Cannabis-Gesetz: Wie viele Menschen müssen wir nicht mehr unnötig bestrafen?

by Gastautor

Ein Gastbeitrag von Natascha Barz. Dieser Beitrag beruht auf einer Rede im Rahmen der Hanfparade am 8. August 2026 über gute Polizeiarbeit, Entkriminalisierung und eine menschenrechtsbasierte Drogenpolitik.

Das Motto der Hanfparade 2026 lautete: Gerecht. Gesund. Genießen. Diese drei Worte möchte ich mit Leben füllen. Beginnen möchte ich mit dem ersten: Gerecht.

Viele erwarten vielleicht, dass ich heute über Cannabis spreche. Ich möchte stattdessen über Polizei sprechen. Über gute Polizeiarbeit.

Denn ich glaube: Eine moderne Polizei misst ihren Erfolg nicht daran, wie viele Strafanzeigen sie schreibt. Sie misst ihren Erfolg daran, dass sie Sicherheit schafft. Deshalb freue ich mich über eine Entwicklung, die zunächst vielleicht ungewohnt klingt: Weniger Strafverfahren können eine gute Nachricht sein.

Das ist übrigens nicht nur ein Gefühl. Die Polizeiliche Kriminalstatistik zeigt inzwischen sehr deutlich: Die Zahl der registrierten Cannabisdelikte ist bundesweit um deutlich mehr als die Hälfte zurückgegangen.

Vor der Reform entfielen rund zwei Drittel aller registrierten Rauschgiftdelikte auf Cannabis. Heute beschäftigen diese Verfahren Polizei und Justiz deutlich weniger. Und genau das schafft Freiräume. Freiräume für die Aufgaben, für die Polizei eigentlich da ist. Menschen schützen. Opfern helfen. Gewalt verhindern. Organisierte Kriminalität bekämpfen.

Wenn weniger Menschen kriminalisiert werden, obwohl von ihnen keine konkrete Gefahr ausgeht, wenn Gerichte entlastet werden, wenn Polizei ihre Zeit dort einsetzen kann, wo Menschen tatsächlich Hilfe brauchen, dann ist das für mich ein Gewinn. Nicht nur für Bürgerinnen und Bürger. Sondern auch für unseren Rechtsstaat.

Damit komme ich zurück zu unserem Motto. Gerecht.

Gerechtigkeit bedeutet für mich nicht, möglichst viele Verstöße zu finden. Gerechtigkeit bedeutet, mit Augenmaß zu handeln. Verhältnismäßigkeit ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist eine Stärke unseres Rechtsstaates.

Nach zwei Jahren Cannabisgesetz sehen wir: Nicht jede Befürchtung ist eingetreten. Aber wir sehen auch: Noch längst ist nicht alles erreicht. Ich wünsche mir, dass der Geist dieses Gesetzes überall ankommt. Denn: Ein Gesetz entfaltet seine Wirkung erst dann vollständig, wenn auch sein Geist umgesetzt wird.

Der Gesetzgeber wollte Entkriminalisierung. Die Zahlen zeigen: Die Entkriminalisierung hat ihr wichtigstes Ziel erreicht – sie hat sehr viele Bürgerinnen und Bürger aus der strafrechtlichen Verfolgung herausgenommen und Polizei und Justiz spürbar entlastet.

Deshalb wünsche ich mir, dass wir diesen Erfolg nicht kleinreden, sondern anerkennen. Ich wünsche mir für die Beschäftigten der Polizei, dass sie die Zeit und die personellen Ressourcen bekommen, sich auf das konzentrieren zu können, wofür sie ihren Beruf gewählt haben: Menschen schützen. Opfern helfen. Gewalt verhindern. Organisierte Kriminalität bekämpfen. Natürlich müssen Gesetze angewendet werden. Aber genauso wichtig ist die Frage:

Welchem Zweck dient eine Kontrolle? Erhöht sie tatsächlich die Sicherheit? Oder bindet sie Ressourcen, die an anderer Stelle dringender gebraucht würden? Diese Frage sollten wir uns immer wieder stellen dürfen.

Als LEAP Deutschland wünschen wir uns keine Polizei, die ihren Erfolg daran misst, möglichst viele Cannabiskonsumenten oder Ordnungswidrigkeiten zu finden. Wir wünschen uns eine Polizei, die ihren Erfolg daran misst, möglichst viele Menschen zu schützen. Das ist kein Widerspruch. Im Gegenteil. Genau DAS ist gute Polizeiarbeit.

Damit komme ich zum zweiten Begriff unseres Mottos. Gesund.

Als Cannabispatientin weiß ich aus eigener Erfahrung, dass hinter diesem Wort Menschen stehen. Menschen mit chronischen Schmerzen. Menschen mit neurologischen Erkrankungen. Menschen mit Krebs. Menschen mit Epilepsie. Menschen mit Tourette-Syndrom. Und viele andere, deren Lebensqualität durch Cannabis verbessert werden kann.

Deshalb wünsche ich mir, dass Patientinnen und Patienten nicht ständig neue Hürden überwinden müssen. Eine moderne Gesundheitspolitik sollte medizinische Entscheidungen auf wissenschaftlicher Grundlage ermöglichen – und sie nicht durch unnötige bürokratische Hürden erschweren.

Gesund bedeutet auch, Menschen ernst zu nehmen. Ihre Erkrankungen. Ihre Erfahrungen. Und ihre Lebensqualität.

Und schließlich: Genießen.

Für manche Menschen bedeutet genießen ein Glas Wein. Für andere ein gutes Essen. Für wieder andere einen ruhigen Abend mit Freunden.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die verantwortungsvolle Entscheidungen erwachsener Menschen respektiert, solange dadurch keine anderen gefährdet werden. Genuss und Verantwortung schließen sich nicht aus. Sie gehören zusammen. Und damit komme ich zurück zu unserem Motto.

Gerecht. Gesund. Genießen.

Ich glaube, diese drei Worte beschreiben nicht nur das Motto der Hanfparade. Sie beschreiben auch den Weg, den wir weitergehen sollten. Mit Wissenschaft statt Vorurteilen. Mit Dialog statt Polarisierung. Mit Augenmaß statt Reflexen. Mit Menschlichkeit statt Stigmatisierung.

Und vielleicht sollten wir aufhören, den Erfolg eines Gesetzes daran zu messen, wie viele Menschen wir bestrafen. Vielleicht sollten wir ihn daran messen, wie viele Menschen wir nicht mehr unnötig bestrafen müssen.

Denn am Ende geht es nicht um Cannabis. Es geht um Menschen. Und genau deshalb lohnt es sich, weiter für eine gerechte, gesunde und vernünftige Drogenpolitik einzutreten.

Über Natascha Barz

Natascha Barz ist Vorständin von LEAP Deutschland und Polizeibeamtin. Auf der Hanfparade hat sie als Vorständin von LEAP Deutschland und als Privatperson gesprochen. krautinvest.de wurde genehmigt, ihre Rede in schriftlicher Form im Nachgang zu publizieren.

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