Die deutsche Cannabis-Industrie 2025: Auf der Suche nach Stabilität in volatilen Zeiten

by Redaktion

Wie bewertet die deutsche Cannabis-Industrie 2025? Die Akteure zeigen sich hin und her gerissen. Im medizinischen Markt berichten die Beteiligten von einer sicheren Patientenversorgung trotz rasantem Wachstum, zugleich bangen sie vor den Folgen einer Änderung des MedCanGs. Verantwortliche der Cannabis-Clubs freuen sich, dass 2025 einige Lizenzen erteilt wurden – zugleich bemängeln sie das noch etwas langsame Tempo, mit dem die Clubs an den Start gehen. Und bei den Pilotprojekten erfreuen sich die Beteiligten zwar über rege Unterstützung aus Kommunen, Städten und Wissenschaft – demgegenüber stehen aber die abgelehnten Anträge durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE). 2025 erscheint für viele daher wie ein Jahr im Zwiespalt.

Stabilität

Luc Richner, Co-Founder und CEO Cannavigia resümiert, dass die Legalisierung „kein kurzfristiger PR-Schachzug war, sondern Schritt für Schritt mit Leben gefüllt wird“. Dies gebe „Orientierung, Stabilität und Wachstumsperspektive.“ Cannavigia hat die eigene Plattform 2025 hinsichtlich GACP-, GMP- und GDP-Compliance weiterentwickelt. Auch Finn Hänsel, CEO der Sanity Group, zeigt sich positiv überrascht davon, wie „stabil die medizinische Versorgung mit Cannabis 2025 geblieben ist, und das trotz politischer Unsicherheit und zunehmender regulatorischer Debatten“. Insbesondere digitale Versorgungsmodelle seien in ländlichen Regionen grundlegende Voraussetzung für die Therapie. Hänsel: „Dass dieses System trotz widriger Rahmenbedingungen funktioniert hat, zeigt, wie real der medizinische Bedarf ist und wie professionell große Teile der Branche arbeiten.“

Falk Altenhöfer von Cannabis-Startups berichtet, dass 2025 verschiedene Akteure ihre Geschäftsmodelle professionalisiert haben. Trotz der politischen Unsicherheit seien “Strukturen gereift“. Zudem verweist Altenhöfer auf die bessere Datenlage in Folge des Aufschwungs. Diese Transparenz über Preise, Volumina und Patientensträme habe der Branche gut getan und geholfen, datenbasierte Entscheidungen zu treffen.

Unsicherheit

Trotz mehr Stabilität und Professionalisierung bemängelt Altenhöfer 2025 die „enorme regulatorische Volatilität“. Dadurch seien einige Unternehmen in ein „regelrechtes Gefühlschaos gerutscht“. Finn Hänsel spricht von einer massiven „Planungsunsicherheit“ und warnt vor „drohenden Therapieabbrüchen“ für Patient:innen. Thomas Hauk, Geschäftsführer von Linnaeus Partners, zeigt sich über das Ausmaß der investitionsfeindlichen Unsicherheit überrascht. Diese sei seines Erachtens auch „durch die permanente ‚Rückabwicklungs‘-Rhetorik der Politik geschürt worden“. Internationale und nationale Kapitalgebern habe die Debatte um das Cannabis-Gesetz, Hauk spricht von einem „ideologischen Spielball“, massiv abgeschreckt. Linnaeus Partners ging 2025 an den Start und will Beratung an der Schnittstelle von Wissenschaft und Genetik leisten.

Henry Wieker, Fachbereichs-Koordinator der Bundesarbeitsgemeinschaft Cannabis-Anbauvereinigungen (BCAv), bemängelt daher, „dass unsere Fürstreiter bei der SPD völlig von der Bildfläche verschwunden sind“. Ebenfalls als „leise“ erachtet Kevin Lange von Highperformer420 die SPD beim Thema Cannabis. Andererseits, betont, Dr. Nikolaos Katsaras, Geschäftsführer von GCS – German Cannabis Standard, habe die neue Regierung „nicht überstürzt alles kaputtgemacht, was die Vorgängerregierung auf den Weg gebracht hatte“. GCS baut Cannabis für wissenschaftliche Zwecke unterirdisch an und sammelte 2025 Investorengelder ein, um eine Produktionsstätte für den medizinischen Anbau zu errichten. Zugleich betreibt das Unternehmen mehrere Techprodukte wie unter anderem Cannaflow, eine B2B-Software für Apotheken. Dennoch kritisiert Boris Moshkovits von Alephsana die „anhaltende regulatorische Unklarheit und das zögerliche politische Nachjustieren, insbesondere jenseits des medizinischen Marktes“.

Den auf Cannabis spezialisierten Anwalt Ferdinand Weiß, Partner bei Dr. Engelhard, Weimar & Kollegen, imponiert vor diesem Hintergrund das „Durchhaltevermögen vieler Akteure, die trotz größter Widrigkeiten, Rückschlägen und Steinen, die ihnen in den Weg gelegt werden, weiter kämpfen und sich nicht unterkriegen lassen“. Zugleich kritisiert er „teils dreiste Rechtsbrüche“, die der Politik „Argumente liefern, um erneut nach gesetzlichen Verschärfungen zu rufen.“

Evaluation

Wieker, unter dessen Vorsitz 2025 ein Club in Hannover der Start glückte, spricht von „einer Diffarmierungskampagne – die keine Argumente mehr habe“. Die Ergebnisse der Evaluierung werden seines Erachtens verzerrt. So betont Cansativa auf Linkedin, dass ein Anstieg des Konsums bei Kindern und Jugendlichen nicht festgestellt werden konnte. Auch andere häufig geäußerte Befürchtungen wie etwa „eine Eskalation des öffentlichen Konsums oder deutliche Belastungen für Kommunen“, finden, so die Analyse des Großhändlers, in den bisherigen Daten keine Bestätigung. Antje Feißt, Public Affairs Lead der Sanity Group, verweist zudem auf bereits überraschend deutliche „gesellschaftliche Effekte der Entkriminalisierung“. Drei Viertel der Befragten hätten in einer Erhebung der Frankfurt University of Applied Sciences und der Evangelischen Hochschule Freiburg seit Einführung des Gesetzes keine Angst mehr vor Strafverfolgung.

Anbauvereinigungen

Luc Richner begrüßt, dass bis Mitte 2025 über 350 Anträge von Anbauverinigungen genehmigt worden seien. Strukturen für legales Cannabis etablieren sich seines Erachtens daher „sichtbar“ – „mit echten Vereinen, nicht nur theoretisch“. Als Unternehmen könne man ein „wachsendes, legitimiertes Ökosystem mitplanen und mitgestalten“. Die Beraterin Dr. Shabnam Sarshar hebt hervor, „dass neue Clubs zunehmend in bisher unterversorgten Regionen entstehen und dadurch echte Zugänge und Community-Strukturen geschaffen werden“.

Andererseits schränkt Richner, Geschäfstführer der Track’n’Trace-Lösung mit speziellem Modul für Cannabis Clubs ein, dass de facto nur wenige Anbauvereinigungen bereits selbst aktiv seien. Das sorge dafür, dass der Schwarzmarkt durchaus attraktiv bleibe. Auch Henry Wieker findet, dass sich die Cannabisclubs langsam entwickeln. Florian Pichlmaier, Geschäftsführer von Signature Products verweist hingegen daruf, dass durch gezielte Regulierungs- und Implementierungsschritte der legale Markt bereits deutlich gestärkt sei. Hinsichtlich der Clubs bewertet er das Gesamtbild als „fragmentiert“. „In mehreren Bundesländern wurden bislang keine Lizenzen erteilt oder wegen bau-/behördlicher Hindernisse Anbau und Ausgabe faktisch verhindert.“ Signature Products hat unter anderem mit der „Hanf-App“ eine auf Cannabis-Clubs spezialisierte Software entwickelt.

Medizinischer Markt

Antonia Menzel, Vorstandsvorsitzende des BPC, begrüßt die 2025 hohe Akzeptanz von Medizinalcannabis bei Patient:innen, Ärzt:innen und Apotheken. Sie geht von bereit 15.000 Arbeitsplätzen sowie jährlich 1,5 bis zwei Milliarden Umsatz in der pharmazeutischen Cannabis-Industrie aus. Die aktuell geplanten Reformen beim Medizinalcannabis-Gesetz könnten den Zugang zur Therapie allerdings erschweren sowie Unsicherheit und Druck auf die Geschäftsmodelle erzeugen. Menzel kritisiert am aktuell vorliegenden Entwurf daher die „pauschalen Eingriffe bei Telemedizin und Versand“, die auch „seriöse Versorgungsstrukturen“ treffen und „die Versorgungssicherheit für Patient:innen gefährden. Dem pflichtet Finn Hänsel bei: Statt strukturelle Probleme anzugehen, würde „digitale Zugänge und der qualitätsgesicherte Apothekenversand infrage gestellt“. Menzel warnt entsprechend vor großer Unsicherheit für einen bislang stabilen Versorgungsbereich. Auch aus Sicht von Steffen Geyer kam es 2025 trotz „immensen Wachstums der Nachfrage“ zu keinen Versorgungsengpässen in Apotheken. Boris Moshkovits, Co-Founder von Alephsana, spricht von einer gewachsenen „Apothekenlandschaft“ – alleine der von ihm mitgegründete Großhändler beliefere inzwischen 1.000 Apotheken. Angesichts dieser Entwicklung handele es sich nicht mehr um ein „Übergangsphänomen“, sondern um einen „belastbaren Markt“. Er bemängelt aber den zunehmenden Preisdruck ohne klare Qualitäts- und Evidenzstandards.

Niklas Kouparanis, Co-Founder und CEO der Bloomwell Group, verweist auf den Epidemiologischen Suchtsurvey, demzufolge es inzwischen 1,4 Millionen Cannabis-Patient:innen in Deutschland geben könne. Laut Kouparanis mit Blick auf die „potenziellen Indikationen, bei denen medizinisches Cannabis eingesetzt werden kann, eigentlich immer noch viel zu wenig“. Zudem schreibt er gegen Jahresende auf Linkedin mit Hinblick auf die eingeleitete Reklassifizierung von Cannabis in den USA aus Klasse | nach Klasse III auf mögliche neue Investments und mehr Forschung. Insgesamt sei 2025 ein „Härtetest“ für die gesamte Branche gewesen.

Für Thomas Hauk war im Medizinalcannabis-Markt die positive Überraschung 2025 der „Durchbruch inhalierbarer Extrakte und zertifizierter Applikationsformen“. Lange sei Deutschland ein reiner Blüten-Markt gewesen, doch dieses Jahr „haben wir einen Reifeprozess hin zu echter pharmazeutischer Innovation erlebt“, so Hauk. Entscheidend sei dafür der Schritt zu geschlossenen Systemen mit als Medizinprodukt zertifizierten Vaporisatoren gewesen. Demecan verweist in einem Linkedin-Post unter anderem auf ein Frischextrakt nach dem Live Rosin Verfahren sowie Kooperationen zur Herstellung von THC-Gummies.

Abgelehnte Pilotprojekte

Richner bemängelt, dass die Kommerzialisierung weitgehend blockiert werde. Der zweite Baustein der Reform, der regulierte Verkauf über Fachgeschäfte oder Apotheken wird derzeit nicht umgesetzt. Katsaras bedauert daher, dass Konsumenten „nach wie vor Cannabis als Genussmittel nicht einfach über qualifizierte Einzelhandelsgeschäfte“ beziehen können. Unnötig viele beziehen dieses, so Katsaras, daher immer noch über den Schwarzmarkt auf der Straße.

Antje Feist zeigt sich dennoch beeindruckt vom „starken Rückhalt für wissenschaftliche Cannabis-Pilotprojekte bei Kommunen, Wissenschaft und Verbänden“. Um so mehr kritisiert sie die erfolgten Ablehnungen, nach „intensiven fachlichen Nachfragen und erheblichem Zeit- und Ressourceneinsatz“ – und das obwohl Wissenschaft und Städte „jederzeit gesprächsbereit“ gewesen seien.

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