Patient Plenert an die Industrie: „Gestaltet die Zukunft von Cannabis“

by Moritz Förster

Er zählte zu den knapp 1.000 Patient.innen, die hierzulande bereits vor dem Gesetz „Cannabis als Medizin“ per Ausnahmegenehmigung medizinisches Cannabis erhalten haben: Maximilian Plenert. Zum fünfjährigen Jubiläum des Gesetzes wollten wir von ihm wissen: Wie hat sich das Leben der Patient:innen in den letzten fünf Jahren verändert? Was hat die Industrie gutes geleistet? Aber auch: Was wünschen sich diejenigen, die im Mittelpunkt des Agierens von Politik, Wirtschaft und Medizin stehen sollten? Ein Dialog mit wichtigen Anhaltspunkten für alle Marktteilnehmer, die sich auf die Fahne geschrieben haben, Patient:innen ins Zentrum ihres Handeln und Tun zu rücken.

krautinvest.de: Rückblickend betrachtet: Wie hat das Gesetz „Cannabis als Medizin“ in den vergangenen fünf Jahren die cannabinoidbasierte Therapie für schwer erkrankte Menschen hierzulande verändert?

Maximilian Plenert: Das Gesetz hat die Therapie ja erst grundsätzlich möglich gemacht. Quantitative ist die Zahl der Patienten und Ärzte explodiert – wie man das aus anderen Ländern kennt. Vor einigen Jahren bei nur 100-200 Ausnahmeerlaubnis-Inhaber gab es Menschen wie Grotenhermen und mich, die ein Prozent der Bevölkerung als mögliche Nutzer von Cannabis als Medizin postulierten. Inzwischen finde ich diese Aussage als Prognose für die kommenden Jahre in Pressemitteilungen traditioneller Pharmaunternehmen, die in den Cannabis-Sektor einsteigen.

Qualitativ hat sich in diversen Sektoren kaum etwas bis gar nichts getan. Cannabis ist noch nicht in der Regelversorgung angekommen – nicht in der Praxis, der Lehre und Fortbildung, nicht in Forschung und Leitlinien und auch nicht in allen Köpfen. 

Wir sind gut gestartet, aber dann kaum weiter gekommen – dies gilt auch für die Regierung und das Parlament. Dass die Begleiterhebung nicht ausreichen würde, war eigentlich allen mehr oder weniger von Anfang an klar. Hier hätte man schon vor dem Ende der Erhebung aktiv werden können. Cannabis wird sich nicht von alleine erforschen – die Cannabispatienten machen dies aber durchaus.

krautinvest.de: Stichwort Begleiterhebung. Anlässlich des kommenden Ende der Begleiterhebungsphase – wann war klar, dass die Ergebnisse nicht ausreichen können?

Maximilian Plenert: Ich erinnere mich an eine Pressekonferenz, ich glaube des ABDA. Dort kam in einer Frage an Craemer Schäffer von der Bundesopiumstelle – als Autor der Publikationen zur Begleiterhebung hatte er schon Zugriff auf die Daten, eine unabhängige Auswertung hatte es nicht gegeben – das Wort “Begleiterforschung” vor. Er korrigierte den Fragesteller, es sei eine ‚Erhebung‘, keine ‚Forschung‘. Für ‚Forschung‘ sei auch nicht ansatzweise genug Budget eingeplant. Zitat Ende.

Forschung wäre Wissenschaft und das aktive Sammeln von Daten und Erfahrungen.

Eine Erhebung sammelt nur Bestandsdaten zusammen. Nicht-Interventionelle Beobachtung. Wobei die Daten nicht unmittelbar Teil der Patientenakte sind und per Knopfdruck übermittelt werden. Der Arzt muss die Daten eintragen, in eine Online-Maske, mit der nicht jeder Anwender glücklich ist, freundlich gesagt, hörte ich. Ich bin gespannt wie viele Datensätze überhaupt eingegeben wurden.

Und so oder so, es ist völlig klar, dass alleine schon durch die Filter ’nur mit Kostenübernahme‘ nur für einen kleinen Teil der Diagnosen vielleicht irgendwelche Aussagen getroffen werden können.

„Schwerpunktapotheken sind Cannabis-Manufakturen geworden“

krautinvest.de: In der Anfangszeit waren Engpässe ein großes Thema. Wie würdest du die Versorgungslage heutzutage beschreiben?

Maximilian Plenert: Inzwischen kann man sich ganz gut aus der Apotheke versorgen. Die Qualität mag mal schwanken, es ist weiterhin kein Angebot wie in einer Dispensary, aber für die medizinische Versorgung der meisten Patienten ist im Wesentlichen schon gesorgt. Vorausgesetzt, man hat eine Kostenübernahme und auch einen Verordner; das ist mit einer Kostenübernahme auch nicht automatisch gegeben. Oder man hat genug Kleingeld, um sich als Selbstzahler über Privatrezepte zu versorgen. Das dürfte allerdings nur ein Bruchteil der Patienten sein. Ein Drittel abgelehnte Anträge, nochmal mehr Anträge, die gar nicht erst gestellt werden oder die zahlreichen Patienten, die keinen Arzt finden – ich würde sagen, dass die Hälfte, vielleicht auch mehr, des medizinisch genutzten Cannabis nicht aus der Apotheke zum Patienten kommt – sondern vom Schwarzmarkt und etwas Eigenanbau.

krautinvest.de: Führen denn inzwischen mehr Apotheken medizinisches Cannabis im Sortiment oder tingeln Patient:innen noch immer von einer Apotheke zur nächsten?

Maximilian Plenert: Eine Apotheke zu finden ist in der Regel kein Problem. Dank der Versandapotheken ist es eigentlich auch egal, ob man auf dem Land lebt oder in der Großstadt. Wobei einige Patienten auch feste und zufriedene Stammkunde ihrer Apotheke sind – sei es eine Schwerpunktapotheke wie die Bezirksapotheke in Berlin oder einfach die lokale Dorfapotheke, die ihrem gesetzlichen Auftrag voll nachkommt und sich nicht drückt. Das komplette Angebot auf dem Markt kann auch online finden. Solche Schwerpunktapotheken sind inzwischen richtige Cannabis-Manufakturen geworden, mit viel Kompetenz vor Ort.

krautinvest.de: Inzwischen hat die Sortenvielfalt zugenommen. Hinzu kommen auch etliche White-Label-Produkte. Überfordert diese Vielfalt bereits Ärzt:innen und Patient:innen?

Maximilian Plenert: Ich muss zugegeben, nicht genau zu wissen, warum es nicht möglich – oder nicht gewollt? – ist, dass das Cannabis aus einem Batch von einem Produzenten, welcher über drei Firmen nach Deutschland kommt – mit den gleichen Analysen etc. – austauschbar ist – so wie es bei Bedrocan üblich ist. So wie es aktuell läuft, ist es einfach nur Bullshit, der mehr schadet als hilft.

„Streitet nicht über Markteinteile! Forschung, innovative Produkte, gute Ideen!

krautinvest.de: Zurück zu den Ärztinnen und Ärzten: Hat sich deiner Erfahrung nach etwas getan? Wie offen sind sie hierzulande inzwischen für medizinisches Cannabis?

Maximilian Plenert: Die Verschreibungs- und Verordnungszahlen sprechen da ja eine eindeutige Sprache. Auch wenn es noch zahlreiche Schwerpunktpraxen gibt, die Zahl der Behandler, die Cannabis in der Therapie einsetzen, ist enorm gewachsen. Leider wissen weder wir, wer dies in der breiten Masse ist – von den Schmerzmedizinern einmal abgesehen -, noch kennen sich diese Ärzte untereinander. Da kann ein Arzt immer wieder Cannabis einsetzen, hängt es aber lieber nicht an die große Glocke und spricht auch nicht mit seinem Kollegen darüber – der vielleicht das Gleiche mit Cannabis macht oder gerne machen würde, weil er entsprechende Patienten hat, aber nicht weiß, wie…  und dem nur 15 Minuten Gespräch mit einem Kollegen fehlen.

krautinvest.de: Wenn du einen Wunsch an die Industrievertreter für medizinisches Cannabis äußeren dürftest – wie würde dieser lauten?

Maximilian Plenert: Please stop with the bullshit! Streitet nicht nur um Marktanteile am heutigen Kuchen, sondern gestaltet die Möglichkeiten der Zukunft von Cannabis. Durch Forschung, durch wirklich innovative Produkte, es gibt noch so viele Gute Ideen. Immer klar an den Bedürfnissen der Patienten orientiert und gemeinsam mit diesen und ihren Ärzten.

Und ja, redet auf Konferenzen wie der ICBC nicht nur über Profite, sondern fragt einmal: Wie geht’s eigentlich denen, um die es angeblich immer geht, den Patienten – die in unserem Ökosystem ein wichtiger Stakeholder sind und warum müssen die eigentlich draußen an der Straße medizinieren, schafft es die Industrie nicht mal eine Raucherkabine für Patienten aufzustellen?

krautinvest.de: Und wenn du abschließend einen Wunsch an die Politiker frei hättest, die medizinisches Cannabis regulieren – wie würde dieser lauten?

Maximilian Plenert: Zunächst möchte ich auf meine Aussage zu Beginn zurück kommen. Deutschland hatte mit seinem Gesetz eine großartige Position eingenommen und sich dann auf diesem Vorsprung ausgeruht. Ich halte dies für den Standort Deutschland grob fahrlässig. Wir haben enorm viel Potenzial nicht genutzt, Deutschland hätte Cannabis als Medizin bezüglich Forschung oder der praktischen Nutzung, weit voranbringen und eine florierende Wirtschaft aufbauen können. Andere Länder wie zum Beispiel unsere Nachbarn in Dänemark haben uns in Sachen Anbau komplett zurück gelassen. Wir machen popelige Ausschreibungen. In Dänemark gab es die Ansage: ‚Jeder der kann, darf gerne einen Antrag stellen und den genehmigen wir auch.‘ Politik, das ist mehr als nur die Regulierung durch die Legislative. Es ist auch Aufgabe der Exekutive, Gesetze mit Leben und Aktivität zu füllen, ebenso wie hier die Player der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen ihren Auftrag erfüllen sollten.

Mein Wunsch an sie alle wäre: Macht endlich eine Politik, die dem Potenzial von Cannabis – Verbesserung des Lebens von Millionen Menschen – auch wirklich gerecht wird. Gerechtigkeit für Cannabis, das wünsche ich mir.

Bildquellen

  • iKlick-Fotostudio_Maximilian_Plenert_DHV: (c) Deutscher Hanfverband

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1 comment

Philip Cenedella März 19, 2022 - 4:15 pm

Excellent article – thank you. Max is the best patient-focused advocate in all of Germany!

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