Ein Gastbeitrag von Maximilian Plenert, Geschäftsführer, Patientenvertreter und Koordinator des Cannabis Selbsthilfe Netzwerks
Die sogenannte „Finanzkommission Gesundheit“ legt ihren Reformbericht zur Stabilisierung der GKV vor. 66 Vorschläge gegen ein Milliardenloch – und mittendrin Empfehlung 42: Cannabisblüten sollen komplett aus der Erstattung gestrichen werden. Begründet als wirtschaftlich sinnvoll und qualitativ überlegen.
Ich beschäftige mich seit über 20 Jahren mit Cannabis, bin Patient, Patientenvertreter und äußere mich regelmäßig öffentlich zur medizinischen Versorgungslage. Und ich sage klar: Das ist kein Sparvorschlag. Das ist ein systematischer Angriff auf die Versorgung Schwerkranker – auf Basis falscher Annahmen.
Die Argumentation der Kommission wirkt auf den ersten Blick sauber: zu wenig Evidenz, schwankende Wirkstoffgehalte, angeblich bessere Alternativen in Form standardisierter Extrakte. Daraus wird eine Einsparung von bis zu 180 Millionen Euro konstruiert. Das Problem: Diese Rechnung hält einer fachlichen Prüfung nicht stand.
Die zugrunde gelegten Kalkulationen ignorieren zentrale Faktoren wie den tatsächlichen Wirkstoffgehalt und die Bioverfügbarkeit. Wer Cannabisblüten durch Extrakte ersetzt, bekommt nicht die gleiche Therapie – sondern eine andere, meist weniger steuerbare und in der Praxis oft deutlich teurere. Rechnet man sauber auf Wirkstoffbasis, zeigt sich: Extrakte sind bei vergleichbarer Wirkung häufig ein Vielfaches teurer.
Gleichzeitig wird ausgeblendet, dass inhalative Anwendungen für viele Patienten – etwa bei akuten Symptomen – medizinisch notwendig sind. Diese Versorgungsrealität einfach zu streichen, ist kein ökonomischer Schritt, sondern ein politischer.
Und hier wird es wirklich absurd: Während man bereit ist, die Versorgung komplett zu kappen, ignoriert die Politik die naheliegendste Lösung vollständig – die Anpassung der völlig überholten Erstattungssystematik.
Die aktuellen Preise, die gesetzliche Krankenkassen für Cannabisblüten zahlen, haben mit dem realen Markt kaum noch etwas zu tun. Sie basieren auf veralteten Annahmen und regulatorischen Konstruktionen wie der Hilfstaxe, die heute zu massiven Überzahlungen führen. Während Patienten im Selbstzahlermarkt längst zu deutlich niedrigeren Preisen versorgt werden, zahlt die GKV oft ein Vielfaches – systembedingt.
Und genau diese Lösung liegt längst auf dem Tisch.
Als Vertreter des Cannabis Selbsthilfe Netzwerks habe ich bereits im Januar 2026 in einer Stellungnahme für den Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages explizit gefordert, die GKV-Erstattungspreise an die Marktrealität anzupassen und den heimischen Anbau zu stärken. Die Daten sind eindeutig: Ein Großteil der Blütensorten ist bereits heute für unter 10 Euro pro Gramm verfügbar, viele sogar deutlich darunter – während die Kassen weiterhin mit überholten Festbeträgen arbeiten.
Das bedeutet konkret:
Nicht die Therapie ist zu teuer – das System ist falsch eingestellt. Eine realistische Deckelung der Erstattungspreise auf Marktniveau würde sofort wirken. Ohne neue Bürokratie, ohne Versorgungsbruch, ohne ideologische Debatten. Die Marktentwicklung zeigt klar: Einsparungen von bis zu 50 % sind möglich – ohne einem einzigen Patienten die Therapie zu entziehen.
Das ist der entscheidende Punkt: Man kann sparen, ohne zu zerstören. Oder man kann zerstören und es Sparen nennen. Die Finanzkommission hat sich offensichtlich für Letzteres entschieden. Dass diese offensichtliche Option im gesamten Reformbericht nicht einmal ernsthaft diskutiert wird, ist kein Versehen. Es zeigt, wie gesundheitspolitische Entscheidungen aktuell getroffen werden: nicht entlang der Versorgungsrealität, sondern entlang von Narrativen.
Als jemand, der selbst betroffen ist und täglich mit anderen Patienten spricht, sehe ich die Konsequenzen sehr konkret. Für viele ist Cannabis keine Lifestyle-Option, sondern die letzte funktionierende Therapie. Wer sie streicht, nimmt nicht Kosten aus dem System – sondern Stabilität aus dem Leben von Menschen. Deshalb ist die Forderung so simpel wie unbequem: Wenn Sie die GKV sanieren wollen, dann korrigieren Sie die Preise – nicht die Patienten aus dem System.
Oder noch klarer: Wer eine funktionierende, günstigere Therapie streicht, statt ein fehlerhaftes Preissystem zu korrigieren, handelt nicht wirtschaftlich – sondern politisch. Reformieren Sie das System. Lassen Sie die Patienten in Ruhe.

