Ein kurzer Rückblick auf ein Jahr, in dem Cannabis neu verhandelt wurde
Eine Gastbeitrag von Falk Altenhöfer
Eigentlich sollte dieser Text früher erscheinen. Ich hatte erwartet, dass aus den USA mehr Klarheit herüberschwappt, mehr belastbare Signale für eine fundierte Einordnung. Doch wir sind inzwischen im neuen Jahr – und klüger im klassischen Sinne sind wir nicht geworden. Was sich jedoch sehr klar beschreiben lässt, ist das Jahr 2025 selbst. Rückblickend war es kein Jahr der großen Durchbrüche, sondern eines der Weichenstellungen. Und möglicherweise wird vor allem der Dezember 2025 in einigen Jahren als besonders prägend gelten.
Es war kurz vor 23 Uhr an einem Donnerstagabend Ende Dezember, wenige Tage vor Weihnachten, als im Deutschen Bundestag über Änderungen am Medizinal-Cannabisgesetz diskutiert wurde. Während sich das Land längst auf Feiertage und Jahresabschlüsse konzentrierte, wurde im Parlament bis spät in die Nacht über Importmengen, Versandverbote und Videosprechstunden gestritten. Ein Zeitpunkt, der sinnbildlich für den Zustand der Branche stand: spät, angespannt und mit dem Gefühl, dass etwas Größeres im Raum steht, ohne bereits klar benannt zu sein.
Zeitgleich setzte die internationale Cannabiswelt andere Akzente. In den USA unterzeichnete Donald Trump eine Executive Order zur beschleunigten Umstufung von Cannabis von Schedule I auf Schedule III. Auf den ersten Blick ein Fortschritt, bei genauerem Hinsehen jedoch der Auftakt zu einer weitreichenderen Systemfrage. Zwei politische Bühnen, zwei Debatten – und doch dieselbe Grundfrage: Wer kontrolliert Cannabis, und nach welchen Regeln?
Der öffentliche Diskurs in den USA machte 2025 deutlich, wie sehr Cannabis dort in der Mitte der Macht angekommen ist. Lobbying, politische Netzwerke, strategische Interessen – Cannabis wird nicht mehr moralisch verhandelt, sondern industriepolitisch. Doch Anerkennung bedeutet nicht Normalisierung. Die Diskussion um Schedule III zeigt vielmehr, dass es nicht um Liberalisierung geht, sondern um Einordnung. Cannabis würde damit nicht freier, sondern stärker in das föderale Arzneimittelrecht eingebunden: unter die Zuständigkeit von DEA, DOJ und FDA, ohne regulatorischen Zwischenraum.
Diese Entwicklung hat auch ökonomische Konsequenzen. Die Kapitalmärkte reagierten 2025 zwar punktuell auf politische Signale, insgesamt blieb der Sektor jedoch volatil. Investoren bewerten keine Ankündigungen, sondern Umsetzungsrisiken. Banking ist weiterhin ungelöst, SAFER Banking politisch möglich, aber nicht beschlossen. Hinzu kommt der Blick nach vorn: 2026 werden rund 1,8 Milliarden US-Dollar an hochverzinsten Schulden bei großen US-Multi-State-Operatoren fällig. Die kommende Konsolidierung ist absehbar – hart, selektiv und bilanziell entschieden.
Parallel dazu verengte sich der regulatorische Spielraum auch in anderen Bereichen. Die politische Argumentation für Schedule III ist explizit medizinisch und erhöht den Druck auf pharmazeutische Standards. Gleichzeitig wächst der Wille, Schlupflöcher bei hemp-basierten THC-Produkten zu schließen. In den USA zeichnet sich damit eine schrittweise Umlenkung von Graumarkt-Konsum in lizenzierte Kanäle ab – kein organischer Übergang, sondern das Ergebnis regulatorischer Entscheidungen. Übergangsphänomene wie THC-haltige Beverages zeigen zwar, wie flexibel Märkte reagieren, ändern aber nichts an der übergeordneten Richtung.
Während die USA über die Architektur des Systems verhandeln, diskutierte Deutschland 2025 vor allem den Zugang. Die Bundestagsdebatten drehten sich um Versand oder Nicht-Versand, Videosprechstunde oder Präsenzpflicht, Missbrauchsverdacht versus Versorgungssicherheit. Es ging nicht um das „Ob“, sondern um das „Wie“. Deutschland und die USA führten damit keine identische Debatte, sondern Gespräche auf unterschiedlichen Ebenen derselben Entwicklung.
Gerade diese Unterschiede machen den Rückblick auf 2025 interessant. In Deutschland wurde parallel zur politischen Debatte eine neue Marktrealität sichtbar. Auf Messen wie der ICBC oder der Mary Jane zeigte sich, wie stark sich der Markt bereits in Richtung eines medizinisch organisierten, digital angebahnten Vertriebsmodells entwickelt hat. Online-Termin, ärztliche Einschätzung, Rezept, Bestellung – was vor wenigen Jahren noch als Grauzone galt, war 2025 gelebte Praxis.
Auch die Marktstruktur verdichtete sich weiter. Der Importmarkt wurde zunehmend von wenigen großen Akteuren geprägt. Unternehmen wie Remexian, Cantourage und Cannamedical vereinten erhebliche Volumina auf sich und zeigten wirtschaftliche Reife: Gewinne, Skaleneffekte, strategische Transaktionen. Die Teilübernahme von Remexian durch High Tide wirkte dabei wie ein stiller Startschuss für eine neue Bewertungslogik. Gleichzeitig sanken die Preise im Selbstzahlersegment spürbar – Cannabis wurde für breitere Patientenschichten finanzierbar.
Dieser Preisdruck reichte bis zu den Produzenten. Erfolgreich blieben vor allem jene Grower mit strukturellen Kostenvorteilen, sei es durch günstige Energie in Kanada oder natürliche Standortbedingungen in Ländern wie Kolumbien. Entsprechend deutete sich bereits 2025 an, dass Südamerika 2026 weiter an Bedeutung gewinnen dürfte – nicht aus Ideologie, sondern aus Marktlogik.
Rückblickend war 2025 kein Jahr der Normalisierung. Es war ein Jahr der Einordnung. Cannabis wurde nicht liberaler, sondern effizienter organisiert. Nicht romantisiert, sondern institutionell und betriebswirtschaftlich verankert. Ob daraus neue M&A-Dynamiken zwischen Nordamerika und Europa entstehen – in die eine oder andere Richtung – bleibt offen.
Über Falk Altenhöfer
Falk Altenhöfer ist Analyst, Unternehmer und Publizist mit Fokus auf die europäische Cannabisbranche. Seit 2019 begleitet er Gründer, Investoren und Unternehmen beim Markteintritt, beim Aufbau skalierbarer Geschäftsmodelle sowie bei der strategischen Einordnung regulatorischer Entwicklungen.
Zuvor war er in der digitalen Plattformökonomie und im SaaS-Umfeld tätig. Internationale Einblicke sammelte er unter anderem bei iCAN (CannaTech) in Israel. Heute berät er Startups, Family Offices, Business Angels und mittelständische Unternehmen entlang der gesamten Wertschöpfungskette des Cannabismarkts.
Falk Altenhöfer publiziert auf Cannabis-Startups.com, einer europäischen B2B-Plattform für Cannabis-Wirtschaft, Marktanalyse und Unternehmertum.
Disclaimer: Gastbeiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

