Ritterschlag, Rechtssicherheit (?!), Preiskampf (!): Zwei Wochen im deutschen Cannabismarkt – Falk’s Feature #9

by Gastautor

Eine Gastbeitrag von Falk Altenhöfer

Manchmal passiert in dieser Branche so viel auf einmal, dass man erst im Rückblick merkt, wie historisch ein paar Wochen eigentlich waren. Die letzten zwei zählen für mich dazu. Cannabis, beziehungsweise die Cannabinoide, haben mit dem Fertigarzneimittel den Ritterschlag bekommen, auf den die Branche seit Jahren gewartet hat und zwar nicht nur bei der FDA in den USA, sondern jetzt auch in Deutschland. Der CBD-Markt bekommt (fast) endlich Rechtssicherheit, und auch politisch ist ein Frontalangriff auf die Teillegalisierung gerade gescheitert. Und nebenbei verdoppelt sich der deutsche Markt laut einem der größten Player der Welt in den nächsten zwei Jahren. Ich drösel es mal auf.

Der Ritterschlag: Exilby ist zugelassen

Am 9. Juni hat das BfArM dem Münchner Unternehmen Vertanical die Zulassung für Exilby (vormals VER-01) erteilt, welches das erste cannabisbasierte Fertigarzneimittel in Europa gegen chronische Kreuzschmerzen mit neuropathischer Komponente ist. Das ist krass!

Es ist der Unterschied zwischen einer ärztlichen Rezeptur aus Blüten oder Extrakten und einem vollständig geprüften Arzneimittel mit definierter Dosierung, Wirksamkeits- und Sicherheitsnachweis. Genau das hat der Branche bislang gefehlt, um im Gesundheitssystem als vollwertige Therapieoption ernst genommen zu werden.

Vertanical-Gründer Clemens Fischer traut dem Präparat Blockbuster-Potenzial zu und peilt 15 bis 20 Prozent Marktanteil der bisherigen Opioid-Verschreibungen an. Der Marktstart ist für September in Deutschland und Österreich möglich, abhängig von der Preisverhandlung.

Und genau da wird es spannend. Krautinvest hat das Thema am 25. Juni aufgegriffen und mit Judith Heimbürger (Gunnercooke) und Franziska Katterbach (Oppenhoff) eingeordnet, wie die Preisbildung in Deutschland eigentlich funktioniert. Kurz zusammengefasst: Der Hersteller darf den Abgabepreis sechs Monate lang frei festlegen, muss das Präparat aber vorher bei der IFA anmelden. Parallel bewertet der G-BA den Zusatznutzen gegenüber der Vergleichstherapie und erst danach verhandeln Hersteller und GKV-Spitzenverband den tatsächlichen Erstattungsbetrag, der rückwirkend ab dem siebten Monat gilt. Wie Katterbach es treffend formuliert: „Die Zulassung ist nur die Eintrittskarte, nicht die Garantie für wirtschaftlichen Erfolg.“ Ob Exilby also tatsächlich zum Blockbuster wird, entscheidet sich erst in den nächsten Monaten am Verhandlungstisch.

CBD (fast) reguliert: Der juristische Weg ist klar

Zweite große Sache: Das Landgericht Freiburg hat die „Green Brothers“ freigesprochen, die rund 170 kg Nutzhanfblüten (THC unter 0,3 %) durch Deutschland transportiert hatten und an der Grenze vom Zoll festgesetzt wurden. Die Kammer stellte klar: Seit der Teillegalisierung ist praktisch ausgeschlossen, dass sich jemand mit Nutzhanf berauschen will und stellte sich damit ausdrücklich gegen die konservative BGH-Linie aus der Zeit vor der Teillegalisierung.

Wichtig für die Einordnung: Die schriftlichen Urteilsgründe liegen noch nicht vor, das Urteil ist nicht rechtskräftig, und der Staatsanwaltschaft steht die Revision offen. Trotzdem ist die Richtung nach den Freisprüchen aus Amberg und den positiven Entscheidungen aus Düsseldorf jetzt dreimal in dieselbe Kerbe geschlagen. Der juristische Weg für einen regulierten Nutzhanf- bzw. CBD-Markt ist damit auch dank des Anwalts Ferdinand Weis Schritt für Schritt klarer umrissen, auch wenn die finale höchstrichterliche Entscheidung noch aussteht (dass es keine Straftat mehr ist!) und noch viel zu tun ist, bis CBD verkauft werden kann. Meine Meinung lautet trotzdem: Es ist fast reguliert!

Für Medizinal- wie CBD-Markt heißt das: Wenn das regulatorische Framework tatsächlich passt, dürfte beides in den kommenden Jahren spürbar stärker wachsen. 

IMK Hamburg: Frontalangriff auf die Teillegalisierung abgewehrt

Noch ein Punkt zur Rechtssicherheit, der zu wenig Beachtung fand: Auf der 225. Innenministerkonferenz Mitte Juni in Hamburg wollte Hessens Innenminister Roman Poseck (CDU) das KCanG faktisch zurückdrehen. Ziel war ein generelles Verbot des öffentlichen Konsums, einem Genehmigungsstopp für neue Anbauvereinigungen und niedrigeren Besitzmengen. Wie LTO ausführlich berichtete, konnte Poseck seine Kollegen am Ende mit zwei der drei Forderungen nicht überzeugen: Weder das öffentliche Konsumverbot noch der Genehmigungsstopp für Anbauvereinigungen fanden eine Mehrheit. Durchgesetzt hat sich Hessen nur bei zwei Punkten: einem Prüfauftrag zur Absenkung der 25/50-Gramm-Grenzen und einer Prüfung schärferer Ermittlungsbefugnisse bei Cannabisdelikten.

Für die Branche heißt das vor allem: Kein bundesweiter Genehmigungsstopp – Craft Cannabis aus den Anbauvereinigungen bleibt also weiterhin möglich, das Modell wird nicht ausgebremst. Ganz vom Tisch ist das Thema aber nicht: Auf der nächsten IMK im Dezember dürfte Hessen erneut vorstellig werden, und die parallel im Gesundheitsausschuss parkende MedCanG-Novelle könnte im Herbst für zusätzlichen politischen Druck sorgen.

Vapes überholen die Blüten: Auch in Europa?

In Kalifornien, dem reifsten Cannabismarkt der Welt, haben Vapes 2025 die Blüte umsatzmäßig überholt (31,4 % vs. 30,2 %) – der erste monatliche Crossover kam im Juli 2025, bis Dezember wuchs der Abstand auf 16 %. Washington zog nach. US-weit machen Vapes inzwischen rund 24 % der Cannabisumsätze aus, bei gleichzeitig fallenden Preisen (–11 % im Jahresvergleich, –35 % seit 2022), weil sich der Markt von Half-Gram-Carts zu AIO/Disposables verschiebt, schreibt Arnau auf LinkedIn, der die Daten zusammengetragen hat!

Für medizinische Märkte wie Deutschland ist die Übertragbarkeit aber an drei Dinge geknüpft: Gerätezertifizierung, Produktverfügbarkeit und Vertrauen bei Ärzten und Patienten. Die regulatorische Sperre, die lange nur Storz-&-Bickel-Blütenvaporizer zuließ, ist inzwischen für Extrakte geöffnet: Curaleaf × Jupiter, Somaí × Airo, Syqe Medical. 

Der UK-Markt zeigt, wie schnell sich das drehen kann, sobald Formularien und Ärzteschaft mitziehen: Dort stieg der Vape-Anteil an verschriebenen Präparaten in H1 2025 um 182 % im Jahresvergleich.

Der deutsche Markt soll sich verdoppeln

Organigram-CEO James Yamanaka geht davon aus, dass sich der deutsche Cannabismarkt in den nächsten zwei Jahren fast verdoppelt, von aktuell rund 2,5 Mrd. € auf knapp 5 Mrd. € (The Dime Podcast auf LinkedIn, wobei andere Schätzungen eher von aktuell 1 Mrd. € ausgehen). Das ist eine steile Ansage. Immerhin hat Organigram durch die Übernahme der Sanity Group im Februar bestätigt, wie ernst die internationalen Player den deutschen Markt nehmen.

Preisverfall bei Blüten und ein strengerer Blick auf GMP

Parallel zum Wachstum bei den Apotheken läuft bei den Großhändler ein knallharter Preiskampf. Grower verdienen nach meinem Kenntnisstand aus dem Markt inzwischen teils unter einem Euro pro Gramm, ein Preisniveau, das vor zwei, drei Jahren noch undenkbar war und den Konsolidierungsdruck in der Anbau- und Importkette erhöht.

Gleichzeitig rückt Qualitätskontrolle stärker in den Fokus. Lange lief der Weg für strenge GMP-Kontrolle in Europa vor allem über Portugal – jetzt schlägt Infarmed offenbar auch einen eigenen, weiteren Weg ein. Angesichts der wachsenden Importmengen nach Europa wird eine technisch stringente nationale Aufsichtsbehörde zunehmend zum entscheidenden Filter gegen GMP-Washing. Die deutschen Behörden galten in dieser Hinsicht ohnehin schon als vergleichsweise streng – und könnten künftig noch strenger werden.

Fazit

Fertigarzneimittel-Zulassung, ein juristisch klarer werdender Weg für CBD, eine politisch abgewehrte Attacke auf die Anbauvereinigungen, ein Vape-Markt, der sich europäisch öffnet, eine mögliche Marktverdopplung und ein Preisverfall, der die Branche gleichzeitig konsolidiert. Selten lagen Aufbruch, Rechtssicherheit und Ausdünnung so nah beieinander wie in diesen zwei Wochen, getrieben durch Innovation und demnach neuen Marktsegmenten. Dies ist der einzige Weg für den europäischen Cannabismarkt.

Über Falk Altenhöfer

Falk Altenhöfer ist Analyst, Unternehmer und Publizist mit Fokus auf die europäische Cannabisbranche. Seit 2019 begleitet er Gründer, Investoren und Unternehmen beim Markteintritt, beim Aufbau skalierbarer Geschäftsmodelle sowie bei der strategischen Einordnung regulatorischer Entwicklungen.

Zuvor war er in der digitalen Plattformökonomie und im SaaS-Umfeld tätig. Internationale Einblicke sammelte er unter anderem bei iCAN (CannaTech) in Israel. Heute berät er Startups, Family Offices, Business Angels und mittelständische Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Cannabismarkts.

Falk Altenhöfer publiziert auf Cannabis-Startups.com, einer europäischen B2B-Plattform für Cannabis-Wirtschaft, Marktanalyse und Unternehmertum.

Disclaimer: Keine Rechtsberatung. Gastbeiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.


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