Die Wertschöpfungskette für den Cannabis-Genussmittelmarkt: Frage der Details

Der Podcast mit Dirk Heitepriem und Lisa Haag über den Aufbau eines legalen Genussmittelmarkts

by Moritz Förster

Wann geht das erste Gramm Cannabis als Genussmittel legal über eine Ladentheke in Deutschland? Und ob überhaupt? Nach dem Bekanntgeben des Eckpunktepapiers diskutieren Lisa Haag, Gründerin von MJ Universe, und Dirk Heitepriem, Fachbereichskoordinator für Genussmittelregulierung vom Branchenverband Cannabiswirtschaft (BvCW), über die nächsten Schritte bis zum legalen Genussmittelmarkt. So viel vorweg: Ungeachtet der Fragezeichen auf EU-Ebene sind beide optimistisch, dass der legale Cannabis-Genussmittelmarkt noch in dieser Legislaturperiode Wirklichkeit wird. Mahnen aber auch, dass entlang der Wertschöpfungskette noch viel Detailarbeit bevorsteht.

Heitepriem sieht für die deutschen Ziele einen “schmalen Grat im internationalen und europäischen Recht für die deutsche Möglichkeit“. Haag betont den Gesundheitsschutz und dessen Definition. Der WHO gehe es um einen Zustand von körperlichem, seelischem und sozialem Wohlbefinden. Die Prohibition habe in den vergangenen Jahrzehnten versagt, betonen beide unisono. Heitepriem kritisiert: „Wir machen das ja nicht aus Freude. Das zeigt, wie absurd es mit rechtlichen Rahmenbedingungen geworden ist.“ Es sei auch für Europa ein wichtiger Schritt, sich selbst zu definieren.

Auch die Re-Klassifizierung von Cannabis als Betäubungsmittel begrüßen beide. Parallel zu den Gesprächen auf EU-Ebene, so Heitepriem, würden bereits analog Gespräch mit dem INCB stattfinden, ob dies die Importe von medizinischem Cannabis tangiere.

Die Wertschöpfungskette für den Cannabis-Genussmittelmarkt: Frage der Details

Viele Fragen bleiben aber dennoch offen: Beispielsweise, ob und wie deutsche Produzenten auch ohne Importe die Nachfrage bedienen können. Im Gegensatz zu anderen Brancheninsidern sind beide der Auffassung, dass nicht im Hauruck-Verfahren ab Tag-1 bundesweit die gesamte Infrastruktur stehen und die gesamte Nachfrage bedient werden müsse. In Kanada habe es schließlich auch gedauert, bis sich der legale Markt durchgesetzt habe. Wichtiger sei, dass Lizenzen und Markteintrittsbarrieren so definiert werden, dass auch den Kleinen, nicht nur den kapitalstarken Akteuren eine Partizipation ermöglicht wird. Lisa Haag stellt dabei klar, dass aktuell noch keiner wisse, wie der Markt aussehen wird. Der traditionelle Einzelhandel, aber auch Tabakgeschäfte, die bereits jetzt Tabak und Glücksspiel anbieten, könnten mitmischen.

Das Leack: Ein strategischer Schachzug?

Insgesamt äußern sich Lisa Haag und Dirk Heitepriem, die beide beim BvCW inhaltlich auch in der Abteilung „Genussmittelmarkt“ zusammen arbeiten sehr zufrieden über das nun vorliegende Eckpunktepapier. Auch dass das Papier im Vorfeld geleakt wurde, interpretiert Heitepriem keineswegs so, dass es Unstimmigkeiten in der Koalition geben müsse. Vielmehr sei solch ein Leak durchaus auch ein geeignetes Mittel, um sich vor Bekanntwerden des offiziellen Papiers ein Meinungsbild einzufangen. Und nach der massiven Kritik nach dem Leak an THC-Höchtstgrenzen seien schließlich just diese im offiziellen Papier ab 21 Jahr nicht mehr vorgesehen.

Auch wenn beide davon ausgehen, dass der Markt sich kontinuierlich entwickeln und wachsen werde, nicht von Tag-1 alles stehe, fordern sie eine möglichst effektive Einbindung vorhandener Ressourcen: Suchtberatungsstellen, auch möglichst viele Akteure vom illegalen Markt solle die Teilnahme ermöglicht werden, um Expertise und Wissen zu nutzen.

Bei der Timeline müsse schließlich zweigleisig geplant werden: Einerseits gebe es die politischen Entscheidungswege. Dazu zählen die Entscheidung der EU-Kommission, das Ausarbeiten eines Gesetzesentwurf mit Beteiligung fast aller Ministerien und das Verabschieden des Gesetzesentwurf durch den Bundestag sowie Bundesrat.

Die doppelte Timeline

Andererseits gebe es aber auch den Blick auf die praktizierte legale Wertschöpfungskette: Unternehmen müssten zunächst einmal Kapital für anstehende Investitionen einwerben. Die Politik müsse definieren, welche Kriterien „Fachverkäufer“ erfüllen müssen, wie sie diese zertifiziere. Die Fachverkäufer müssten ausgebildet werden, Unternehmen müssen Räumlichkeiten für ihre Fachgeschäfte anmieten, diese gemäß den noch zu definierenden Kriterien umbauen oder falls zugelassen, die Prozesse für den Online-Handel implementieren. Produzenten müssen Flächen für den Anbau finden, sich für Sorten entscheiden, diese Anbauen.

Eines scheint klar: Jenseits der großen regulatorischen Fragezeichen, so die Quintessenz, steht und fällt der Erfolg der Legalisierung von Cannabis als Genussmittel mit Details. Lisa Haag verrät im Podcast schlussendlich ihren Wunschtermin, an dem das erste Gramm Cannabis als Genussmittel legal über eine deutsche Ladentheke gehen soll.

Bildquellen

  • 221104_Banner_Cannamedical (1): cannamedical
  • krautgeplauder: krautinvest

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