei der Gestaltung, dem Aufbau und dem Betrieb dieser Industrie spielen werden. Legalisierung ist nicht gleichbedeutend mit Normalisierung. Erfolg mit legalem Cannabis bedeutet, eine ” Soziallizenz” bei Politikern, Interessengruppen und Bürgern aufzubauen und aufrechtzuerhalten. Die meisten Cannabisunternehmen haben den Fehler gemacht, ihr politisches Engagement aufzugeben, sobald Cannabis für Erwachsene legal wurde. Ein nachhaltiges politisches Engagement ist die beste Chance für die Branche, die richtigen politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen zu schaffen und dann Änderungen als Reaktion auf die Lehren aus der Einführung von legalem Cannabis durchzusetzen.

Kanadas Cannabis-Pioniere haben einen hohen Preis dafür gezahlt, dass sie das erste G20-Land waren, das Cannabis für Erwachsene legalisiert hat. Deutsche Unternehmer und Investoren, die sich auf die Partizipation an dieser neuen Branche vorbereiten, wären gut beraten, aus Kanadas Erfahrungen mit der Legalisierung von Cannabis für Erwachsene Lehren zu ziehen. Das ist das Geschenk Kanadas an die Cannabisgemeinschaft in Deutschland und auf der ganzen Welt.

Über Pierre Killeen:
Pierre Killeen LL.B. LL.L. ist eine erfahrene Führungskraft für Öffentlichkeitsarbeit im legalen Cannabissektor Kanadas. Pierre Killeen war während der Legalisierung von Cannabis in Kanada als Vizepräsident für Unternehmenskommunikation und Government Relations bei Hexo tätig. Heute ist er beim Cannabis Council of Canada, der Vertretung der lizenzierten Cannabisproduzenten und Verarbeiter in Kanada, für politische, legislative und regulatorische Angelegenheiten zuständig. 

Bildquellen

  • Pierre Killeen Cannabis Council Canada: Pierre Killeen Cannabis Council Canada

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2 comments

Christoph Lehner Juli 27, 2022 - 11:09 am

Danke für diesen Artikel und die Einblicke, die er gewährt!

Mir kommt es so vor, als ob das die (autorisierte) deutsche Übersetzung eines englisch-sprachigen Orginalartikels ist.
Meine Frage wäre, wo das Original veröffentlicht ist, wenn ihr das sagen wollt, z.B. LinkedIn o.ä.

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Astrid Hahner Juli 27, 2022 - 3:51 pm

Lieber Christoph, vielen Dank für dein Interesse. Pierre Killeen hat den Beitrag für uns selbstverständlich in seiner Muttersprache verfasst und wir haben ihn für unser deutschsprachiges Magazin übersetzt. Tatsächlich ist der Text also bislang sonst nirgends im Original zu finden; der Autor hat jedoch angekündigt, den Beitrag ebenfalls beim Cannabis Council of Canada zu veröffentlichen.

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