George Goldsmith über Psychedelika in der Therapie: “Riesiges Potenzial”

by Moritz Förster

Compass Pathways hat Ende April 80 Millionen US-Dollar in einer Finanzierungsrunde eingesammelt. George Goldsmith, Mitgründer und Geschäftsführer von Compass Pathways, sieht riesiges Potenzial für Psychedelika in der Therapie, warnt im Interview aber auch vor reinem Profit-Streben. Seine Forderung: “rigorose Forschung”. Cannabis sei da ein mahnendes Beispiel. Compass Pathways erforscht aktuell eine Psilocybin-Therapie – bekannt auch als Wirkstoff psychedelisch wirkender Pilze – für die Behandlung von Depressionen. Aktuell sind weltweit ein Drittel der Menschen mit Depressionen therapieresistent.

Hallo George, warum fokussieren Sie sich auf Psychedelika und warum Psilocybin im Besonderen?

Im letzten Jahrzehnten haben wir viele Innovationen im Bereich der Psychedelika und auch einige akademische Studien erlebt. Die Studien zeigen, dass sich psychedelische Substanzen in Kombination mit psychologischer Unterstützung auf den psychischen Gesundheitszustand auswirken, etwa auf Angstzustände und Depressionen. Depressionen betreffen weltweit mehr als 300 Millionen Menschen, ein Drittel von ihnen ist “behandlungsresistent” und reagiert nicht auf bestehende traditionelle Medizin. Unser erstes Programm ist die Psilocybin-Therapie für solche therapieresistente Depressionen (TRD). Es gibt Anzeichen dafür, dass Psilocybin schnell wirkt und die Auswirkungen nach einer Sitzung anhalten. Es passt auch besser in unsere klinischen Settings und trägt weniger “Balast” mit sich als andere Psychedelika.

Berichten Sie doch über Ihren Weg bis zum Erhalt des Status durch die FDA, der Arzneimittelbehörde der USA, “als Breakthrough Therapy Designation”. Welche Klinischen Studie dabei eine Rolle spielten?

Die FDA zeichnet uns im Oktober 2018 als “Breakthrough Therapy Designation” für unser Programm der Psilocybin-Therapie für TRD aus. Dies ist eine Anerkennung des immensen bislang nicht zu erfüllenden Bedarfs und des Potenzials der Psilocybin-Therapie. Unser Antrag basierte auf vorläufigen klinischen Beweisen, die von Institutionen, einschließlich des Imperial College London, generiert wurden. Sie zeigen, dass die Psilocybin-Therapie verglichen derzeit verfügbaren Therapien eine deutliche Verbesserung darstellen könnte.

Und was ist die Anzahl der Patienten, die an der jeweiligen Phase teilnehmen? Wie sehen die Ergebnisse aus? Gibt es unerwünschte Nebenwirkungen?

Wir führen derzeit eine Phase IIb durch. Für diese klinische Dosisstudie rekrutieren wir 216 Patienten in Europa und Nordamerika. Die Rekrutierung für die Studie beenden wir voraussichtlich in diesem Jahr, einen Bericht veröffentlichen wir dann 2021. 2019 schlossen wir eine Phase-I-Studie an 89 gesunden Freiwilligen ab, die unsere synthetisierten
Psilocybin-Formulierung (COMP360) gut tolerierten – ohne schwerwiegende unerwünschte Ereignisse und
ohne negative Auswirkungen auf kognitive und emotionale Funktionen. Die Studie zeigte auch, dass COMP360 in einer
kontrollierte Umgebung gesunden Teilnehmern in Therapie gestützten 1:1-Sitzungen verabreicht werden kann.

Wann hoffen Sie, dass Ihre psychedelische Therapie kommerziell verfügbar wird?

Je nach Ausgang der klinischen Studien (Phase II und Phase III), könnte diese Psilocybin-Therapie innerhalb der nächsten fünf Jahre verfügbar sein.

Erwarten Sie, dass die psychedelische Therapie andere konventionelle Medikamente für Depressionen verdrängen wird?

Wir entwickeln eine Psilocybin-Therapie für TRD-Patienten, denen durch vorhandene Medikamente, beispielsweise SSRIs, nicht geholfen wird. Aktuell leiden etwa 100 Millionen Menschen an TRD.

Gibt es Herausforderungen hinsichtlich der Synthese von Psilocybin, um konsistente und einheitliche Wirkungen zu erzielen?

Wir haben eine Methode zur Synthese unseres Psilocybins nach Vorgaben von GMP-Standards der höchsten Qualität und Konsistenz demonstriert. Wir arbeiten auch nach GCP (Good Clinical Practice). Wenn wir über öffentliche Gesundheit sprechen, sprechen wir über eine große Anzahl an Menschen. Daher müssen wir die Dinge gründlich angehen. Die Psilocybin-Therapie kombiniert eine Dosis der Psilocybin-Substanz mit psychologischer Betreuung: Psilocybin alleine führt nicht zu diesem Ergebnis. Die Therapie spielt eine ebenso große Rolle. Bei der Einnahme von Medikamenten zu Hause ist dies anders. Die Ergebnisse der psychedelischen Therapie hängen dagegen vom gesamten Prozess ab – das beinhaltet vorbereitende Sitzungen mit einem Therapeuten; die Dosierung mit dem richtigen ‘Set und Setting’ sowie die durchgehende Unterstützung durch den Therapeuten; und anschließende Integrationssitzungen.

Ist COMPASS Pathways in der Lage, sofort mit der Produktion zu beginnen, sobald die FDA dies genehmigt?

Ja.

Verfügen Sie über Vertriebsnetze in beiden Europa und Nordamerika? Was sind die Herausforderungen in den beiden Märkten?

Um sicherzustellen, dass Psilocybin in unseren Versuchsanlagen verfügbar ist, haben wir für unsere klinischen Studien eine sichere globale Lieferkette aufgebaut. Dies erfordert einen enormen logistischen und operativen Aufwand. Außerdem arbeiten wir ständig an einer kontinuierlichen Iteration und Verbesserung unserer Fertigung – ein Prozess, der so streng ist wie die klinische Studie selbst. Wir überlegen permanent, wie wir die Qualität und unser medizinisches Angebot verbessern und unserer Effizienz steigern können. Parallel arbeiten wir daran, die Wirkung des Medikaments zu beweisen und die Versorgung aufzubauen.

Sobald Psylocybin genehmigt wird, müssen wir sicherstellen, dass Patienten Zugang zu dem Medikament haben. Das System ist in Europa und Nordamerika zwar unterschiedlich, allerdings ist in beiden Märkten der Bedarf ungedeckt. Wir sind bereits im Dialog mit Regulierungsbehörden und denjenigen, die die Behandlung bezahlen, um zu verstehen, wie der beste Weg aussieht, diese Therapie, so genehmigt, erstattet zu bekommen und in die Gesundheitssysteme zu integrieren – in gewisser Weise machen wir sie so für alle Patienten verfügbar, die profitieren könnten, unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Unsere Medizin ist ein Instrument innerhalb eines therapeutischen Prozesses. Die Sicherheit der Patienten steht im Mittelpunkt. Daher sollte Psilocybin niemals separat vom Versorgungsmodell betrachtet werden, innerhalb dessen es verabreicht wird – ähnlich wie bei der Chemotherapie.

Wie wird der Stand der psychedelischen Therapie für Patienten in fünf bis zehn Jahren aussehen?

Wir streben ein besseres System der mentalen Gesundheitsfürsorge an – mit Zugang für Patienten zu Behandlungen, die funktionieren, und Innovationen, die medizinisch getestet und zugelassen – und durch die Gesundheitssysteme zur Verfügung gestellt wurden. Wir wollen, dass diese Therapien, so sie nachweislich sicher und effektiv sind, ein Teil des Werkzeugkastens werden, den Ärzte ihren Patienten anbieten können.

Eine letzte Frage: Was denken Sie über die Kommerzialisierung von Psychedelika verglichen mit dem “Green Rush” auf
Cannabis?

Es gibt diejenigen, die Opportunitäten suchen und Profiten hinterher jagen. So etwas kann Menschen manchmal gefährden. Vaping ist ein aktuelles Beispiel dafür. Regulierung ist daher wichtig. Sie existiert, um gewinnorientiertes und kurzfristiges Denken zu steuern. Wir müssen unsere Verantwortung gegenüber unseren Mitmenschen anerkennen und verstehen. Der psychedelische “Rush” muss durch Verantwortung, Redlichkeit und Transparenz gemildert werden. Dies erfordert die harte Arbeit an Forschung und Beweisführung. Wir müssen sorgfältig arbeiten, um die richtigen Standards zu setzen und den Ansturm auf Wachstum mit dem hippokratischen medizinischen Eid des “first do no harm” in Einklang zu bringen. Als britisches Unternehmen ist die “Sorgfaltspflicht” Teil unserer Führungsstruktur und das Herz unserer Arbeit. Unsere Verantwortung gegenüber den Patienten steht an erster Stelle. Der Ansturm auf die “Medikalisierung” von Cannabis bedeutete, dass zuvor nicht genügend Studien durchgeführt wurden – abgesehen von GW Pharmaceuticals. Es gab keinen Anreiz, Forschung zu betreiben und deshalb wissen wir nicht genug darüber, wer profitiert und wer nicht. Das Potenzial von Psychedelika ist riesig – aber wir haben die Verantwortung, durch rigorose Forschung das Richtig zu tun.

Über George Goldsmith und Compass Pathways

George Goldsmith, der Mitgründer und Geschäftsführer von Compass Pathways, ist Serienunternehmer mit Fokus auf das Gesundheitswesen. Ekaterina, seine Frau und Mitgründerin, ist Ärztin. Die beiden erlebten aus erster Hand , wie frustrierend es ist, Hilfe für einen geliebten Menschen zu suchen, der an psychischen Gesundheitsproblemen leidet. Sie probierten viele Dinge aus, die nicht funktionierten. George und Ekaterina trafen dabei auf weitere Familien in ähnlicher Situation, denen es nicht anderer erging. Sie sind überzeugt, dass die psychische Gesundheitsversorgung nicht gut genug für viele Menschen ist und ein neuer Ansatz erforderlich ist. Compass ist ein Unternehmen für die psychische Gesundheitsfürsorge. Die Mission ist, Patienten den Zugang zu evidenzbasierten Innovationen im Bereich der psychischen Gesundheit zügig zu ermöglichen.

Hinweis: Dieses Interview erschient zuerst auf Englisch im Report PSYCH: The Psychedelics as Medicine Report von Prohibition Partners. Er ist kostenlos online abrufbar. George ist auch Redner auf der virtuellen Konferenz “Prohibition Partners Live” am 22. und 23. Juni 2020. krautinvest.de ist Medienpartner. Unsere Leser erhalten mit dem Code kraut10 10% Rabatt.

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