Ein Beitrag von Stephan König
Über 50 Jahre und 230 Milliarden Euro später ist es Zeit für eine Neubewertung. Der War on Drugs als Investment Case ohne Return.
Die politische Debatte rund um Cannabis ist paradox. Während zahlreiche internationale Erfahrungen, ökonomische Analysen und sicherheitspolitische Bewertungen längst zeigen, dass Regulierung funktionierende Alternativen zum Verbot schaffen kann, scheint diese Erkenntnis in Teilen der gesellschaftlichen Mitte und insbesondere im konservativen politischen Spektrum weiterhin kaum anzukommen.
Statt einer nüchternen Bewertung realer Ergebnisse wird die Diskussion häufig erneut entlang vertrauter Reflexe geführt. Zweifel werden wiederholt formuliert, Grundsatzfragen neu gestellt, bekannte und vor allem falsche Argumente erneut aufgerufen. Offenbar braucht es immer wieder neue Perspektiven, um ein Thema zu betrachten.
Zeit für einen Perspektivwechsel
Was passiert, wenn man den sogenannten War on Drugs nicht als gesellschaftlichen Konflikt versteht, sondern als das, was er über Jahrzehnte faktisch auch gewesen ist: ein staatliches Großprojekt mit klar definierten Zielen, messbaren Ergebnissen und erheblichem Kapitaleinsatz?
Es ist hilfreich, ein Thema aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten, um ein möglichst vollständiges Bild zu bekommen. Ein Perspektivwechsel kann helfen, bekannte Sachverhalte anders zu ordnen und neu zu bewerten. Also tun wir einmal so, als hätten wir es beim Krieg gegen Drogen nicht vor allem mit viel menschlichem Leid, Ideologien, Weltbildern oder historischen Altlasten zu tun. Sondern allein mit einem wirtschaftlichen Projekt.
Wir betrachten den War on Drugs als das, was er faktisch auch ist: ein langfristiges, öffentlich finanziertes Projekt – ein Investment Case. Ein Investment folgt einer einfachen Logik. Es braucht ein Ziel. Es braucht Kennzahlen, an denen sich dieses Ziel messen lässt. Und es braucht Kapital.
Viele Ziele und keine Erfolge
Der War on Drugs ist von Anfang an klar ausgerichtet: Der illegale Drogenmarkt soll zurückgedrängt werden. Das Angebot soll reduziert, die Nachfrage gesenkt werden. Nicht kurzfristig, sondern dauerhaft.
Aus diesem Ziel ergeben sich folgende Fragen: Ist der Schwarzmarkt geschrumpft? Gibt es weniger Konsumentinnen und Konsumenten? Sind weniger Drogen verfügbar? Bevor wir uns mit diesen Punkten beschäftigen noch zu einer anderen essentiellen Frage, die jedes Investment begleitet: Was kostet es?
Nimmt man die konservative Ausgabenschätzung der öffentlichen Hand für illegale Drogen in Deutschland (2006: 5,2–6,1 Mrd. €) und rechnet sie als konstanten Anteil am BIP über die Jahrzehnte zurück, landet man seit Anfang der 1970er bis 2024 bei grob 230 – 270 Milliarden Euro. Das ist keine dramatische Zuspitzung, sondern eine Modellrechnung – vorsichtig angesetzt.
Damit sind Ziel und Kapitaleinsatz definiert. Der nächste Schritt jedes Investment-Cases ist eindeutig: der Abgleich von Ziel und Ergebnis. Das erste Ziel: Eindämmung des Schwarzmarktes. Der illegale Drogenmarkt in Deutschland gehört heute zu den größten in Europa. Schätzungen gehen von einem jährlichen Umsatz im zweistelligen Milliardenbereich aus. Über die Zeit ist dieser Markt nicht kleiner geworden. Er ist gewachsen – parallel zur Bevölkerungsentwicklung, zur Kaufkraft und zur internationalen Vernetzung.
Ein Markt, der über mehr als fünfzig Jahre hinweg trotz massiver Repression nicht schrumpft, sondern stabil bleibt oder expandiert, hat aus funktionaler Sicht eine klare Eigenschaft: Er ist resilient.
Das Ziel, den Schwarzmarkt zurückzudrängen, wurde nicht erreicht.
Das zweite Ziel: Eine Reduktion der Zahl der Konsumentinnen und Konsumenten. Auch hier zeigt sich kein struktureller Erfolg. Bevölkerungsbasierte Erhebungen zeigen seit Jahrzehnten ein relativ konstantes Niveau. Es gibt Verschiebungen zwischen Altersgruppen, Substanzen und Zeiträumen. Es gibt Ausschläge. Aber es gibt keinen nachhaltigen Rückgang, der auf eine systematische Zielerreichung hindeuten würde.
Gerade beim größten Marktsegment, Cannabis, sprechen die Daten von mehreren Millionen Konsumierenden in Deutschland. Über lange Zeiträume hinweg bleibt diese Zahl stabil. Das erklärte Ziel, Nachfrage dauerhaft zu senken, spiegelt sich in der Entwicklung nicht wider.
Das dritte Ziel: Die Reduktion der Produktverfügbarkeit. Auch dieses Ziel wurde verfehlt. Illegale Substanzen sind kontinuierlich verfügbar. Lieferketten funktionieren. Preise sind über Jahre hinweg stabil geblieben oder inflationsbereinigt gesunken. Gleichzeitig ist bei vielen Substanzen eine steigende durchschnittliche Reinheit zu beobachten.
Aus ökonomischer Perspektive sind das klassische Anzeichen für einen florierenden Markt mit ausreichendem Angebot und Wettbewerb. Eine nachhaltige Verknappung, wie sie Ziel dieses Projekts war, lässt sich daraus nicht ableiten.
Der Schwarzmarkt wurde nicht eingedämmt. Die Nachfrage wurde nicht reduziert. Die Verfügbarkeit wurde nicht eingeschränkt. Und das nach mehr als fünf Jahrzehnten Intervention und einem Kapitaleinsatz von mehreren hundert Milliarden Euro.
Zeit für einen anderen Weg
Im Vokabular eines Investment-Cases ist die Bewertung eindeutig: Die definierten Ziele wurden nicht erreicht. Die Kennzahlen entwickeln sich nicht in die gewünschte Richtung. Der eingesetzte Kapitaleinsatz erzeugt keine strukturelle Wirkung.
Stellen wir uns ein Unternehmen vor. Seit fünfzig Jahren investiert es Jahr für Jahr erhebliche Summen in ein Projekt. Die Ziele sind klar formuliert. Die Kennzahlen liegen auf dem Tisch. Und dennoch: Kein einziges der Kernziele wird erreicht. Nicht einmal ansatzweise.
Der Umsatz im relevanten Bereich sinkt nicht. Die Nachfrage bricht nicht ein. Das Produkt, das man eigentlich verdrängen wollte, ist überall verfügbar. Und trotzdem tritt jedes Jahr dieselbe Entscheidung wieder in Kraft: Wir machen weiter! Noch ein Jahr! Wird schon! Hat über Jahre nicht funktioniert, aber wir bleiben dran. Wahrscheinlich braucht es einfach noch mehr vom Gleichen. Irrsinn.
In keinem anderen wirtschaftlichen Kontext würde man das als sinnvolle Strategie bezeichnen. Man würde es beim Namen nennen. Als Fehlallokation. Als mangelnde Lernfähigkeit. Als strukturellen Irrtum. Einfach, weil das gewählte Instrument offenkundig ungeeignet ist.
Geschlossen wegen Ineffizienz wäre – bei diesen Zahlen – in jedem anderen Umfeld eine Selbstverständlichkeit.
Über den Autor
Stephan König entwickelt Marken mit Substanz – von der strategischen Positionierung bis zur kreativen Umsetzung. Als Creative Director begleitet er Projekte von Konzept und Strategie bis hin zu Design, Content und Produktion. Sein Schwerpunkt: nachhaltige, glaubwürdige Markenstrategien, die Wirkung zeigen – in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Sein Ansatz: Gutes Design und klare Strategie sind keine Kosten, sondern eine Investition in nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg. Legalisieren für Deutschland auf Instagram.

