Ein Gastbeitrag von Maximilian Reifig, Public Affairs Berater der Werter GmbH
Der Status quo kennt derzeit nur unzufriedene Beteiligte: Union und SPD versuchen, Schadensbegrenzung bei ihrer Wählerschaft zu betreiben und das Thema möglichst geräuschlos abzufrühstücken. Die Industrie ringt derweil mit einer Regulierung, die Innovationen hemmt und Arbeitsplätze verhindert. Und vor allem: Die Patientinnen und Patienten sind die Leidtragenden. Sie stehen sprichwörtlich „wie der Ochs vorm Berg“, weil im Umgang mit Cannabis weiterhin große Unsicherheit herrscht.
Im laufenden parlamentarischen Verfahren zur Novellierung des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG) offenbarte sich zum Jahresende 2025 das grundlegende Dilemma der deutschen Cannabispolitik: Sie agiert nicht, sondern reagiert. Was im Sommer als eiliger Gesetzentwurf des Bundesgesundheitsministeriums (BMG) begann, um die stark gestiegenen Importzahlen und den wachsenden Online-Handel einzudämmen, soll nun tatsächlich Gesetz werden. Doch diese Intervention ignoriert die Marktrealität und droht, das Gesundheitssystem zusätzlich zu belasten, anstatt für mehr Sicherheit zu sorgen. Eine aktuelle Studie des Institute for Policy Evaluation zeigt: Geht es nach dem Gesetzgeber, droht der GKV im worst case eine massive finanzielle Mehrbelastung.
Die Annahme der Kostenneutralität – ein Milliardenrisiko
Der Gesetzentwurf des BMG sieht vor, Fernverschreibungen sowie den Versandhandel mit Cannabisblüten zu verbieten, um potenziellen Missbrauch einzudämmen. Eine Analyse des Institute for Policy Evaluation (IPE) stellt jedoch die zugrunde liegende Annahme des BMG der Kostenneutralität in Frage.
Demnach gibt es rund 820.000 Cannabispatientinnen und -patienten in Deutschland, von denen nur etwa 170.000 über die GKV erstattet werden. Die Mehrheit versorgt sich als Selbstzahler, meist über Privatrezepte und telemedizinische Plattformen. Wird der telemedizinische Zugang nun faktisch unterbunden und ein persönlicher Arztbesuch Pflicht, verschwindet die Nachfrage nicht. Sie verlagert sich – mit teuren und gefährlichen Folgen.
Wenn diese Selbstzahler in die GKV wechseln, steigen die Arzneimittelkosten sprunghaft. Hinzu kämen laut IPE-Studie rund 650.000 zusätzliche Arzttermine mit einem geschätzten Kostenaufwand von 23 Millionen Euro. In einem ohnehin überlasteten Gesundheitssystem ist eine solche Ressourcenallokation schwer zu rechtfertigen. Unter dem Strich drohen Kosten von bis zu 2,9 Milliarden Euro – oder, noch schlimmer: eine neue Konjunktur für den Schwarzmarkt.
„Pop-up-Kliniken“ als Symptom lückenhafter Regulierung
Die Motivation des Änderungsentwurfs des MedCanG ist der vermutete Missbrauch von Medizinalcannabis. Allerdings sind die sogenannten „Pop-up-Kliniken“ ein Resultat regulatorischer Versäumnisse. Anders als seriöse telemedizinische Anbieter beschränken sie sich auf Online-Fragebögen, bevor das gewünschte Produkt per Versandhandel geliefert wird. Diese Lücke ist weniger den Telemedizinern anzulasten als der unklaren Gesetzeslage.
Seit dem „Cannabis-als-Medizin“-Gesetz von 2017 wurde versucht, Cannabis ins bestehende Arzneimittelrecht einzupassen. Die beim BfArM eingerichtete Cannabisagentur sollte zunächst eine staatlich kontrollierte Produktion sicherstellen. Heute fungiert sie jedoch vor allem als Erlaubnis- und Aufsichtsbehörde.
Mit der Herausnahme von Cannabis aus dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) im April 2024 fielen die hohen bürokratischen Hürden zur Verschreibung. Der ursprünglich geplante kommerzielle Vertriebsweg – die Fachgeschäfte der „Säule 2“ – blieb jedoch aus. Damit traf ein liberalisiertes Verschreibungsrecht auf einen fehlenden legalen Vertriebsrahmen. Diese Lücke füllten digitale Anbieter mit professionellen, aber bislang nur unzureichend regulierten Angeboten.
Ein Lösungsansatz: Smart Regulation statt Verbotspolitik
Die Cannabis-Kontrollpolitik steht vor einer entscheidenden Weichenstellung: Soll sie einen unregulierten Schwarzmarkt weiter dulden – ohne Qualitätskontrolle und Steuereinnahmen – oder eine Form der sicheren, qualitätsgesicherten Selbstmedikation ermöglichen, die das Gesundheitssystem entlastet?
Naheliegend wäre ein gestufter Ansatz: Ein kontrollierter Zugang zu rezeptfreiem, aber apothekenpflichtigem Cannabis (OTC). Damit bliebe die erstattungsfähige Therapie für schwer erkrankte Patientinnen und Patienten weiterhin streng ärztlich indiziert. Zugleich könnten weniger schwerwiegende Indikationen über ein limitiertes, qualitätsgesichertes OTC-Angebot in Apotheken abgedeckt werden.
Eine solche Lösung würde Ärztinnen, Ärzten und Krankenkassen spürbare Entlastung bringen. Apotheken sichern Beratung, Alterskontrolle und pharmazeutische Qualität; zugleich ließe sich der polizeiliche Vollzug durch standardisierte und nachverfolgbare Verpackungen verbessern. Eine Anpassung der Freimengen würde zusätzlich Rechtssicherheit schaffen. Der Staat profitiert zudem von Steuereinnahmen, während Industrie und Apotheken Planungssicherheit erhalten und insbesondere kleinere spezialisierte Apotheken nicht als Arbeitsplätze verloren gehen.
Fazit: Mut zur Realpolitik
Die Realität ist eindeutig: Der Markt wächst – ob die Politik reagiert oder nicht. Der Rückgriff auf die pharmazeutische Lieferkette ist derzeit die einzige praktikable Option, um den medizinischen Cannabis-Markt unter Kontrolle zu halten. Ein pauschales Verbot telemedizinischer Angebote wäre dagegen unverhältnismäßig – es erschwert Patientinnen und Patienten den Zugang, ohne den Jugendschutz oder den Verbraucherschutz tatsächlich zu stärken.
Sinnvoller wären klare Qualitätskriterien, Registrierungsauflagen und kontrollierte Modellprojekte. Realpolitik statt Reflex – das wäre der entscheidende Schritt, dem Dilemma der deutschen Cannabisregulierung eine gesundheitspolitische Perspektive zu bieten und um die wirtschaftlichen Potenziale zu entfalten.
Quellen:
Institute for Policy Evaluation (2025). Studie zu den Auswirkungen eines Verbots der telemedizinischen Cannabis-Verschreibung und des Versandhandels auf die Gesetzlichen Krankenversicherungen. Online verfügbar unter diesem Link.
Maximilian Reifig, Public Affairs Berater der Werter GmbH

Maximilian Reifig ist Public Affairs Berater von Werter, einer Beratungsagentur für Public Affairs und Regulierung mit Schwerpunkt auf der Cannabis-Industrie. Werter berät Unternehmen und Verbände zu regulatorischen Strategien und Marktentwicklungen.
Disclaimer: Gastbeiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

