Gutachten? Das verraten die kanadischen Studienergebnisse

Das kanadische Gesundheitsministerium veröffentlicht regelmäßig die Cannabis-Nutzerdaten

by Moritz Förster

Ein Gutachten im Auftrag des deutschen Gesundheitsministeriums soll zeigen, dass die Cannabis-Legalisierung den illegalen Markt zurückdrängt und auf diesem Wege einen besseren Jugend- und Gesundheitsschutz gewährleistet. Wie das Ärzteblatt nun berichtet, geht der Auftrag an das gemeinnützige Institut für interdisziplinäre Sucht- und Drogenforschung (ISD Hamburg). Auch das Konsumverhalten soll untersucht werden. Vorliegen soll das Gutachten gemeinsam mit dem Gesetzesentwurf Ende März. Doch auch ohne Gutachten hilft bereits zum jetzigen Zeitpunkt ein Blick auf die Entwicklung in Kanada seit Oktober 2018. Denn dort erhebt der Canadian Cannabis Survey regelmäßig Daten zum Cannabis-Konsum.

Die kanadische Regierung will durch diese Daten besser verstehen, wie Menschen in Kanada Cannabis konsumieren und anhand der Daten die Regeln entlang der gesamten Wertschöpfungskette anpassen.

Ein wesentliches Ziel, das die deutschen Bundesregierung mit der Legalisierung von Cannabis als Genussmittel verfolgt: mehr Jugendschutz. Auf den ersten Blick sieht die Logik plausibel aus: Verdrängt der legale Markt den illegalen Markt, finden in den Fachgeschäften Alterskontrollen statt. Jugendliche können dann, zumindest nicht mehr persönlich, legal Cannabis kaufen und sie haben es deutlich schwieriger einen Dealer auf dem illegalen Markt zu finden.

Wie viel Jugendliche konsumieren in Kanada Cannabis?

Rein empirisch betrachtet, legen die kanadischen Daten diesen Zusammenhang aber nicht nahe: 2021 und 2022 haben zwar weniger Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren Cannabis konsumiert als in den beiden vorherigen Jahren, allerdings hatte ihr Konsum nach der Legalisierung 2018 zunächst deutlich zugenommen. Inzwischen hat er sich wieder dem Wert von 2018 angenähert angekommen. 37 Prozent der 16 bis 19 Jährigen gaben 2022 an, in den letzten zwölf Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert zu haben. 2018 lag der Wert in dieser Altersgruppe bei 36 Prozent, war in den beiden folgenden Jahren auf 44 Prozent angestiegen.

Auch über alle Altersgruppen hinweg (ab 16 Jahren) hat der Cannabis-Konsum etwas zugenommen. Konsumierte 2018 noch etwa ein Fünftel (22 Prozent) der Befragten Cannabis, waren es 2022 27 Prozent.

Was bedeuten die Daten auf den zweiten Blick?

Eine Erklärung für den Anstieg der Cannabis konsumierenden Jugendlichen kann darin liegen, dass sich in Kanada der illegale Markt zunächst noch behaupten konnte. Es dauerte zwei Jahre, bis die Umsätze im legalen Markt mit dem illegalen gleichzogen und diesen schließlich überholten. Insbesondere die teilweise völlig unzureichende Versorgung in einzelnen Provinzen hatte den legalen Markt zudem wenig attraktiv erscheinen lassen.

Genau in diese Richtung könnte auch das Gutachten abzielen, wenn es die kanadische Entwicklung im Detail analysiert: Eine Korrelation herstellen zwischen flächendeckender Versorgung, dem Zurückdrängen des illegalen Marktes – und schlussendlich weniger Jugendlichen die Cannabis konsumieren. Ein solches Ergebnis vorausgesetzt, hätte Deutschland auch gute Argumente in der Hand, um für den Fall der Fälle vorzusorgen: Sollte die Europäische Kommission den deutschen Gesetzesentwurf abwiegeln, würde ein wissenschaftliches Experiment nur flächendeckend und im großen Stil Sinn ergeben – anders ließe sich schließlich der illegale Markt nicht zurückdrängen und die Jugend besser schützen.

Was passiert in anderen Ländern?

Insgesamt dürften die kanadischen Daten am interessantesten sein, in Kombination mit Daten aus vereinzelten US-Bundesstaaten. Viele US-Bundesstaaten taugen schließlich aufgrund der fortlaufenden Dominanz illegaler Märkte eher als ein mahnendes Beispiel – wie Jugendschutz und Gesundheitsschutz eben nicht erreicht werden. So sorgen hohe Steuern und Städte, die legale Cannabis-Fachgeschäfte an den Stadtrand verbannen, beispielsweise in Kalifornien für ein extrem unattraktives Angebot. Weitere „Dont’s“ dürften sich auch aus einer Analyse des streng staatlich kontrolliertem uruguayischen Marktes ergeben: Während sich in den USA die Produkte immer stärker an den Bedürfnissen der Konsument:innen ausrichten – sei es das Terpenprofil oder die Geschmacksrichtung – stocken in Uruguay Produktinnovationen auf dem legalen Markt.

Der Hintergrund zur kanadischen Studie

Das kanadische Gesundheitsministerium Health Canada hat die kanadische Cannabisumfrage seit 2017 jedes Jahr durchgeführt. Die für 2022 vorliegenden Daten wurden von April bis Juni erhoben. Die Ergebnisse der CCS-Umfrage 2022 beruhen auf den Online-Antworten von rund 10.000 Befragten ab 16 Jahren aus allen Provinzen und Territorien Kanadas. Der Prozentsatz derjenigen, die ein „hohes Risiko“ für die Entwicklung von Problemen aufgrund ihres Cannabiskonsums haben, ist seit 2018 stabil geblieben. Am häufigsten rauchen Konsument:innen Cannabis, gefolgt von essen und verdampfen der Produkte mit einem Vape Pen oder einer E-Zigarette. Der Anteil der Befragten, die Cannabis rauchen, ist seit 2018 weiter zurückgegangen, während das Verdampfen von Cannabis mit einem Vape Pen seit 2021 zugenommen hat.

Im Vergleich zu 2021 kaufen in Kanada auch immer mehr Menschen legal Cannabis, beschaffen es sich nicht mehr illegal. Vor diesem Hintergrund dürfte es der Bundesregierung leicht fallen, zu argumentieren, dass die Gesundheit der Konsument:innen durch kontrollierte legale Produkte besser geschützt wird. Um die Verunreinigung der Produkte zu verifizieren, dürften Stichproben der Produkte aus dem illegalen Markt reichen.

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