Apotheken sind für Cannabis-Patient:innen ein kompetenter Partner

by Redaktion

Topic-Partner Interview von Ethypharm mit Florian Heimann, Apotheker und Leiter einer der größten Cannabis-versorgenden Apotheken Deutschlands

Nach fast 5 Jahren Cannabis als Medizin und dem Ende der Begleiterhebung steht das Thema Medizinalcannabis dieses Jahr an einem wichtigen Scheidepunkt, nicht zuletzt auch, weil die Legalisierung des Freizeitgebrauchs nun gesichert in Planung ist. Wird das Ergebnis der Begleiterhebung so weit überzeugen, dass Cannabis bald zumindest bei einigen Indikationen ohne Genehmigungsvorbehalt auf Kassenrezept verordnet werden kann? Die Teilnahme an der Begleiterhebung war leider nur dann zwingend erforderlich, wenn die Verordnung zulasten der GKV erfolgte. Da die GKV in vielen Patient:innengruppen (wie z. B. ADHS) die Kostenübernahme häufig ablehnte, wird die Auswertung der Daten bzgl. Effizienz und Sicherheit vorwiegend die wenigen Indikationen betreffen, bei denen die wissenschaftliche Evidenzlage schon zu Beginn der Erhebung relativ gut war (z. B. chronische Schmerzen). 

Werden die Apotheken aufgrund der Legalisierung um ausreichend Zulieferer für Medizinalcannabis konkurrieren müssen? Oder werden sie sogar gleichzeitig Cannabis zu Genusszwecken anbieten? Es muss sichergestellt werden, dass die Patient:innenversorgung oberste Priorität hat. Gerade schwerkranke Patient:innen sollten auf ärztliche Begleitung der Therapie mit Cannabinoiden nicht verzichten müssen, denn Medikamentenwechselwirkungen etc. müssen beachtet und eventuelle Risiken evaluiert werden; die Behandlung mit Cannabinoiden ist dazu sehr komplex. Es stehen inzwischen viele unterschiedliche Produkte für die Behandlung zur Verfügung – von Blüten über Extrakte bis zu Fertigarzneimitteln – um die Patient:innen entsprechend ihrer individuellen Bedürfnisse medikamentös einstellen zu können. 

Das Personal in Cannabis-versorgenden Apotheken wie LUX 99 in Hürth kann inzwischen auf jahrelange Erfahrung zu medizinischem Cannabis zurückgreifen bei der Beratung von Patient:innen mit Expertenwissen punkten. Die transparente Auflistung erhältlicher Produkte in Echtzeit auf der Homepage ist bei Patient:innen besonders beliebt. Obwohl die Anzahl der Cannabis-Verordnungen aufgrund hartnäckiger Skepsis seitens der Behandler in Deutschland noch hinter den Erwartungen zurückbleibt, setzten inzwischen auch etablierte Pharmaunternehmen wie Ethypharm auf Medizinalcannabis. Gemeinsam mit Ethypharm hat krautinvest.de beim Apotheker Florian Heimann nachgefragt, wie die Cannabis-versorgende Apotheke als Schnittstelle zwischen Patient:innen und Verordner funktioniert.

Wie hat sich die Menge der Verschreibungen von medizinischem Cannabis in den letzten Monaten bzw. Jahren entwickelt? 

Florian Heimann: Die Gesetzesänderung, wonach cannabishaltige Arzneimittel verschrieben werden können, erfolgte in Deutschland im Jahr 2017. Die Zahl der Verschreibungen und das Kundenaufkommen für medizinisches Cannabis in den Apotheken sind seither stetig gestiegen. Das Wachstum in den Jahren 2018 bis 2020 war sicherlich stärker als im Jahr 2021. Der Markt wächst immer noch, aber deutlich langsamer. Es gibt Vergleiche zu anderen Ländern, in denen erfahrungsgemäß 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung von cannabishaltigen Arzneimitteln profitieren können. In Deutschland wären das etwa 1.000.000 Patienten. Tatsächlich sind wir aber erst bei 150.000 bis 200.000 Patienten.  

Welchen Einfluss wird die neue Regierung auf den Markt für medizinisches Cannabis nehmen?

Florian Heimann: Im Hinblick auf die neue Regierung, die eine Legalisierung von Cannabis als Genussmittel in Ihren Koalitionsvertrag aufgenommen hat, gehe ich davon aus, dass dies in dieser Legislaturperiode auch umgesetzt wird. Wie und wann, ist natürlich noch offen. Diskutiert wird derzeit die Möglichkeit der Abgabe von Cannabis in Apotheken und/oder aber auch in lizenzierten Geschäften. Da stellt sich für mich die Frage, welche Art von Lizenz oder Qualifikation das sein wird. Grundsätzlich haben Apotheken in den letzten Jahren viel Erfahrung sammeln können. THC und CBD sind potente Substanzen, die aber auch sehr beratungsintensiv sind. Wenn der Gesetzgeber eine Gesundheitsschutzberatung auch bei der Verwendung als Genussmittel vorsieht, sind Apotheken hier natürlich ein kompetenter Partner.

Welche Rolle hat die Apotheke bei medizinischem Cannabis im Zusammenspiel mit dem Arzt und dem Patient:innen eingenommen? 

Florian Heimann: Grundsätzlich freut es mich, dass die Apotheke eine so große Rolle bei der Betreuung und Versorgung von Cannabis-Patienten spielt. Eigentlich besteht unsere Rolle hier aus dem ursprünglichen Berufsbild des Apothekers, nämlich aus einer auf Rezept verordneten Heilpflanze ein individuelles Medikament herzustellen. Die Erfahrungen, die wir bei der Beratung und Betreuung von Patienten machen, geben wir in Beratungsgesprächen weiter. Wir führen jeden Monat viele hundert Beratungsgespräche zum Thema medizinisches Cannabis. Dieser Erfahrungsschatz, den wir haben, ist vielleicht größer als der eines nicht spezialisierten Arztes. Er ist unser wertvollstes Kapital, das wir intern an neue Mitarbeiter weitergeben und in der Beratung von Ärzten und Patienten zur Verfügung stellen. Da es noch nicht genügend Daten und Leitlinien gibt, können wir unsere Erfahrungen bei der Wahl der Darreichungsform, ob inhalativ oder oral, der Dosisfindung, den Nebenwirkungen und Kontraindikationen, den bürokratischen Hürden und vielem mehr einbringen.

Sind Patient:innen, die zu Ihnen kommen, gut informiert? 

Florian Heimann: Es gibt nicht den Patienten, den ich hier beschreiben könnte. Aber gerade bei Cannabis haben wir es oft mit Patienten zu tun, die viel darüber wissen, weil sie durch die Umstände gezwungen waren, ihre Beschwerden durch den privaten Gebrauch von Cannabis zu behandeln. Dadurch haben sie Vorerfahrungen gesammelt. So hatten sie vor allem vor 2017 sicherlich mehr Informationen über die Verwendung und Dosierung von Cannabis als wir in der Apotheke oder als die Ärzte.

Wir haben auch Patienten, die sich mit Cannabis überhaupt nicht auskennen, aber schon seit vielen Jahren eine Verbesserung ihrer Lebensqualität suchen. Diese Personen haben meistens eine lange Leidensgeschichte hinter sich und haben durch die Medienpräsenz dieses Themas die Hoffnung, dass Cannabis helfen kann. Die Patienten kommen mit vielen Fragen. Das Stigma, mit dem die Patienten bei der Verwendung von Cannabis konfrontiert sind, ist ein Thema. Ein anderes Thema ist die Angst der Patienten, die keine Erfahrung damit haben und sich fragen, was sie sich und ihrem Körper jetzt antun.

Erleben Sie bei den Patient:innen eine positive Wirkung durch die Einnahme von medizinischem Cannabis?

Florian Heimann: Cannabis ist keine Wundermedizin. Niemand würde behaupten, dass es bei jeder Indikation hilft. In der Apotheke bekommen wir überwiegend Rückmeldungen von Patienten, die mit der Cannabis-Therapie Erfolg hatten. Über diese Gespräche freuen wir uns, das sind Geschichten über lange Leidensgeschichten und über Therapieerfolge mit medizinischem Cannabis, die den Menschen eine bessere Lebensqualität gebracht haben. Aber daraus zu schließen, dass dies bei jedem Patienten funktioniert, ist natürlich nicht der Fall. Aber wir bekommen diese Rückmeldung eher bei Therapie-Erfolgen als bei Therapieabbrüchen. Trotzdem bekommen wir auch häufiger zu hören: Ja, es hat mir geholfen, aber ich habe diese und jene Nebenwirkung. Dann können wir mit unserer Erfahrung helfen und vielleicht einen Wechsel des Präparats, eine andere Dosierung oder Darreichungsform empfehlen.

Über Florian Heimann:

Florian Heimann hat in Bonn Pharmazie studiert und 2007 seine Approbation erhalten. Seit 2010 leitet er als Filialleiter die Apotheke LUX99 in Hürth bei Köln. Die Apotheke hat sich unter anderem seit 2014 auf die Versorgung von Cannabis-Patienten spezialisiert und unter cannabis-apotheke.de eine Service- und Informationsplattform etabliert. Er ist Gründungsmitglied des VCA – Verband der Cannabis versorgenden Apotheken e.V. und als Referent mit Fokus auf den deutschen Cannabis-Arzneimittelmarkt tätig.

Hinweis der Redaktion: In diesem Artikel berichten wir über medizinisches Cannabis. Dieser Artikel macht zur möglichen Zweckbestimmung, Nutzung und Verkehrsfähigkeit von Produkten keinerlei Vorschlag. Es handelt sich um keine Rechtsberatung. Der Inhalt ist ein rein redaktioneller und nicht-kommerzieller Meinungsinhalt und dient der allgemeinen Information.

Bildquellen

  • Florian_Heimann_Foto: Florian Heimann

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