Der Tenor auf der Cannabis Europa zur Entwicklung der Cannabis-Industrie in Deutschland

by Moritz Förster

Auf der Cannabis Europa diskutierten Führungskräfte aus der europäischen und nordamerikanischen Cannabis-Industrie über die aktuelle Marktsituation. Der Blick richtete sich auch insbesondere auf Deutschland, dort vor allem auf das Geschehen rund um Medizinalcannabis. Insgesamt herrschte viel Optimismus, trotz des gegenwärtigen Drucks auf die Margen angesichts sinkender Preise.

David Henn, Gründer und Geschäftsführer von Cannamedical, bezeichnete den deutschen Medizinalcannabis-Markt als „Bull-Market“, die Skeptiker seien eines Besseren belehrt worden. Benedikt Sons, Geschäftsführer und Mitgründer von Cansativa, verwies ergänzend dazu darauf, dass der illegale Markt 800 Tonnen groß sei. Das Wachstum und das gute Momentum dürften also noch anhalten. Franziska Katterbach, Partner bei Oppenhoff, betonte, dass dies auch an der funktionierenden Regulierung in Deutschland liege. Deutschland habe in dem Fall vieles richtig gemacht. Henn geht von mehr als fünf Millionen potenzieller Cannabis-Patienten in Deutschland aus.

Preisdruck

Allerdings kommt das Wachstum nicht allen Akteuren gleichermaßen zu gute. Henn bestätigte, dass die Margen der Großhändler unter Druck geraten sind, sie etwa 80 Prozent niedriger sind als noch 2016. Ähnliches sei aber in jedem legalen Markt in der Welt gleichermaßen bisher passiert. Der Trend berge zudem den Vorteil, dass mehr Patient:innen aus illegalen Strukturen in den legalen Markt wechseln, je günstiger sie dort versorgt werden. Große, bereits etablierte Großhändler hätten in solchen Phasen laut Henn einen Vorteil, da sie schneller wachsen könnten. Bereits jetzt würden 90 Prozent des Marktes von eher wenigen Firmen bedient.

Auch Niklas Kouparanis, Mitgründer und Geschäftsführer der Bloomwell Group, ging davon aus, dass sechs bis zehn Großhändler einen Großteil der Patienten in Deutschland versorgen. In Zeiten sinkender Margen, sei es nun erforderlich, eine Marke aufzubauen. Auch er verwies auf den stark wachsenden Markt in Zeiten sinkender Preise. Für Cansativas Sons spielen in diesem Marktumfeld Liquidität, gute Einkaufspreise und eine gute Verhandlungsposition sowie Qualität eine zentrale Rolle. Großhändler könnten seines Erachtens auch im jetzigen Marktumfeld profitabel agieren.

Liquidität

Beim Thema Liquidität und Working Capital fielen die Meinungen differenziert aus. Katterbach betonte, dass jeder Akteur in der Lieferkette am liebsten im Vorfeld bezahlt werde. Es stelle sich daher die Frage, wer wessen Bank sei. Glücklicherweise würden sich immer mehr Banken offen zeigen, auch mit Medizinalcannabis-Firmen zu kooperieren – zumindest mit den größten Firmen, denn Kredite unter 20 Millionen Euro seien eher irrelevant. Henn verwies darauf, dass bereits etliche Banken in der Medizinalcannabis-Branche aktiv seien. Für profitable Geschäfte sei es seines Erachtens keine große Herausforderung Working Capital zu generieren. Kouparanis betonte, dass man als Plattform kein Working Capital benötige. Die Margen seien zudem im Gegensatz zum Großhandel gewachsen.

Übernahmen

Mit Blick auf die Übernahmen der letzten Wochen erklärten Henn und Katterbach unisono, dass die großen Deals erst noch anstehen. Man befinde sich, so Henn, schließlich noch in einer sehr frühen Phase. In den nächsten fünf Jahren werde man noch viel Wachstum erleben. Wenig Verständnis hat er für Unternehmer, die aktuell verkaufe. Ein Deal basierend auf einem Jahresumsatz von einer Milliarde bringe seines Erachtens schließlich mehr als basierend auf hundert Million Euro. Zudem verwies er auf die Kombination von Großhandel und Kultivierung, die besonders interessant sei. Kouparanis erklärte, es gehe aktuell vor allem um den erzielten Gewinn. Für Plattformen forderte er eine Bewertung analog zu Tech-Unternehmen anderer Branchen. Sons ergänzte, dass Profitabilität deutlich wichtiger sei heutzutage als Umsatz, der neben dem Marktanteil und dem Team aber auch eine Rolle spiele.

Raj Grover, Gründer und CEO des kanadischen Konzerns High Tide, betonte, dass strategische Käufer auf den Cash-Flow schauen, nicht mehr so sehr auf das „Narrativ“. Es gebe aber noch immer eine Lücke bei der Bewertung zwischen potenziellen Verkäufern und Käufern. Potenzielle Käufer würden Gewinner bevorzugen, nicht mehr so sehr an „Turnaround“-Geschichten glauben. Es gehe um operative Exzellenz mit einem starken Fokus auf den Heimatmarkt. Man müsse gute Beziehungen zu Apotheken vorweisen. Der Hype sei vorbei, es gehe um Profitabilität. Laut des Investment-Bankers Brian Rose (Moelis) lag der Fokus bei Übernahmen während des „Green Rushs“ auf Lizenzen, inzwischen gehe es um fundamentale Dinge. Zudem seien M&As nicht per se gut. Es gehe darum, echten Mehrwert zu erzeugen. Firmen richtig zu integrieren, sei häufig wichtiger, als sie zu kaufen.

Philip Schetter, CEO der Cantourage Group, mahnte an, dass es aber nicht nur um Kapital gehe, sondern auch um strategische Partnerschaften, gerade mit Blick auf die USA oder Kanada. Er nannte aber auch einige Hürden: Kanadische Akteure hätten in der Vergangenheit viel Geld in Deutschland verloren. In der Pharma-Branche schrecke weiter die anhaltende Stigmatisierung von Cannabis ab. Dennoch stammen für Finn Hänsel, Gründer und CEO der Sanity Group, potenzielle Käufer deutscher Cannabis-Firmen aus den Bereichen Konsumgüter, darunter auch Tabak, Pharma oder auch selbst aus der Cannabis-Industrie in Nordamerika. Für Pharma sei es allerdings immer noch ein großer Schritt, eine Cannabis-Firma zu übernehmen. Zudem stimmte er Schetter zu, dass kanadische Konzerne in der Vergangenheit bereits viel Kapital in Deutschland verloren haben. In den USA sei der Markt dagegen gesättigt, so dass sich Cannabis-Firmen dort wieder verstärkt wachsenden Märkten zuwenden könnten. Allerdings sei das regulative Umfeld in anderen regionalen Märkte auch für etablierte US-Unternehmen herausfordernd. Zudem könnten US-Unternehmen noch kein Medizinalcannabis aus den USA nach Europa exportieren, zumindest aber mit einer Marke Fuß fassen.

Grover begrüßte zudem, dass sich die Lieferkette und Infrastruktur in Deutschland inzwischen etabliert haben. Er prognostiziert, dass die öffentliche Wahrnehmung sich zugunsten von Cannabis verändern werde. Wechselnde Regierungen könnten einen Einfluss habe, aber langfristig sei der Geist aus der Flasche entwichen.

Moritz Förster hat sich mit MJ Content & Communications auf die Kommunikation für Organisationen in der Cannabis-Branche spezialisiert und verantwortet krautinvest.de redaktionell seit 2017.

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