Das Wort ‚durch‘ ist im Deutschen trügerisch. Es steht für Kausalität. Korrekter ist oft der Begriff ’seit‘. Es beschreibt eine Entwicklung mit unbekannter Ursache. Teilweise wird beides aber auch vermischt, um Kausalität dort zu suggerieren, wo aller höchstens Korrelation vorherrscht. Manchmal nicht einmal dies. Ein typisches Beispiel für das Verwandeln von Daten zu zeitlichen Entwicklungen in angebliche Ursache-Wirkung-Prozesse ist die öffentliche Debatte um die Cannabis spezifischen Krankenhauseinweisungen.
Die UKE Forscher erklären in ihrem Fazit zwar, dass cannabis cannabisspezifische Krankenhausaufnahmen bei Erwachsenen moderat, aber anhaltend angestiegen seien. Ihren Schlusssatz formulieren sie aber im Konjunktiv: „Der vermehrte Konsum von hochpotentem Medizinalcannabis könnte zu einer Zunahme psychischer Probleme unter Konsumierenden und Patientinnen und Patienten beitragen.“
Dieser Konjunktiv transformiert dann zu Schlagzeilen im Indikativ. Beim Focus heißt es auf Instagram: „Mehr Klinikaufnahmen wegen Cannabis-Teillegalisierung“. „Wegen“ ist in diesem Fall dem „Durch“ mindestens ebenbürtig. In einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung heißt es, dass die Gesundheitsschäden „als Folge“ der Teillegalisierung von Cannabis sogar zugenommen haben. „Als Folge“ hat an dieser Stelle nochmal eine andere Tragweite als beispielsweise „in Folge“. Und Apotheken Umschau titelt kurzerhand:„Cannabis-Legalisierung führt laut neuer Studie zu mehr Klinikeinweisungen“. Dass die „Legalisierung“ (die vollumfänglich ausgeblieben ist) dazu „geführt“ hat, gibt die UKE-Studie so gar nicht her.
Die Autoren der Studie bemühen sich um Erklärungsansätze, sind dabei aber ganz transparent, dass diese noch mit einem Fragezeichen versehen sind. Bleiben, wenn erforderlich, im Konjunktiv. Siehe oben.
Blickt man etwas genauer hin, befinden sich die Autoren mit ihren Hypothesen teilweise sogar auf dünnem Eis. Nach dem 1. April 2024 stieg die Krankenhausaufnahmerate laut Studie mit einer cannabisspezifischen Diagnose zwar zunächst um 5,6 % an. Allerdings tatsächlich nur „zunächst“, oder wie die Autoren an anderer Stelle im Fall von Psychosen und Vergiftungen schreiben „unmittelbar“. Diese beiden Adverben werden in der öffentlichen Debatte geflissentlich unterschlagen. Dabei sind sie von großer Relevanz für die Interpretation der Daten. Denn im weiteren Verlauf blieben sowohl die Krankenhausaufnahmerate mit einer cannabisspezifischen Diagnose als auch die cannabisinduzierte Psychosen bei Erwachsenen „stabil“. Wer in die Graphiken der Studie blickt, erkennt, dass es tatsächlich nur „unmittelbar“ nach dem 1. April 2024 einen sprunghaften Anstieg gegeben hat. Das schürt ernsthaft Zweifel am Schlusssatz der Studie. Denn der „vermehrte Konsum von hochpotentem Medizinalcannabis“ hätte in diesem Fall auch sprunghaft, also „unmittelbar“, nach dem ersten April 2024 erfolgen und dann auf diesem Nivea „stabil“ verweilen müssen. Das ist aber nicht passiert. THC-Gehalt und auch die Zahl der hierzulande importierten Mengen sind seit April 2024 kontinuierlich im Laufe der Zeit bis heute angestiegen – ganz im Gegensatz zu den „stabilen“ Zahlen, auf die die UKE-Studie verweist. Zeitlich betrachtet korrelieren die Verläufe nicht einmal, also Entwicklungen im Bereich Medizinalcannabis sowie der Krankenhauseinweisungen und Psychosen, geschweige denn das Kausalität nachgewiesen ist.
Ein anderer Erklärungsansatz ist daher deutlich plausibler: Gut möglich, dass nach der Entkriminalisierung von Cannabis die Betroffenen viel eher gewillt sind, sich ernsthaft nach Hilfe zu holen. Ganz einfach, weil sie keine Angst haben, dass ihnen Probleme mit dem Führerschein oder der Justiz drohen, selbst wenn solche Sorgen unbegründet sind. Dann hätte die Überschrift lauten müssen: „Teillegalisierung verbessert in Notfällen die akute Gesundheitsversorgung“. Ob das so ganz korrekt ist, mag auch dahin gestellt sein. Spekulativer „Mehr Krankenhauseinweisungen durch Teillegalisierung“ wäre diese Überschrift aber keineswegs.
Moritz Förster betreut seit 2017 krautinvest.de redaktionell und gründete 2024 die auf Cannabis relevante Themen spezialisierte Kommunikationsberatung MJ Content & Communications.

