Ein Gastbeitrag von Boris Moshkovits
Bei der Cannabis Europa 2026 in London hatte ich das Glück, noch vor Beginn des offiziellen Programms auf der Canna VIP Stage ein kurzes Briefing zu präsentieren. Der Ort war fast unwirklich idyllisch: eine kleine Bühne mitten im Botanischen Garten des Barbican Centre. Und genau dort wurde mir klar, was diese Veranstaltung besonders macht.
Cannabis Europa ist keine Messe, die sich über Lautstärke, Größe oder Quadratmeter definiert. Sie ist kleiner. Intimer. Konzentrierter. Man sieht sich in die Augen. Man hört einander zu. Und oft entstehen gerade abseits der großen Panels, auf den kleineren Bühnen oder in Gesprächen zwischen zwei Programmpunkten jene Momente, in denen nicht nur Euphorie geteilt wird, sondern auch Zweifel, Erfahrungen und echte Fragen.
Hinter Cannabis Europa steht mit Stephen Murphy und Prohibition Partners ein Team, das seit Jahren versucht, die Branche nicht nur zu feiern, sondern auch zu analysieren. Es geht nicht nur um große Ankündigungen und optimistische Wachstumsfolien. Es geht darum, den Dingen auf den Grund zu gehen: im Theater des Barbican Centre, auf den kleineren Bühnen, verteilt über die Etagen dieses besonderen Kulturzentrums, und manchmal eben auch in den Gesprächen dazwischen.
Inmitten von Kunst, Kino, Architektur und gesellschaftlichem Diskurs entsteht ein Rahmen, der der Branche guttut. Cannabis wird hier nicht nur als Produkt, Rohstoff oder Investment Case verhandelt, sondern als gesellschaftliches, medizinisches, regulatorisches und wirtschaftliches Thema.
Ich sprach über den deutschen Medizinalcannabis-Markt: über Dynamik, Chancen und Wachstum. Aber auch über die Dinge, die im Lärm der Euphorie leicht untergehen.
Denn ja: Der deutsche Markt wächst. Es wird Volumen bewegt. Es wird Geld bewegt. Unternehmen, Investoren, Produzenten und Dienstleister schauen nach Deutschland, weil hier gerade etwas entsteht, das weit über Deutschland hinaus Bedeutung hat.
Aber Wachstum allein ist noch kein Beweis für einen gesunden Markt. Deutschland ist gerade nicht nur Europas Hoffnungsträger. Deutschland ist Europas Stresstest. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Wie groß kann dieser Markt werden? Die entscheidende Frage lautet: Welche Art von Markt bauen wir gerade?
Deutschland als Motor und Stresstest
Deutschland ist, ob gewollt oder nicht, zu einem Motor des europäischen Medizinalcannabis-Marktes geworden. Für viele internationale Produzenten ist Deutschland mittlerweile der wichtigste Zielmarkt in Europa. Kein anderes Land nimmt derzeit so viel Medizinalcannabis aus aller Welt auf.
Das macht den Markt spannend. Und verletzlich.
Denn dieselbe Dynamik, die Hoffnung weckt, erzeugt auch Druck. Auf der einen Seite stehen Wachstum, Patientenzugang, Professionalisierung und internationale Aufmerksamkeit. Auf der anderen Seite stehen fallende Preise, schrumpfende Margen, steigende Anforderungen und immer mehr Anbieter.
Der Markt hat sich kaum richtig entfalten können und steht bereits unter Konsolidierungsdruck. Unternehmen, die die Konsolidierung anderer Cannabismärkte erlebt oder überlebt haben, schauen nun nach Deutschland. Sie suchen Zugang, Volumen, Marktanteile, Infrastruktur und Übernahmeziele.
Das ist nicht per se schlecht. Kapital kann helfen. Professionalisierung ist notwendig. Skalierung wird in Teilen der Wertschöpfungskette unvermeidbar sein. Aber Kapital ist nie neutral.
Es bringt Erwartungen mit. Zeithorizonte. Renditelogiken. Und damit prägt es nicht nur einzelne Unternehmen, sondern die Struktur des gesamten Marktes.
Wenn am Ende nur wenige große Player übrig bleiben, wenn vertikale Integration zur wichtigsten Überlebensstrategie wird und wenn Preisführerschaft wichtiger wird als Qualität, Versorgungssicherheit, Nachhaltigkeit und Vielfalt, dann sollten wir später nicht sagen, wir hätten es nicht kommen sehen.
Der Preis ist nicht die einzige Wahrheit
Natürlich ist es kurzfristig attraktiv, dem Preisdruck nachzugeben. Natürlich klingt es patientenfreundlich, wenn pharmazeutische Blüten günstiger werden. Und selbstverständlich ist ein reguliertes medizinisches Produkt besser als verunreinigte Ware vom Schwarzmarkt.
Aber ein Markt, der sich allein über den niedrigsten Preis definiert, beschädigt irgendwann seine eigene Grundlage.
Unter einem bestimmten Preisniveau wird es schwierig, nachhaltige Geschäftsmodelle aufzubauen. Schwierig für Produzenten, die pharmazeutische Qualität liefern sollen. Schwierig für Importeure, die regulatorische Verantwortung tragen. Schwierig für Apotheken, die Beratung, Versorgung und Verfügbarkeit sicherstellen. Und am Ende auch schwierig für Patientinnen und Patienten, wenn Vielfalt, Qualität und Verlässlichkeit unter Druck geraten.
Preiszugang ist wichtig. Aber Preis allein ist noch kein Versorgungssystem.
Wenn medizinisches Cannabis als ernstzunehmende Therapieoption etabliert werden soll, muss die Branche selbst ernsthaft bleiben. Dazu gehört, über Qualität zu sprechen. Über Transparenz. Über Rückverfolgbarkeit. Über Patientensicherheit. Über faire Margen entlang der Wertschöpfungskette.
Und auch über die Rolle von Telemedizin, Apotheken, Importeuren, Produzenten und Plattformen.
Denn der Markt entsteht nicht abstrakt. Er entsteht durch Entscheidungen. Durch Einkaufsstrategien. Durch Preislisten. Durch Investorengespräche. Durch Partnerschaften. Durch das, was wir akzeptieren, und durch das, was wir nicht akzeptieren.
Euphorie braucht Widerspruch
Die Grundstimmung in London war euphorisch: Wachstum, Internationalisierung, neue Produkte, neue Märkte, neue Chancen. Nach Jahren regulatorischer Unsicherheit ist dieser Aufbruch verständlich. In Teilen ist er sogar überfällig.
Aber ich habe in London auch erlebt, dass es möglich ist, andere Fragen zu stellen. Nicht nur: Wie groß kann dieser Markt werden?
Sondern auch: Wie gesund wächst er? Wer trägt am Ende Verantwortung? Welche Strukturen entstehen gerade? Und was verlieren wir, wenn der Markt schneller konsolidiert, als er reifen kann?
Cannabis Europa bot in diesem Raum für Euphorie, aber auch für Zwischentöne. Für Gespräche, in denen man nicht sofort als Bremser gilt, nur weil man auf Margendruck, Qualitätsfragen, Überversorgung oder die Folgen kurzfristiger Kapitalinteressen hinweist.
Man kann optimistisch sein und trotzdem kritisch bleiben. Man kann Wachstum begrüßen und gleichzeitig vor Überhitzung warnen. Man kann Kapital brauchen und dennoch fragen, welches Kapital welche Folgen hat. Und man kann Professionalisierung wollen, ohne Vielfalt, Qualität und den ursprünglichen Anspruch der Branche preiszugeben.
Die Branche wird erwachsen
Die Cannabisbranche in Europa steht nicht mehr ganz am Anfang. Aber sie ist auch noch nicht erwachsen.
Gerade in Deutschland wird sichtbar, welche Fragen sich der europäische Markt insgesamt stellen muss: Wie lassen sich Zugang, Qualität und Wirtschaftlichkeit verbinden? Wie verhindern wir, dass die Branche zwischen Preisdruck, regulatorischer Unsicherheit und kurzfristigen Exit-Strategien zerrieben wird? Wie schaffen wir einen Markt, der Patientinnen und Patienten dient, ohne die Unternehmen zu zerstören, die ihn versorgen sollen?
Die Branche wird jetzt nicht daran gemessen, wie schnell sie wächst. Sondern daran, ob sie einen Markt baut, der diesen Wachstumsschub überlebt. Und manchmal ist genau das der Anfang einer reiferen Branche.
Über den Autor
Boris Moshkovits ist Co-Founder von Alephsana, erster stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Medizinalcannabis Gesellschaft e.V. und er beobachtet den europäischen Medizinalcannabis-Markt seit dessen früher Entwicklungsphase.
Disclaimer: Gastbeiträge müssen nicht die Meinung der Redaktion widerspiegeln.

