Medizinisches Cannabis, therapeutisches Yoga und Ursachenforschung

Ärztin Sarah Marianek verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz in ihrer Praxis

by Astrid Hahner

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert den Begriff Gesundheit als “ Zustand des umfassenden körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens“. Medizinisches Cannabis ist ein von Mittel im therapeutischen Werkzeugkasten, welches auf vielschichtige Weise schwerkranken Patienten helfen kann, sich diesem Idealzustand zumindest wieder etwas anzunähern. Selten ist es jedoch mit der Linderung von Symptomen durch die Gabe von Medikamenten alleine getan. Die Ärztin und Psychotherapeutin Sarah Marianek aus Berlin hat sich deshalb früh nach Alternativen umgesehen; schon während des Medizinstudiums widmete sie sich körperorientierten Therapieverfahren, lernte traditionelle Methoden wie Akupunktur und die Bedeutung einer gesunden Ernährung zur Wiederherstellung des körperlichen und seelischen Gleichgewichts.

krautinvest.de: Du bist Ärztin und Psychotherapeutin – Gerade im Bereich psychiatrische Erkrankungen erfahren Patient:innen, die einen Therapieversuch mit Cannabis wünschen, nach wie vor Skepsis und Ablehnung. Woran liegt das?

Sarah Marianek: Das Wissen zum endogenen Cannabinoid-System ist nicht Bestandteil des klassischen medizinischen Lehrplans und es bestehen noch viele Vorurteile und Halbwissen zu Cannabis an sich. Meiner Erfahrung nach trägt das dazu bei, dass vielen Kollegen eine große Unsicherheit bezüglich der Verschreibung von medizinischem Cannabis haben. Es wäre sehr wünschenswert, wenn sich hier ein noch deutlich stärkerer multiprofessioneller Austausch und eine ausführliche Wissensvermittlung zu medizinischem Cannabis entwickeln würde. Meines Erachtens hat auch die lange Prohibitionspolitik dazu beigetragen, dass das Potential von medizinischem Cannabis nicht voll erkannt und genutzt wurde und wird. Dies zeigt sich auch darin, dass in vielen Bereichen noch zu wenig aussagekräftige Studien vorliegen und die Verschreibung, durch die noch wenig klare Evidenzlage erschwert wird.

krautinvest.de: Warum hast du dich dafür entschieden, dich nun auf die Behandlung mit Cannabis zu spezialisieren?

Sarah Marianek: Während meiner Arbeit als Ärztin und Psychotherapeutin in der Schmerzmedizin, bin ich häufig Patienten begegnet, denen in einer konventionellen Schmerztherapie nur bedingt geholfen werden konnte. Insbesondere in der Schmerztherapie wird deutlich auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen bei uns Menschen Verbindungen bestehen und alles miteinander zusammenhängt. Ich bin überzeugt, dass eine erfolgreiche schmerztherapeutische Behandlung nur im Zusammenspiel der verschiedenen Systeme gelingen kann. Gerade hier scheint das Endocannabinoid-System ein vielversprechender Kandidat zu sein, weil es sich über den ganzen Körper erstreckt.

krautinvest.de: Du bist eine relativ neue Cannabis-Verordnerin; welche Schwierigkeiten bzw. neuen Lernaufgaben haben sich dabei für dich ergeben und wie könnte man es Ärztinnen und Ärzten flächendeckend leichter machen, die Therapie-Option Cannabis, die in Deutschland seit 2017 jedem zur Verfügung steht, adäquat zu nutzen?

Sarah Marianek: Zu Beginn steht man vor der Herausforderung, sich das notwendige Wissen anzueignen und sich einen Überblick über den doch recht hohen bürokratischen Aufwand zu verschaffen, den die Verschreibung von medizinischem Cannabis mit sich bringt. Es bleibt zu hoffen, dass mit verstärkter Forschung Cannabis auch als Therapie der ersten Wahl eingesetzt werden kann und die Verschreibung insgesamt vereinfacht wird, so dass zum Beispiel im kassenärztlichen Bereich nicht für jeden Patienten im Vorfeld eine eigene Beantragung stattfinden muss.

krautinvest.de: Cannabis ist ein Medikament mit sehr breitem Wirkspektrum; vermutlich behandelst du schwer kranke Patient:innen aus den unterschiedlichen medizinischen Fachgebieten. In welchen Patient:innengruppen gibt es deutliche Versorgungslücken? Welche Patient:innen könnten von einem Therapieversuch mit Cannabis profitieren, finden aber selten den Weg zum Cannabis-Verordner?

Sarah Marianek: Gerade älter Patienten sind häufig von chronischen Schmerzen betroffen und erfahren durch die konventionellen Therapieangebote nur eine unzureichende Verbesserung ihrer Beschwerden. In dieser Patientengruppe scheint jedoch das Stigma von medizinischem Cannabis besonders groß zu sein, so dass diese Patienten häufig nicht den Weg in eine medizinische Cannabisbehandlung finden, obwohl gerade sie von einer ärztlich begleiteten Cannabistherapie gut profitieren könnten.

krautinvest.de: Kommt es auch vor, dass du Patient:innen die Behandlung mit Cannabis verwehrst?

Sarah Marianek: In einzelnen Fällen halte ich eine Therapie mit medizinischem Cannabis für nicht geeignet, zum Beispiel dann, wenn das Risiko für eine Suchterkrankung besonders hoch ist, oder ich den Eindruck habe, dass ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Präparat nicht gewährleistet ist, genauso z.B. während der Schwangerschaft oder bei schweren seelischen Störungen, wie zum Beispiel Psychosen.

krautinvest.de: Wie siehst du deine Rolle bzw. die Rolle der Kliniken, welche auf die Behandlung mit Cannabis spezialisiert sind, nach der Legalisierung des Freizeitkonsums für Erwachsene?

Sarah Marianek: Ich sehe die Aufgaben der Praxen und Kliniken, die sich auf die Therapie mit medizinischem Cannabis spezialisiert haben, auch nach der Legalisierung des Freizeitkonsums für Erwachsene insbesondere darin, dass hier medizinische Expertise und ausführliches Wissen über Cannabis vorhanden ist und die Patienten ganz individuell und je nach Erkrankung besonders behandelt werden können.

Darüber hinaus unterliegt die Herstellung des medizinischen Cannabis höchsten Qualitätsanforderungen, sodass die Qualität das bereitgestellten Präparates gewährleistet ist.

krautinvest.de: Was bedeutet es für dich, ganzheitlich zu behandeln?

Sarah Marianek: In der modernen Forschung zeigt sich mehr und mehr, dass wir Erkrankungen nicht isoliert betrachten können. Menschen und ihre Erkrankungen lassen sich vor dem Hintergrund ihrer Umwelt und Beziehungen umfassender verstehen und behandeln.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Zusammenhang des menschlichen Darm-Mikrobioms und der Botenstoffe, wie z.B. Serotonin, die zur Signalübertragung im Gehirn benötigt werden: Diese werden nämlich zum überwiegenden Teil im Darm
gebildet und sind entscheiden für eine ausgeglichen Stimmung, Motivation und Konzentration. Oder auch der mittlerweile gut belegte Zusammenhang von Psyche und Immunsystem zeigt uns diese Zusammenhänge auf. Überall wird deutlich, wie
sehr Prozesse im Menschen zusammenhängen.

Ich verstehe und betrachte den Menschen als verbundenes Wesen und ich bin davon überzeugt, dass eine gelingende Behandlung das berücksichtigen muss. Für mich bedeute eine ganzheitliche Behandlung daher, dass ich verstehen möchte welche Systeme bei meinen Patient*innen beeinträchtigt sind und an welcher Stelle eine Intervention notwendig und sinnvoll ist. Hier kann z.B. medizinisches Cannabis ein erster wichtiger Schritt sein, um wieder zu mehr Lebensqualität zu finden. Genauso können Psychotherapie, Bewegung, Ernährung und soziale Einbindung wichtige Therapiebausteine sein.

Über Sarah Marianek:

Sarah Marianek hat ihr Medizinstudium in Frankfurt am Main und Freiburg absolviert. Schon während des Studiums vertiefte sie alternativmedizinische Fachgebiete wie Akupunktur, Ernährungsmedizin und therapeutisches Yoga. In ihrer über 10-jährigen Arbeit als Ärztin und Psychotherapeutin in psychosomatischen Akutkliniken bildete sie sich intensiv auf dem Gebiet der Traumapsychotherapie und Schmerzmedizin fort. Seit September 2022 ist sie Kooperationsärztin bei Canify Clinics in Berlin. Mit einer medizinischem Cannabis-Therapie möchte sie ihren Patient*innen eine Möglichkeit bieten,
wieder aktiver am Leben teilzunehmen und wieder mehr Lebensqualität zu gewinnen. Ihr ist es dabei immer ein Anliegen, einen ganzheitlichen Ansatz zu verfolgen und das Wohl ihrer Patient*innen in den Mittelpunkt zu stellen.

Bildquellen

  • Sarah sh: Sarah Marianek, Canify Clinics

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