Was bringt 2026 für Medizinalcannabis, Pilotprojekte, Hanf und Cannabis-Clubs?

by Redaktion

Mit Blick auf das Jahr 2026 treibt die Akteure der medizinischen Cannabis-Industrie eine mögliche Änderung des MedCanG um. Im Bereich der Clubs hoffen die Involvierten, dass diese auch im operativen Betrieb an Fahrt aufnehmen – und sich professionalisieren. Bei den Pilotprojekten erscheint der letzte Strohhalm der Rechtsweg. Anders sieht es beim Thema Nutzhanf aus. In diesem Fall herrscht Zuversicht, dass die Rauschklausel endlich fällt. In einer Linkedin-Umfrage zeigen sich die Teilnehmenden insgesamt etwas skeptisch. Der große Cannabis-Ausblick auf 2026.

Änderung des MedCanG

Michael Greif, Geschäftsführer des Branchenverbands der Cannabiswirtschaft (BvCW), spricht von „potenziell einschneidenden Änderungen beim Thema Medizinalcannabis durch die im Gesetzgebungsverfahren befindlichen Verbote für die Onlineverschreibung und den Versand von Medizinalcannabisblüten“. Zugleich verspricht er, diese mit dem BvCW verhindern oder abmildern zu wollen. Für Kevin Lange von Highperformer420/HâyPharma ist noch nicht absehbar, wie das Gesetzgebungsverfahren schlussendlich ausgeht. „Es steht und fällt mit der SPD.“ Niklas Kouparanis, Co-Founder und CEO der Bloomwell Group, fordert die SPD daher auf, ihr „Versprechen einzuhalten und Cannabis-Patient:innen sowie ganz grundsätzlich fünf Millionen Cannabis-Nutzer:innen in Deutschland nicht zu enttäuschen“.

Dr. Ferdinand Weis, Rechtsanwalt und Partner der Kanzlei Dr. Engelhard, Weimar & Kollegen, erwartet Änderungen am MedCanG nicht in „der ursprünglich angedachten Form, aber dennoch in erheblichem Ausmaß“. Für Antje Feißt, Public Affairs Lead Sanity Group, ist in diesem Zusammenhang eine „klare Trennung von Medizinal- und Konsumcannabis zentral“. Finn Hänsel, CEO des Unternehmens, fordert, mit Blick auf 2025 „Planungssicherheit zurückzugewinnen, Telemedizin zu sichern und Medizinalcannabis dauerhaft als selbstverständlichen Teil der Gesundheitsversorgung zu etablieren.” Luc Richner, Co-Founder CEO Cannavigia, fürchtet, dass Verschärfungen, sollten sie tatsächlich in Kraft treten, „die Wirtschaftlichkeit belasten könnten“. Dennoch geht er im medizinischen Bereich aufgrund der anhaltend hohen Nachfrage davon aus, dass sich „ein strukturelles Marktwachstum“ 2026 fortsetzen dürfte. Die eigene Plattform will er mit neuen EU-Vorgaben für digitale Chargendokumentation sowie dem deutschen Regluierungsrahmen harmonisieren.

Dr. Nikolaos Katsaras, Geschäftsführer von GCS – German Cannabis Standard, hofft dass die Regulatoren es weiterhin erlauben, „Cannabis nicht wieder vom Schwarzmarkt beziehen zu müssen“. In den USA verweist er auf einen „liberalen Ansatz im Umgang mit Cannabis“ und würde sich freuen, wenn sich die deutsche Regierung „diesem Trend anschließen würde”, statt eines „cannabisfeindlichen“ Alleingangs. GCS will die eigene Produktionsanlage in Bitterfeld-Wolfen 2026 ausbauen und die eigenen Techprodukte, die ERP-Software für Apotheken (Cannaflow) und die Rezept-Plattform Blütezeit, weiter voran treiben.

Antonia Menzel, Vorstandsvorsitzende BPC, erwartet, dass bei der Nachjustierung im Medizinalcannabisbereich der „Fokus stärker auf Versorgungssicherheit, Therapiekontinuität und barrierearmen Zugang gelegt wird“. Der BPC wolle sich 2026 als führende Branchenstimme festigen.

Boris Moshkovits, Gründer und Head of Advisory Board bei Alephsana, erwartet regulatorisch keine Revolution, aber mehr Klarheit und Nachschärfung – „insbesondere bei Verschreibungsprozessen, Importregularien und Qualitätsanforderungen“. Seine Prognose: Der medizinische Markt werde weiter wachsen, „allerdings selektiver: Anbieter mit stabilen Lieferketten, regulatorischer Kompetenz und belastbaren Partnerschaften werden profitieren“. Alephsana hat 2025 über 1.000 Apotheken beliefert und neue Produkte eingeführt. 2026 soll das Portfolio im Bereich vaporisierbarer Extrakte erweitert werden.

Medizin

Dr. Shabnam Sarshar, Consultant, wünscht sich, dass 2026 der „Medizinpfad klarer“ werde, für sie geht dies einher mit „mehr eindeutigen Indikationen und besseren Daten, um Wirkung und Sicherheit transparent zu machen“. Zudem erhofft sie sich „echte Produktinnovation – weg von ‘immer neue (THC)Blüten’ hin zu nutzerfreundlichen Formen wie Oralsprays oder Mikrodosis-Kapseln“.

Pilotprojekte

Greif verspricht, sich 2026 dafür einzusetzen, dass es „endlich Genehmigungen für Cannabis-Forschungsprojekte“ gebe. Feist von der Sanity Group verweist auf die Schweiz als Best-Practice-Beispiel, „wie regulatorisches Lernen funktionieren kann“. Dort seien „erste Ergebnisse aus Pilotversuchen bereits in einen Gesetzentwurf überführt“ worden. Für die Sanity Group bleibe die Umsetzung der Pilotprojekte in Deutschland 2026 das Ziel sowie das weitere „Begleiten der Regulierung in der Schweiz“. Richner warnt vor einer „Verfestigung des Schwarzmarktes“ in Deutschland, bleibe die Kommerzialisierung im Freizeitbereich aus. Er hofft auf einen „konkreten Fahrplan für die zweite Säule“. Der politische Wille vorausgesetzt sei ein Übergang zu einem regulierten Verkauf über Fachgeschäfte oder Apotheken realistisch.

Skeptischer ist Thomas Hauk, Geschäftsführer von Linnaeus Partners, der „kommerzielle Modellprojekte“ als „politisch tot“ erachtet: „Wir müssen uns damit abfinden, dass es 2026 keine lizenzierten Fachgeschäfte geben wird.“ Rechtsanwalt Weiß bringt allerdings eine andere Option zur Bewilligung ins Spiel. Seines Erachtens könnten „erste Gerichtsentscheidungen den Weg für Modellprojekte ebnen“. 

Nutzhanf und Novel Food

Greif erhofft sich langersehnte „Reformen beim Industriehanf“, insbesondere dass die Rauschklausel abgeschafft wird. Auch Florian Pichlmaier, CEO Signature Products, erwartet 2026 regulatorische Anpassungen im Bereich Nutzhanf. Rechtsanwalt Weiß benötigt für solch ein Szenario „etwas Optimismus“. Sollte die Rauschklausel aber fallen, werde seines Erachtens Nutzhanf liberalisiert. Er betont bereits jetzt, dass die Kanzlei „strafrechtliche Vorwürfe wegen behaupteten Verstößen gegen die Rauschklausel sehr erfolgreich verteidigt“ habe. Nächstes Jahr hat sich Weiß zum Ziel gesetzt, „dass die Warenverkehrsfreiheit im Nutzhanfbereich endlich umfassend anerkannt wird – erforderlichenfalls durch die Forcierung einer Vorlage an den Europäischen Gerichtshof.“ Beraterin Sarashar erhofft sich 2026 zudem „mehr Klarheit bei Novel-Food und Health Claims.“

Clubs

Richner, der mit Cannavigia auch eine Software-Compliance-Lösung für Clubs anbietet, erwartet aufgrund der CanG-Evaluation eine „politische Nachjustierung“, die „klarere und einheitlichere Vorgaben für Anbauvereine“ beinhalten. Die Zahl der genehmigten Anbauvereine lege seines Erachtens nahe, dass sich 2026 ein „relevanter Teil operativ etabliert“. Damit steige zugleich der Bedarf an professionellen Standards, Transparenz und Qualitätssicherung.

Auch Pichlmaier geht 2026 von „mehr Clubs mit formalisierten Lizenzvergaben und eine bereinigte Marktstruktur” aus. Aktuell verwalten laut Pichlmaeier mehr als 200 Clubs ihre Prozesse mit der App von Signature Products, die die Prozesse von Anbau bis Abgabe abbilde. 2026 will er „mehr als 300 Cannabisclubs haben“. Das Wachstum hänge allerdings direkt von einer beschleunigten Linzenzvergab durch die Behörden ab.

Henry Wieker, Vorstandsvorsitzender des CSC Hannover und zugleich Fachbereichs-Koordinator im BCAv, fürchtet 2026 eine neue über Besitzobergrenzen. Zuversichtlich ist er, dass sich Cannabisclubs „stärker etablieren“ werden, geht aber noch von keinem „durchgreifenden Erfolg“ aus. 

Markt

Moshkovits, Pichlmaier, Hänsel und Altenhöfer gehen allesamt von einer Marktkonsolidierung 2026 aus. Hänsel: „Unternehmen mit klarer medizinischer Ausrichtung, hohen Qualitätsstandards und digitaler Kompetenz werden bestehen, während Unsicherheit Investitionen hemmt. Entscheidend wird sein, ob Telemedizin und qualitätsgesicherter Versand als Teil der Lösung anerkannt werden.“ Moshkovits geht auch 2026 von einem  anhaltenden Preisdruck aus, „der ineffiziente Modelle aus dem Markt drängen” werde.  „Gleichzeitig entstehen Chancen für professionelle Großhändler, Plattformen und integrierte Modelle, die Verfügbarkeit, Compliance und Service verbinden“, so Moshkovits. Als zentralen Treiber erachtet er die wachsende Akzeptanz bei Ärzt:innen, Apotheken und Patient:innen. Altenhöfer mahnt an, dass die Lager „voll“ seien und sich nun zeige, „wer zu welchem Preis abverkaufen“ könne. Er erwartet aber auch eine zunehmende Professionalisierung durch vertikale Integration zwischen Produzent, Importeuren und Vertrieb.

Hauk spricht von einem „regulatorischen Stresstest“: „Die politische Romantik ist verflogen, nun regiert die harte ökonomische und administrative Realität.“ Politisch erwartet er eher mehr „Eindämmung statt Öffnung“. 2026 stehe laut Hauk daher unter dem Motto „Survival of the Fittest”“ – die Spreu trenne sich vom Weizen. Er erwartet Übernahmen und Insolvenzen bei kapitalschwachen Unternehmen und ineffizienten Anbauvereinigungen. Enua-CEO Albert Christian Schwarzmeier geht auf Linkedin in der medizinischen Cannabis-Industrie ebenfalls von einer „harten Selektion“ aus. Seine Prognose: Wer auch immer es durch dieses Jahr schaffe, habe eine echte Chance langfristig zu bestehen. Einziger Wachstumsmotor bleibe laut Hauk der medizinische Markt. Chancen sieht er für spezialisierte Dienstleister, „da die regulatorische Komplexität weiter zunimmt“.

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