Was können sich deutsche Unternehmen von US-Unternehmen abgucken? Und wieso stehen deutschen Produzenten schwierige Zeiten bevor? Kris Krane von 4Front blickt auf drei Jahrzehnte in der Cannabis-Branche zurück und wagt einen Ausblick. In der Serie #krautinvest4ICBC interviewen wir Teilnehmer und Aussteller der ICBC Berlin (11. bis 13. April).

Kris, du bist bereits seit rund sieben Jahren mit 4Front in der Cannabisindustrie. In diesem noch jungen legalen Markt ist das eine recht lange Zeit. Auch in den Jahren zuvor, seit der Jahrtausendwende, hast du in der Branche Führungspositionen inne gehabt. Was waren die wichtigsten Entwicklungen in all den Jahren?

Das gesamte Cannabis-Umfeld ist heutzutage völlig anders als zu Beginn meiner Zeit als Fürsprecher der Branche 1998. Seit dem Start von 4Front im Jahr 2011 hat sich die Situation sogar drastisch verändert. Als ich anfing, mich mit dem Thema zu beschäftigen, da gab es noch überhaupt keine legale Marihuana-Industrie. Die ersten Tendenzen sah man Ende der 1990er in Kalifornien. Einen echten legalen Markt gab es damals aber nicht, nicht einmal gemäß des staatlichen Rechts. Erst nachdem die Stadt Oakland im Jahr 2006 die erste Verordnung zur Nutzung durch Krankenhausapotheken erlassen hatte, entstanden die ersten legal lizenzierten Cannabis-Apotheken. Colorado beschloss im Jahr 2009, Marihuana-Unternehmen zu lizenzieren – das erste Mal überhaupt, dass eine staatliche Regierung legale Unternehmen lizenzierte. Es folgte eine Welle von Staaten, die anfingen, medizinische Cannabis-Geschäfte zu lizenzieren. Plötzlich kam Schwung in die neue Branche. Und ab 2012 ging es dann rasant voran. Mit Colorado und Washington legalisierten die ersten Staaten Cannabis für Erwachsene. Nach der Entscheidung der Obama-Administration, sich nicht in staatliche legale Cannabisgeschäfte einzumischen, ist der Industrie gewachsen und hat sich weiterentwickelt. Als wir mit 4Front los legten, waren die meisten Cannabis-Unternehmer auf einem Schwarzmarkt aktiv, die versuchten, ihre Geschäfte zu legalisieren. Inzwischen leiten anspruchsvolle und professionelle Geschäftsleuten die Unternehmen.
Nach eigenen Angaben habt ihr 50 Betriebslizenzen für Partner erhalten. Betrachtet man euer Team, ist es bemerkenswert, dass eure Experten nicht nur allesamt langjährige Erfahrungen haben, sondern vor allem auch die ganz verschiedenen professionellen Hintergründe. Wie relevant war diese Vielfalt des Teams für eure Erfolgsgeschichten?

Das Team, das wir aufgebaut haben, war dafür entscheidend, dass wir erfolgreich Lizenzen für uns selbst und unsere Kunden im ganzen Land beschafft haben. Die Lizenzvergaben sind unglaublich komplex und umfassen oft mehr als 1.000 Seiten. Wir haben gezielt ein Team mit einer breiten Erfahrung aufgebaut, um sicherzustellen, dass wir Kompetenzen von geschäftlichen Themen über Finanzen bis hin zu regulatorischem Fachwissen demonstrieren können. Zu unserem Team zählen Experten aus der Cannabis-Industrie, aber auch Personen, die Führungspositionen in den Bereichen Corporate Retail oder Gastgewerbe inne hatten. Wir haben Experten für Regulierungsthemen und Personen, die sich jahrelang mit Anträgen und Ausschreibungen in stark regulierten Branchen befasst haben. Schließlich sind die Antragsverfahren sehr umkämpft. So wie die Branche heute aussieht, ist es schwierig, ohne eine breite Palette talentierter Mitarbeiter erfolgreich zu sein.
Ihr bietet Beratungsdienstleistungen in sehr verschiedenen Bereichen von der Landwirtschaft bis zur Finanzierung an. Was ist der schwierigste Aspekt für eure Kunden?

Die Cannabisindustrie ist insgesamt anspruchsvoll. Es ist schwierig, einen bestimmten Bereich heraus zu picken. Zunächst einmal ist es sehr komplex und zeitaufwändig, den Prozess der Beantragung selber zu bewältigen. Wir selber versuchen, diesen Prozess so einfach wie möglich zu gestalten. Eine weitere große Herausforderung sind Investitionen und Finanzierungen, gerade in den USA, da Cannabis bundesstaatlich weiterhin illegal ist. Es ist sogar schwierig, eine eigene Bank zu finden und auf Grundlage der 280e-Bestimmung der Bundessteuerbehörde Steuern zu zahlen.
Was sind eure Erfahrungen in dem jungen deutschen Markt?
Im Moment schauen wir uns Deutschland genauer an und analysieren, welche Möglichkeiten sich uns hierzulande bieten. Bislang waren wir hier noch nicht geschäftlich tätig. Wir sind aber daran interessiert, uns stärker auf den europäischen Märkten zu engagieren. Der Markt in Deutschland ist derzeit noch recht klein. Allerdings nehmen wir an, dass er in den nächsten Jahren zügig wachsen wird. Wir suchen einen guten Partner in Deutschland und in ganz Europa, der uns helfen kann, im aufstrebenden deutschen Markt Fuß zu fassen.
Und deine Empfehlung an deutsche Unternehmen, basierend auf deinen Erfahrungen anderswo – gerade vor dem Hintergrund, dass sie auf globaler Ebene mit etablierten Unternehmen konkurrieren?
Mein Rat an jeden Cannabis-Unternehmer ist, dass die Entwicklung aller Voraussicht nach doppelt so lange dauern wird, wie er ursprünglich gedacht hat und dass doppelt so hohe Investitionen nötig sind wie geplant, bevor die Geschäfte anlaufen. Die gute Nachricht für deutsche Unternehmen: Sie agieren in einem im gesamten Lad rechtlich geschützten Rahmen. Anders als US-amerikanische Unternehmen haben sie daher keine Schwierigkeiten mit Banken, Steuern und Investitionen. Die Herausforderung liegt darin, mit den großen kanadischen Unternehmen im Wettbewerb zu stehen, die über jahrelange Erfahrung und aufgrund ihrer hohen Bewertungen am Aktienmarkt auch über entsprechende Bilanzsummen verfügen. Eine weitere Sorge deutscher Produzenten ist der Wettbewerb mit Produzenten mit günstigeren Produktionsbedingungen. Deutschland hat einen der höchsten Lebensstandards der Welt, die Kosten für die Herstellung von Cannabisprodukten in Deutschland sind daher hoch verglichen mit Orten wie Portugal, Griechenland oder sogar Kolumbien. Es kann sich herausstellen, dass es günstiger ist, kolumbianische Produkte zu importieren als in Deutschland, zwar ohne zusätzlich Kosten für den Import, selber zu produzieren.

Und was erwartest du auf der diesjährigen ICBC?

Es wird schön zu sehen, wie sich der deutsche Markt seit der ersten Konferenz im vergangenen Jahr entwickelt hat. Im vergangenen Jahr drehte sich vieles um die anstehenden Ausschreibungen und das deutsche “Cannabis-Programm“. Ich bin gespannt, wie sich die Dinge seitdem entwickelt haben und ob noch die gleich Aufbruchstimmung besteht. Natürlich wird es auch toll, sich mit europäischen Cannabisunternehmern zu vernetzen und Informationen und Ideen darüber auszutauschen, wie die Dinge in Europa im Vergleich zu unseren Erfahrungen in den Vereinigten Staaten funktionieren.

Kris, danke für das Gespräch!

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Kris Krane ist Direktor bei 4Front Advisors, der führenden Beratungsstelle für medizinische Marihuana-Apotheken in den USA. 4Front tritt für hohe Standards in der Branche ein. Zugleich ist er Präsident von 4Front Ventures, einer Holdinggesellschaft, deren Mission die Professionalisierung der Cannabisindustrie ist.

Hinweis der Redaktion: krautinvest ist offizieller Partner der ICBC und stellt in diesem Rahmen Aussteller, Redner und Teilnehmer vor. Für krautinvest-Leser gibt es über diesen Link rabattierte Tickets. Ticketcode: “INVESTVIP”.

Bildquellen

  • icbc exhibitors: Matt Emrich
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